Donnerstag, 16. Juli 2026

Sommertag


Im Haus brennen die Kerzen
keimt der Morgen mit Taubengurren herein

Die Dorfstraße liegt still im Tempel brennt Licht

Der grüne Wald vis a vis hält Vogelstimmen in einem Glockenraum

Mein Fenster ein Tor
Die Wände des alten Hauses eine Membran mit Patina aus Rauch Holz Atem Schweiß

Es ist Sommer und der Wind ist warm es werden ihm Zähne wachsen nach einer Handbreit Zeit

Hineingewachsen in den Schwindel den Duft von Rainfarn am Morgen flitze ich übers Feld steige auf mit den Vögeln kopfüber unsere Bäuche getunkt in gelbes Pigment

Wir sind Riesen in einer Mikrowelt
Wir sind Miniatur in einer gigantischen Kulisse

Der Tag schwillt an tritt über den Wegesrand der gleichgültig unter den Tages- und Jahreszeiten liegt
Ein Saum an dem die Welt zu öffnen und zu schließen ist

Ich tapse darüber balanciere eine Ballerina mit Dachshaar und hellblauem Elefantenkleid

An meinen Finger dröhnt eine Hornisse
Ein Schmetterling hat sich schon wieder
verflogen zu mir - schüttelt den Farbstaub
auf meine Bilder die ich mit zitternder Tuschehand ins Baumgefieder zeichne

Meiner Bestimmung folgend habe ich mich verirrt führe die Hornisse durch die Mittagshitze Freies Geleit für Insekt und Mensch
Der Tag ist von Licht und Schatten grundiert

Tauben fallen durchs Laub vom Tempel kommen schwebend Menschen tragen Blumen und Kuchen

Wer wollte nicht zuschauen und warten bis sie zurückkehren wie die Bienen in ihren Honigkorb

Mir aber läuten die Glockenblumen
Es wartet der Klee Mädesüß betört
hüllt den Kampf von Engelwurz und Bärenklau in eine Halluzination
Disteln schießen ihre Bärte als Wolken ins Blau
und Johanniskraut verspricht Beruhigung

Von alldem erzählt die Espe und weiß mehr
Mich aber lockt der Bachlauf hinter dem Erlengebüsch von Weiden erklärt

Am Abend tönen Erntemaschinen übers Tal stapeln Heuwürfel und fahren zum Spieleabend der Giganten und Welten en miniature



Sommermorgen

 









Neuer Ort, neue Zeit, neue Gesichter

Neues Leben
















Montag, 29. Juni 2026

Junimond

 


Zwei Gedichte zum Übergang.

Das Alte wird verabschiedet, die schönen Erinnerungen alchimistisch verschmolzen, die Lehren geschluckt wie Medizin.

Das Neue ist frisch und ruft. Es ist schon da, ich bin schon dort. Das Räumen und Packen im alten Haus eine Strapaze, aber es ist bald geschafft. Ein Strudeln und Strömen sehr unterschiedlicher Energien. Klarheit. 

Vergangenheit.


Zum ersten Mai wird das Kreuz vor unserem Haus feierlich geschmückt.
Die Dorfbewohner kommen zu einer Andacht.
Das Fest ist vorbei. Der Schmuck wird sich selbst überlassen. Man kümmert sich nicht weiter bis in den Juni. 
Was nicht zur Feier gehört, bleibt liegen. Was nicht in vorgesehene Muster passt, bestenfalls ignoriert.
Hier wie anderswo. So ist es, war es und wird es sein. Lobet den Herrn!




Und an allen Orten tanzen die Glühwürmchen, blühen die Rosen, die Seerosen, die Linden, und es glüht der Erdbeermond. 






Neue Aussicht













Warum nicht mal eine Schnulze aus den 80ern zitieren, geröhrt und geraspelt von Rio Reiser.

Für mich war es das Ende einer schwierigen Schulzeit, der Aufbruch in die große weite Welt mit Rucksack, Schlafsack und Tramperdaumen, natürlich auch mit Liebeskummer... aber und vor allem mit Glück, viel Glück!




Dienstag, 2. Juni 2026

Home

  

 
 
 
 
  

The Scale 

 

 

How much does a whale weigh

against a bullet in a child?

 

How much is a cup of tea

for a journey on water  

with no shore?

 

How much is your love

scaled against justice for

a woman in a prison cell?

 

Is a planet worth less

seen from the whole of the universe?

 

How much do your belongings count

Your house your shelter your home

against a dictator’s will?

 

What’s the worth of your favourite things?

How do you measure memories?

 

How much does your childhood weigh

Can you trade it for feathers or for gold?

 

How much are your dreams

in a hand on the forehead of dying man?

 

How heavy is a flower or how

light against the grain of evil?

 

How much does the image of a god or

a goddess weigh against the mass of

people ready to kill for the idea of belief?

 

What weight needs a toe carrying a ballerina

or a tongue for a word of comfort or

a sting?

 

How much the devil is your money worth

And can you trade it for your fate?

 

How much is a weapon for wisdom?

A basket of sorrow

a quarrel a fight

for an eyeful of joy?

 

The amber of a happy moment

against the vastness of despair?

 

Does a trace of an artist’s single

brush stroke or a pencil’s line

compete with the colourful richness

of an Indian elephant decorated for

a festivity?

 

The whale in the ocean and the child

they ride the waves to a faraway shore

 

 

published here: 

 
 
 
 
  
Loslassen ist das große Thema bei einem Umzug, verbunden mit der Räumung eines ganzen Hauses, 
das über dreizehn Jahre hinweg voll und voller wurde bis zur Überfüllung. Wie ein Leib, der gar nicht
merkt, wie er zu schwer wird, während er aufnimmt, was nährend und wertvoll scheint, doch schon längst
nicht mehr verwerten kann, ist dieses Haus eine materielle Metapher für eine Lebenshaltung und
-situation.
Nun musste ein Konzept her, den Prozess des Anfüllens, des Sammeln und Bewahrens nachhaltig zu
verändern. Ihn zu überführen in ein leichteres Halten und Behalten ohne Verlustängste, in gestaltete
Räume, welche Ressourcen und Inspirationen angemessen verwalten sowie die künstlerische Produktion.
 
So freute ich mich besonders über die Ausschreibung zum Thema "weight" für Poetry Worth Hearing,
dem englischsprachigen Podcast und Online Magazine von Kathleen McPhilemy aus Oxford. 
Die Beschäftigung mit "Gewicht" im physischen wie metaphysischen Sinne ist wie eine Basslinie im
andauernden Projekt, den eigenen, unmittelbaren Lebensraum neu zu ordnen und zu definieren.
Das Gedicht "The Scale" gab mir die Gelegenheit, die Sicht auf mein eigenes kleines Leben wieder einmal
in eine weitere Perspektive zu überführen und erfreulicherweise in die Gesellschaft wunderbarer Gedichte
aufgenommen zu werden für Kathleens Episode 42 bei Poetry Worth Hearing.
 
Eine Neuentdeckung in diesem Monat war die französische Sängerin Camille.
Der Song "Home is where it hurts" trifft auf meine aktuelle Situation mit der permanenten Reflexion,
was ein Zuhause ausmacht.
 
 
 

 
 
 

Montag, 11. Mai 2026

Rotes Haus in Hove


Gedicht von meinem Neffen Beat

 

Das waren Zeiten! Vor dreizehn Jahren, der stolze Anfang unseres Lebens im Dorf.

Noch bis Mitte fünfzig hatte ich Kraft zum Bäumeausreißen... oder daran herumzuklettern wie ein übermütiges Kind. Was, wenn einen die Kraft verläßt? 

Man Haus und Hof nicht mehr bewirtschaften kann, permanent überfordert und zu Tode erschöpft ist? 

Arbeitsunfähig. 

Keine Kraft, keine Resilienz... und irgendwann die Erkenntnis, dass Covid etwas damit zu tun hat. Aber was? Die Erkenntnisse sind nebulös, doch der Zustand einer Betroffenen konkret. Schlimm. Aushaltbar.

Unberechenbar.

Das Leben geht weiter, aber ein Umbau auf eine den massiven Einschränkungen angepasste Lebenssituation kostet natürlich: Kraft. Fatigue, also Dauererschöpfung, ist dabei keine gute Helferin.

Schmerzen. 

Stigmatisierung statt Verständnis oder Unterstützung. Isolation, medical gaslighting, alles trifft zu. Das Dorf zunehmend abweisend. Ich werde sozusagen ausgespuckt.

Genieße dennoch oder allem zum Trotz die letzte Blüte im Mai, hier in - noch - meinem, unseren Haus.

Rufe Erinnerungen an schöne Momente.  Das Leben geht weiter... *

 

Mount Cheminis, Canada, Ontario, 2022

 

Blüte im Garten 

 








 



  

*... Wo und wie mein Leben weitergeht, werde ich zu gegebener Zeit zeigen und beschreiben. 

Jenseits vom Kulturbetrieb, außerhalb der Norm. Doch innerhalb neuer Begrenzungen kann sich noch Neues öffnen, so hoffe ich jedenfalls, und bereite mich vor.  

Danke den Freunden und Helfer:innen! 

 

Zwischendrin kritzele ich mal ein wenig herum. Der Mai ist recht kühl und verregnet.

 

 

 

 

  

Donnerstag, 16. April 2026

Grün

  

Das Grün schießt hervor und verschluckt mich.

Das Grün mit gelben Sternen und Löwen(zahn)sträußen

besetzt, das Grün mit zartem violetten Wiesenschaum wie

von zitternden Flügeln. Das Grün, gemischt aus Blau und Gelb,

kalt strahlend und wenn, dann von eigenartiger Wärme, ambivalent.

Das Grün hat ein offenes Maul. Ich schwimme hinein. Jonas im

Grüntiermagen. Jonas in einem  Brennnessel-Ballon,

Jonas mit einem Tannensprössling und Buchenblatt

im Mund, eingespeichelt auf der Zunge, Frische

und Säure verströmend. Grün ist lebendig.

Ich bin von der Lebendigkeit

ver-

schlungen.

Der Apfelbaum vor dem roten Haus. 

 

 




 


Maria Valewa

Fotos (c) VG Bild-Kunst 

 

Donnerstag, 2. April 2026

Pink Moon

Der Vollmond im April ist der rosa Mond und steht im Zeichen der Waage.

Rosa wie meine Kamelie, die erste Pflanze, die ich vor dreizehn Jahren vor mein Haus in die Erde eingrub. In diesem Jahr blüht sie das letzte Mal für mich, denn ich verlasse das Haus und das Dorf.

 







 

 

 

Es bleibt mein Huhn Lulu, das nach anderthalb Jahren zu mir zurückkehrte und mit mir geht. Eine dramatische Geschichte, die sie besser selbst erzählt... als Fiktion.

Heute legt Lulu jedenfalls wieder Eier. Frohe Ostern! 

 



 Am Anfang: 2 Hühner, 3 Eier

 

Niemand kann den Pink Moon schöner besingen als Nick Drake: