Samstag, 7. November 2026

Manifest

 

Den Mantel um den Leib ziehen und eine dicke Schnur darum wickeln.

In die Wolken schauen und die Zeit messen am Ziehen, Drängen, Türmen, Stehen

und Gehen der Formationen und ihren Verwandlungen.

Die Sonne grüßen und sich verneigen wie sie hindurchgeht als Strahl, Tuch , Schwert

oder über den Baumwipfeln steht als vibrierender Punkt.

Der Zeit so die Wünsche von den Lippen lesen, die letzten drei Wünsche sprechen.

Ausschau halten, Rückschau. Kopf und Füße entlang eines Lots ausrichten.

Mit nackten Füßen langsam über das Herbstgras gehen.

Niemals zwei passende Socken tragen.

Immer Papier dabei haben und die Besserwisser mit der Spitze des Bleistifts, den es

immer mitzuführen gilt, von der Klippe ihrer Besserwisserei stupsten. Ein Windstoß

mag dabei helfen.

Die Widersacher mit dem Stift durchbohren und ins Vergessen schicken, so sie nicht

zur Rechenschaft gezogen werden können.

Sich beim Anblick von Blumen und hungrigen Katzen erweichen lassen.

Fremdbestimmung unbedingt ablehnen. Eine Brille tragen, um das Kleingedruckte in

den Herzen zu entziffern.

Die Wahrheit in der Manteltasche mitführen, in Worte portioniert.

Denselben Respekt zeigen vor Fruchtfliege Weberspinne, Rabe und Baum.

Das große Ganze im Kleinen und das Detail in der Ganzheit erkennen.

Mit geschlossenen Liedern liegen und Sterne regnen lassen.

Die Adleraugen rechtzeitig öffnen und sich herniederstürzen aus der Luft; sich üben

in Technik, Fokus und Präzision.

Fünf, sieben, neune gerade sein lassen.

Musik machen, egal wann und wie.

Farbe versprühen und einen Kreis mit Tusche malen.

Täglich einen Baum zeichnen und seiner Erzählung zuhören.

Mit dem Mond ein Lied singen, ein Gebet sprechen.

Den Deinen so viel Arme voller Liebe bringen wie gewünscht, damit das Wünschen

nicht verloren geht mit der Liebe.

Gut schlafen und gut essen.

Den Vögeln zuhören, dem Gras und den Wolken lauschen.

Sich bedanken.

Opfern.

Schenken.

Die Hände öffnen, den Mund und die Augen; langsam wieder schließen.

Die Füße in die Handflächen nehmen und die Zehen küssen.

Eine Heimat im Wald finden bei einer Baumfamilie.

Das Moos an der Rinde atmen und mit den Wurzeln gehen.

Die Wunden mit Klee und Steinen bedecken, Narben einreiben mit Asche.

Warten.

Weitergehen.Immer wieder in den Himmel schauen, Entdeckerin sein.

Zur Ruhe kommen.

Rhythmus finden.

Mantren singen.

Meditieren.

Gedichte auswendig lernen in einer anderen Sprache.

Der Traurigkeit einen Verband schenken aus Papier und Blütenblättern.

Niederschreiben, aufschreiben.

Dichten.

Träume trinken.

Vergessen.

Die Bitterkeit schlucken und ein großes Stückkuchen hinterheressen und mit Kakao

herunterspülen.

Hinausgehen und mit Freunden singen.

Dankbar sein.

Laut lachen.

Weinen.

Den Blick ruhen lassen.

Den Mantel öffnen und die Haut spüren mit Hand und Luft.

Die Fingernägel zu Erde werden lassen; Blumen darin pflanzen: Veilchen,

Stiefmütterchen, weiße Sterne und rosarote Planeten.

Ein Tier lieben mit Federn oder Fell. Es wartet im Jenseits auf dich.

Ein Bett bauen auf dem Hügel und warten, bis das Tier dich abholt und begleitet in

die Lüfte.

Den Bogen nehmen und Gambensaiten streichen.

Wiederum hören und lauschen.

Das Leben als Fragment betrachten.

Dort, wo das Feuer das Wasser und die Erde die Luft berührt, die Kanten

zusammennähen und die Säume betasten.

Die Säume auflösen.

Im Ende den Anfang sehen.

Noch einmal die Nähe und Wärme spüren von einem geliebten Leib: Hände, Lippen,

Wangen, ein pochendes Herz am Hals, ein Puls, der Zuneigung verrät, Kennen.

Einen Samen zwischen zwei Fingern halten, ein Korn.

Die Materie verlassen, in den Kreislauf Übergehen.

Ding sein, Molekül, Quantenteilchen, Mü.

Nichts sein und alles.

Sprechen.

Sagen.

Schweigen.

Lächeln.

 

 

 


 Ruhe vor dem Sturm

 

(c) VG Bild, Eva Wal 

 

Montag, 19. Oktober 2026

Sommerwasser und Winterschafe

 

Ich kam auf dem

sommerwasser mit dem

hummmelbrummenden

summen in meinem herzen die fensterflügel standen weit

offen ein warmer wind wehte hinein

Ich nahm den sommer mit wie einen arm voller heu für winterschafe

am ofen mit dem knisternden feuer denke ich an die milde der

schatten welche die bäume in der großen hitze spendeten

Nun werden beeren zu nüssen blüten zu früchten

das gelb der trockenheit weicht den herbstfarben

die schafe tragen blätter auf den nassen hörnern

zur dekoration

 

Das leben wurde ein

janusköpfiges

ding ein wesen aus malader materie

und den wachsenden flügeln des geistes

der fantasie

Immer wieder brach die materie zusammen

über dem geist immer wieder schüttelten sich

die flügel den staub aus den federn

erhoben sich mit dem körper in ihrer mitte

Unten auf dem weg glänzen feuchte eicheln zwischen

den ungeschliffenen diamanten die von meiner zunge glitten

und herabgefallen waren

schneller präziser als das fallende laub

nicht rauschend sondern klirrend wie

die sterne am kalten firmament

der kompass

 


 (c) Eva Wal, VG Kunst



Freitag, 9. Oktober 2026

Herbst

 

Der nahende Herbst trägt ein warmes Fell ein

ganz eigener Glanz eingewebt darin – kühler

Wind weht um sein Haupt die knorrige Krone

Im Gebüsch schlagen Hagebuttenköpfe aneinander

Einzelne Pusteblumen – Relikte des Sommers – halten

ihre Schirmchen festgekrallt – Holunder und Brombeeren –

der Ernte entkommen – hängen auf dunkle Punkte

zusammengezogen schmerzhaft an ihr grün-rotes Gestänge

geschweißt.

Der Winter ist nicht in Sicht aber wir sind umzingelt von Hügeln

höher und flacher – wer weiß schon was da kommt…

Zum Abschied springt das Laub in Farbe dagegen stehen die

toten Stämme der Fichten und Lärchen aufrecht und kahl wie Pfähle

Gelassen bleibe ich ein Stamm mit unruhigem Mark und schuppiger

Rinde mit moosigem Mund – wenn der Wind rauscht und durch die

Stämme pfeift meine ich es sei das Meer – Da höre ich Hufe klappern

Ein Pferd und die Stimme einer Reiterin nahen gemächlich gehen sie

ihren Weg das Pferd will am Ende duftenden Hafer finden

Doch ich verlasse mein angestammtes Holz um mich auf

seinen Rücken zu schwingen – die Reiterin bläst es fort denn

ich bin die Windsbraut und rufe die apokalyptischen Jahreszeiten-Pferde!

 

 


 Foto von Franz Heinbach,

im Rahmen seines Projekts "Ein ganzer Tag"

www.fh-fotos.de 

 

Während Franz das Foto von mir an meinem Schreibplatz machte,

entstand ein automatischer Text: 

 

Fuchs und Reh aus meinem Bauch/ an allen Stellen wartet etwas/  ein See eine

Blume/ mit der Flosse einer Seelilie geschuppt/ leuchtend fluorgrün mit einem Halo//

Das ist eine Szenerie wie aus dem Buche/ so steht es geschrieben/ So sehe ich die

Welt und neben mir kann ich schon nichts mehr erkennen im Dunst der Stunde//

Wie geht der Tag/ dieser Weg/ wie geht es weiter? Wo ist Ruhe? Freude? Ich

spüre den Wind zum Meer/ ein Gedicht in einer Muschel/ Fuchs und Reh sind zu

einer Wolkenformation transformiert.

 

 

 

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Erster Oktober

 

 Nun regnet es; ein kontinuierliches Rauschen und Strömen, das Tränken und Trinken der Bäume und Wiesen. Die Dorfwiese ist ein wogendes Gewässer, eine rauschende See mit Wellen aus grün-braunroten Pinselstrichen und weiß gedeckten Spitzen.

 Der Spatz, der sich auf der Fensterbank mit Futter versorgt, könnte in meine Hand passen. Das Eichhörnchen, zurückgekehrt nach der großen, langen Hitze, klettert behände von der Dorfbank in die Fichte, verschwindet im Laub des Nussbaums und in der dichten Hecke.

 Ich sitze in meinem Dach im Fachwerkhaus, nachts schaut der Mond hinein, trinke Tee und lausche dem Regen, der durch Rohre gluckert und auf Fässer klopft, lenke meine Gedanken, die immer dasselbe Brot kauen, auf andere Bahnen mit Lektüre von Gedichten und Kurzgeschichten… Es ist gemütlich und im Haus noch nicht zu kühl. Der Kachelofen wartet auf Holz, Feuerfutter im Herbst.

 Das rhythmische Zwitschern und Rufen der Vögel aus der Regenkulisse klingt so frisch, als hätten sie mit Regenwasser gegurgelt, ihre Kehlen gespült.

 Wasser! Verschwenderisches Wasser von oben, wo sich die Wolken, endlich einig, verschworen haben zu einer dichten Decke, um abzuregnen.

 Am Abend lässt sich der Spatz sich in meinem Handteller nieder, um zu schlafen. Sanft schließe ich meine Finger um sein Gefieder und singe ihm ein Lied.

 

 


 

 

Freitag, 11. September 2026

Schafologie

 

Ein Schaf ist ein Schaf ist ein Schaf ... ?

Es gibt Schafe und Schafe und Schafe, die heißen "Kamerunschafe", kommen wohl also aus Afrika, so steht es im Namen. Wunderschön sind sie, tragen geschwungene Hörner und die Augen schwarz umrundet wie mit Kajalstift... Besonders eines aber, besonders dieses eine, löst sich immer wieder aus der Herde und kommt zu mir, als habe es sich verliebt... So steht es mir auf diese und jene Weise, jedenfalls geduldig, stoisch und treu, wie es schafsartig zu sein scheint, Modell.

 Eine Hommage, eine Studie, eine Etüde.

 

 

 

 

 
 
 
 


 

   


















Fotos und Zeichnungen (c) Eva Wal, VG Bild

 

Mittwoch, 26. August 2026

Märchen

 

Das gute Ende

 

In den Märchen meiner Kindheit

waren die reinen Herzen

Orten verbunden draußen vor den

Häusern Schlössern und Burgen der Welt.

 

Gutes und Böses spielte im Wald – dort lebte

das Schicksal in Fantasiegebilden sprechender

Tiere Bäume und Pflanzen.

 

Hier ist ein Ort wo Hibiskus blüht in

Weiß und Blau hier sprechen die

Hagebutten und der Fuchs übermittelt

Botschaften rennt über Hügel und durch

Täler vor der Nacht.

 

Die Vögel kreuzen den Ozean des

Himmels der sich luftig aus den grünen

Mulden hebt – steigt – in flüssigen Farben

leuchtet – veilchenblau mit rosa Wolkengefieder –

 

über dem Dunkel des Berges aus Wald.

 

Der steht erstarrt das Schicksal umklammernd –

eingeschlossen in ihm das Gedächtnis – niemand hier

draußen weiß was darinnen geschieht.

 

Die Märchenfiguren haben Brombeeren unter ihren

Zungen verschlossen – das reine Herz kullert durchs Holz –

 

Seine Reise muss eine Prüfung sein

Der Chor singt „Katharsis“ und rüstet ein

Schiff – doch das reine Herz nimmt nur die halbe Schale

einer Walnuss zu queren die rauheste See –

 

Es knackt und rauscht im Holz der Regen trommelt aufs

Blätterdach Pfoten werden geputzt unter Kaskaden herab-

tropfender Perlen und Kleider wäscht man rein.

 

Hier muss eine Oase sein mit einer

Sonne aus Weisheit die wärmt mitten im

eisigen Winter – der steht dem reinen Herzen noch

bevor – die Dunkelheit aus getränktem Samt – der

Staub erhebt sich wie Asche – aus jedem Feuer kommt ein

Phönix und reicht seine Opfer in Form von gepresstem

Brot.

 

Das reine Herz muss das Haus verlassen die

Hütte das Schloss – barfuß zu jeder Jahreszeit - da

braucht es solches Brot – es geht ums Überleben die

Prüfung Erlösung – es lauern Gefahren und auch ein

Trunk tut Not sei er noch so bitter – Hauptsache es ist das

richtige Kraut die richtige Medizin.

 

Was passiert wenn das reine Herz das Märchen verlässt –

Brombeeren nur für Marmelade taugen und die Ranken der

Heckenschere zum Opfer fallen? Vögel bloß zwitschern und

Füchse nur da sind um Hühner zu morden?

 

Ich frage den Kolkraben – er scheint mir wissend – sagt es

spielt keine Rolle das Märchen lebt weiter und wie ein

reines Herz kann man es nicht töten und niemals ist es un-

sichtbar dort wo ich heute hingekommen bin.

 

Schließlich – so sagt der Rabe – geht jedes Märchen zumindest bis

zum Lebensende gut aus.

 

 


 

 

ORT 

 






 












Ein heftiger Wind aus Grün

Ein heftiger Regen, ein Rauschen und

Trommeln von Blättern an ihrem hölzernen Gestänge - 

rasselnde Gefangene in Käfigen wild nach Ausbruch und

Befreiung- bald kommt der Herbst und reißt fort - trägt sie davon-

Kinder der Luft die zurück zur Erde sinken.

 

Ich bin ein Menschenkind mit zwei wandernden Baumstämmen am Leib

mit weißer glatter Rindenhaut - der Herbst wird mich nach innen treiben - 

Ein Nest aus buntem Laub wird meine Träume hüten. 

 

Bauch an Bauch stehe ich mit Bäumen im Augenblick - rieche

warme bemooste Rinde - sauge das Alter der Ahnen - ihre Wärme - ein.

 

Der Sommer ist nocheinmal zurückgekehrt - zum Heizen reißen wir nun

die Fenster auf!

 


 

 

 

Dienstag, 4. August 2026

Solitude

 

Die Glocken der Dorfkirche bimmeln in die Birken

        am Abend endlich

                    rauscht Regen durchs Laub

prickelnde Tropfen Erleichterung

                                    bald fallen die Äpfel

 

Wundersam wiegen sich die Bäume über dem Haus

                                            ein Vogel ist darauf gelandet

 

Drüben im Wasserfallwald dreht sich in

                            heller Aufregung das Laub

 

Wild schreit der Himmel und Rot schiebt sich

                            zwischen meine Stirn und die Welt

 

Im Auge des Wetters ruht der Moment auf

        verbrannter Wiese mit einem Streifen Grün

 

Unten ist Frieden im Genussgarten

                        der seine Gäste umklammert

 

Trostmusik für traurige und nervöse Skelette

                    umgeben von der Gunst dieses Ortes

                                                                            Solitude