lyrik

A Simple Piece of Peace


Do I know peace?
There is always something missing
it seems

Do I know war, which has to be the opposite?

I was told that I live in peace
and that I have to be grateful not to know
sirens, war-planes, nights in bomb-shelters,
burning houses and other horrors of war

Indeed, I learnt to be grateful for that

But still I wonder: who are they,
war and peace?
Brother and sister, Janus-faced twins?

Why can’t I find peace in my heart
although I do not know war?

I carry seeds
I am a child of peace and
a grandchild of war
I am an heir of both

In the morning I ride
on the back of my horse
into the autumn forest

Golden rays of light fall
through the fir trees
on the mossy ground lie
red and yellow leaves
and brown cones

Birds fly up, soft noises of
breaking twigs under
my horse’s hooves

I sing a song to my horse
her ears move gently back
and forth, when she listens

There is no world outside
the autumn-scented forest
around us

There, a seed falls from
the beak of a bird

A shoot will grow from it
next spring
growing up
becoming a tree
After a long time
the canopy will reach the sky.


Eva Wal, Oktober 2018




Frieden is so einfach


Kenne ich Frieden?
Immer scheint etwas zu fehlen

Kenne ich Krieg, der das Gegenteil sein muss?

Es wurde mir gesagt, dass ich in Frieden lebe
Es wurde mir gesagt, dass ich dankbar sein muss,
keine Sirenen, Bomber, Nächte in Bombenkellern,
brennende Häuser und anderen Kriegs-Horror
erlebt zu haben

Dafür dankbar zu sein, habe ich gelernt

Doch immer noch frage ich mich, wer sie denn sind,
Krieg und Frieden?
Bruder und Schwester,
ein janusköpfiges Zwillingspaar?

Warum kann ich Frieden nicht im Herzen finden,
wenn ich den Krieg nicht kenne?

Ich trage Samen
Ich bin ein Kind des Friedens
und ein Enkelkind des Kriegs
Ich bin Erbin beider

Am Morgen reite ich
auf dem Rücken meines Pferdes
in den Herbstwald

Goldene Sonnenstrahlen fallen
durch die Fichten
Gelbe Blätter und braune Tannenzapfen
liegen auf dem moosigen Grund

Vögel fliegen auf, leise knacken
Zweige unter den Hufen meines Pferdes

Ich singe ein Lied für mein Pferd
Sanft bewegen sich seine Ohren,
vor und zurück, wenn es mir lauscht

Es gibt keine Welt außerhalb des
herbstduftenden Waldes, der uns umgibt

Da fällt ein Samen
aus dem Schnabel eines Vogels

Ein Schößling wird keimen
im nächsten Frühjahr

aufwachsen und
zu einem Baum werden

Nach langer Zeit
wird die Krone in den Himmel reichen



Eva Wal, November 2018




(c) Eva Wal, VG Bild


The Wind Knows

Poem about a Poem

for a little boy


In the morning
just before raven
wipe their eyes with
the tips of their wings
and a rainbow stretches
from the green horizon
towards your window
over your house to another
horizon behind
dreams tiptoe away
a poem unfolds from
under your bed, creeps out
and asks: may I reveal myself?

A daydreaming poem
a poem about friendship and
cats, for example, about bright
things and the dark
about ghosts in the chimney,
the poem whispers

A poem made of voices outside
of your window, swaying over the field
whistling, piping, rattling
where the rainbow has just faded away

You hear laughter and sobs
the poem wants to tell about longing
and joy and hope and everything that is
important and cannot be said in sentences
with words put together like a puzzle into
a picture that everyone understands
By the way, no picture is understood
by anyone in the same way

So the poem crawls back under your bed
while you go to have breakfast

The poem will never be written

only you know the words and the voices
that you will share with the wind.

  

(c) Eva Wal, OKTOBER 2018, VG Bild



Die tägliche Reise der Seerose

 Transzendenz


I
Ich atme von
außen nach innen,
von innen nach außen,
mit dem Licht,
mit meinen Blättern und
meinen Farben
atme ich

Ich öffne und schließe die
Augen und den Mund,
die Hände und den Blätterleib
um meine Mitte

Mein Spiegelbild breitet sich aus
wie ein Gewand und singt sirenenhaft

Blind, doch mit geöffneten Augen
falle ich durchs dunkle Wasser

An meinem Stengel entlang geht die Reise
ins Labyrinth der Tiefe am Grund


II
Ungewiss ist alles,
nichts wissen meine Augen, nichts

Mein Blick, gefangen in
den Augen eines winzigen Insekts,
fliegt auf von der Wasseroberfläche,
hoch hinauf ins Blau, das der Tiefe gleicht

Verschwunden ist das kleine Insekt,
hinter der Tujahecke mit
Millionenscharen geschwätziger Vögel,
verschwunden ins Jenseits,
doch meine Ohren bleiben am Grund

Ungewiss ist alles,
nichts wissen meine Ohren, nichts

Hummel und Libelle,
Schmetterling und Fliege,
Mücke und Wasserläufer,
sie alle kommen und verlassen
mich wieder zu jeder Zeit,
denn sie sind nur Besuch

Zuhause aber bin ich auf der Reise
in die Tiefe und hoch hinaus ins Himmel-
blau, ins Jenseits hinter der Tujahecke

Von innen nach außen,
von außen nach innen
geht mein Atem,
und ich gehe mit

Ungewiss ist alles, nichts ist gewiss




(c) Eva Wal, VG Bild, Juli 2018



Orkan


Ich wohne im hellen
Auge des Sturms,
Blaumeisen schwingen
mit Orkanböen

Der Tanz der hohen
Tujahecken ist viel zu
wild für die alten Damen,
doch sie halten zusammen

Im kahlen Geäst der Birken
an der Auffahrt lachen die
Schutzgeister mit hohlen
Stimmen

Gelbe Wolken reisen in schneller
Fahrt am Himmel, sie bescheinen
das Blau  und drängen sich vor die
Dunkelheit

Im Haus gegenüber, dort, wo die
Fensterläden fest an der Häuserwand
kleben, wohnt eine Verstorbene

Ich bringe den Vögeln Futter in
den Sturm; sie sollen gestärkt
sein für den großen Spaß auf hoher
Sturmsee

Die Vögel sind lebendig, auch wenn
die Geister von Toten in ihren Kehlen
wohnen

 

Januar 2018




πάντα ῥεῖ

da alles fließt,
fließe ich mit
der zeit

silbern tanzt
das licht auf
dem wasser
und manchmal
tanzt ein silberhaar auf
meinem kopf

älter werde ich nicht,
denn jeder moment
ist gleich,

doch zu keiner zeit
gleicht ein moment
dem anderen.


oktober 2017



(c) Eva Wal, Juli 2017
















Drei Gedichte

schwimmerin
rückwärtsschwimmend, hoffend, solitär
durchmesse ich den tag und
tauche ein in die kreise der gedanken
um banales, alltägliches und die ganze
welt; gehorche der stimme, die mich
verwirrt hat, öffne meine hände und
heraus fällt glas auf harten stein;
könnte ich doch ein baum sein, der
seine früchte auf weichen boden
entlässt!

***
spaziergang
den kornblumen und dem flieder
wachsen schmetterlinge aus den köpfen;
sie trennen sich ab und schweben
davon, besoffen von lila
ich bin ein schmetterlingskind,
löse mich von einem körper mit
zwei beinen und nackten füßen
ich trenne mich ab und trudele
davon, nach oben; besoffen von
der wärme des waldbodens.

***

die wolke sehnsucht
  
ich lebte in einer wolke
die wolke war mein zuhause
die wolke war keine heimat
sie ging vorüber
die sehnsucht geht nicht
vorüber; kann sie eine
heimat sein?
das heimatliche, offene meer

***

Edition März 2017, (c) Eva Wal


Die Vögel fliegen aus dem Himmel
Die Vögel verlassen den Himmel
Laub liegt Schicht um Schicht
auf dem Boden des Waldes
Die Häute der Natur


***

Ich spüre die Zeit, das Kommen und Gehen jedes einzelnen Moments

Die Zeit zu sehen, ihr zuzuhören, in den Dingen zu sein, ist
wie eine verbotene Frucht zu betrachten, das Leben zu belauschen,
den Tod seiner Wege gehen zu hören, seine Schritte, seine Blicke
zu spüren

Und es rauscht und raunt: Tod
und Leben; Leben und Tod sind eins

Die Zeit gehört niemandem
Wir alle teilen sie
Sie ist ein Gewicht,
ein Berg
Ein unsichtbarer Faden aus der Mitte der Stille


***
 

Der Wind bläst mit einem Grinsen
Fische ins bleigraue Wasser

Kalt ist die Luft in einem dunkel gestirnten Himmel

Ich atme die Sterne
Ich sehe die Sterne Sterne regnen

Ein Eisdrache steigt auf
Klirrende, grimmige Worte
sinken ins bleigraue Wasser

Ich wandere in der kalten Nacht alleine,
ungesehen, ungehört; ich bin in meine
Nacht gefallen


***
 
Die Welt ist weiß und friert
Die kleinen Kristalle machen sich fein

Schnee mit schwarzen Flammen
Zeichnungen in seidenen Händen

Ich halte die Zügel in losen Händen,
öffne und schließe die Augenhände

Die Zügel verdoppeln sich, vermehren sich,
gesponnene Fäden aus Frost und Moos

Die Zügel der Zeit


***

Nachts donnern Schneelawinen vom Dach;
dramatisch, wild, frisch der Klang
Gongschläge in meinem Geist
Die Vögel singen aus dem Schnee

Der Schnee ist voller Vögel
Ich tauche meine Hände in Kamille

Die Vögel haben den Himmel verlassen
Der Himmel ist Schnee

Aus der Zeit gefallen,
meine Wahrnehmung eine Spindel,
eine stechende Blüte, eine Frucht aus Glas


***
 

Weit entfernt schwebt mein Geist in schwindelnden Höhen
Schneefedern am verletzten Körper

Süßer Atem, Geruch von Mandeln,
der Körper gefüllt mit warmem Brot

Wolkenerinnerungen, Glocken
im Labyrinth,
ohrenbetäubend

Lichter im Schnee
sind
Schneelichter am Himmel


***

 Aus: Schneelichter am Himmel, Edition, März 2017



Geisterzuschauer


Die Zuschauer sitzen auf kleinen Stühlen
aus Kirschbaumholz und opfern.

Sie bringen ihre Opfer in Teetassen dar, und aus ihren Fingern fließt schwarze Tinte.

Sie stehen auf. Ihre Haare rutschen vom Kopf und wurzeln an ihren Hüften.

Sie beginnen sich zu drehen. Drehen und drehen sich immer schneller und schneller.

In Gedanken tragen sie ein Gedicht vor, sie sprechen alle dasselbe Gedicht
in ihren Gedanken aus weißer Tusche.

Tee, Tusche, Tinte,

Tee, Tusche, Tinte,

Tee, Tusche, Tinte,


so sprechen die Geisterzuschauer.


Zu Thomas Huber, Theaterszene mit Geisterzuschauern, 2002



Sonntag

Ich lag auf der Wiese und schrieb dem Wind einen Brief. Die Sonne
schien mir ins Gesicht und überall hin
Ich saß auf der gebrochenen Holzbank in der Obstwiese über
dem See mit der prächtigen Fontäne
Die große Weide wiegte mich vom weit entfernten Ufer her, die Obstbäume
standen still und schienen zu warten
Es waren göttliche Minuten, alleine, im Gras liegend, den Himmel über mir betastend, atmend, fest, tief, erleichtert,
der Himmel ein Teil meines kleinen Atems

(c) Eva Wal, September 2016


Schlaf, Kindchen, schlaf,
die Luft ist heute so dunkel;
tief weht ein Wind.

Ein Vogel kommt herbei und
pickt ein Korn zu Deinen kleinen Füßchen.

Sie schlafen, sie schlafen,
die Füßchen, die Händchen,
die Lippen, die Lider…

Und das kurze Bild der Welt, das dort
an der Wiege aufschien,
ist schon wieder verblasst und ganz verschwunden.

Ein Vogel kam, nahm das Bild in den Schnabel und flatterte davon.

Schlaf, Kindchen, schlaf,
Deine Mutter weint ob Deines tiefen, langen Schlafs, aus dem Du
nicht mehr erwachen wirst.

Der Kummer Deiner Mutter ist ein Brunnen mit schwarzem Wasser.

Schlaf, mein Kindchen und schenke Deiner Mutter
Momente eines friedlichen Schlafs.

Während das Wasser in ihrem Brunnen steigt, wächst von unten,
vom Grund, eine Seerose heran.
Am langen Stiel erreicht sie die Oberfläche nach langer Zeit,
breitet ihre Blätter aus und erblüht endlich.

Schlaf, mein Kindchen, schlafe ruhig,
träume sanft und schlafe ewig.

Aimé-Jules DALOU „Schlafendes Baby“, 1872 -78

Bronze, 31,5 x 50 cm, Teil einer Gruppe von fünf Kleinkindern, die sich um einen lebensgroßen, sitzenden Erzengel scharen. Im Auftrag von Queen Viktoria von England zur Erinnerung an ihre verstorbenen Enkelkinder.
Die Marmorversion der Gruppe befindet sich heute in der königlichen Privatkapelle von Schloss Windsor.


Zur Ausstellung "Menschenskinder, Kinderleben zwischen Wunsch und Wirklichkeit" am Arp Museum Bahnhof Rolandseck.




Dunkler, stiller Sternenbaum
Ich häute mich, schäle mich, schlüpfe aus dem Ei
Schwan oder Drache?

Träume sind Geburtshelfer

Überlebenswichtig die nahen und fernen Sterne und Planeten

Die Zeit ist reif und weich und rund und matschig
geworden wie eine vom Baum gefallene Birne
Wird sie sich je erholen?

Wasser und Tränen, alle Vögel weinen



Implodierende Netze,
welke Fäden
Der große Wurf

Licht streift durchs Fenster
Sanfter Flügel Licht

Ein Lichtrest



Helle Sterne in einer Nacht dunkler Gase

Wolken angelehnt ans Licht
Birkenregenfenster

Worte tauchen im Schlaf
Ich sehe sie wie blaue Rücken
riesenhafter Leviathans,

klitzeklein am Horizont



Mitten in der Nacht sehe
ich dunkle Blumen
blühen

Die Ewigkeit hat kein Alter,
doch die Müdigkeit ist ein Moment in
hundert Jahren Schlaf

Ein Vogelruf




Abend

Schwarze Schlangen winden sich aus meinem Mund,
sie wollen mich verlassen

Eine weiße Schwester sitzt an meinem Bett; weiß wie Kirschblüten

Sie trägt eine weiße Kirche in ihrem Herzen, hinter ihrer Brust,
weiß wie Milchhaut

Die Schlangen ziehen in den Abend, sie trinken
Milch und werden sanft

Sanfte dunkle Fäden im Abend voller Gift
Die weiße Schwester weiß,
wie man aus ihrem Gift
Medizin macht



Grafik und Gedichte, Auswahl aus der Edition: Dunkler, stiller Sternenbaum, Juni 2016





Wieder Nacht

Nachts aufstehen und ein Gedicht schreiben, ein kugeliges, und nicht
schlafen; der Mond scheint durchs Fenster, und ich bin nicht am Meer

Die Zeit ist um die Ecke gerollt, Schritt für Schritt wandert mein Leben
in die Nacht - was für eine Nacht?
Ein Garten liegt um sie herum, ein dunkler Garten um die Nacht gewölbt,
voller Katzen und dem Atem toter Tauben

Wenn man versteht, dass man unter die Lebenden nicht passt, nichts zu tun
hat mehr, dann geht man in die Stadt der Toten und dreht einen Film


Jede Nacht wächst ein weiterer dunkler Garten um die Nacht,
und Blumen mit großen, farbigen Blättern stehen darin;
die Farben aber sieht man nicht; man ahnt sie, weil sie Duft verströmen

Süß, verlockend, geheimnisvoll
- was für ein Geheimnis?
Die Blumen versprechen, nichts zu sagen, zu schweigen; sie bleiben in
der Dunkelheit; denn jeder Tag ist ein Verrat





Cemitério des Prazeres, Lisboa


Macau (in Lissabon) (Jardim Botânico in Belém)

Pfauen und Tauben-
Flatterschlag-
im Garten empfangen uns freundliche Geister, umschließen uns ihre leisen, leisen Rufe-
ihre Arme, ihre Ahnen-
Wurzeln und Arme, ganze Städte aus Geisterarmen und schlingenden Silberrinden-
die Hände verschwunden in den Baumkörpern und Rümpfen-
Fangarme, freundschaftlich ausgestreckt zum Anfassen und Unterhaken
Alt, vertrocknet, geschrumpft und glatt wie Eis-
filzige Strähnen die Haare-
die Beute darin verstrickt– ich bin die Freundschaftsbeute-
Palmen mit Röcken und orientalischen Pufferhosen-
und draußen ein nach Kaffee und Abfall duftender Fluss,
der sehr lange und langsam ins Meer fließt
Das Stöhnen der Ahnen und ein Lärm von sehr weit her-
keine Sehnsucht, alles ist still
Die durchdringenden Schreie der Pfauen-
erstickt
Es rauscht das Ärmelflattern der Tauben dicht an unseren Wangen






Jardim Botânico in Belém, Lisboa


Komm wir hauen die Sterne blau warten nicht mehr ab fressen
Perlmutt bis er uns von innen zersetzt komm wir schlagen um uns
mit weichen Flügeln wie Taschentücher vollgeweint

Die Sprache stockt wird zu einem leeren Stein am Strand es gibt
nur diesen einen einzigen Stein der übrig blieb vom Leben hüte die
Worte wie Steine die Steine wie Feuer lass das Licht verlöschen
 

Wie stabil die schönen Muscheln sind
Perfekte Wesen, die sich aus dem Sand erheben, liegenblieben;
angeknabbert, teilzerstörte Persönlichkeiten, traurig, leise, übrig,
den Wellen zugehörig
Im Inneren strahlt die Perlmuttlampe, und das Licht lässt die
Landschaften erstrahlen wie Traumländer
… Es ist, als ob der Wind, dieser frische, aber heute fast zärtliche Diamantwind (weil er aus dem Diamantblau des Meeres kommt und sich dem Himmel verliehen hat) alles direkt durch mich hindurchpustet
Und ich rufe froh: Ja und? Was soll’s?
Folge Deiner Bestimmung nach diesem halb vergeudeten Leben! Schwimme davon im Diamantgewand und lasse diese verdammte Schwere hinter Dir!


Abschied

Letzter Tag
Die Sonne knallt, der Himmel ist frei;
kalter, altlantischer Wind
Abschiedsglück
Nicht bleiben müssen, aber jeden Augenblick bleiben wollen
Das Vergehen ein süßer Aufschrei, ein Hoch


Galé, Algarve, Januar 2016



Wellengesang

Das Auf und Ab heran- und herabrauschender 
Erinnerungen tötet den Moment

Jenseits raschelnder Blätter singt sich mein Lied,
windet sich aus Schmerz und Schwere -

im Weiß einer Himbeere, die nicht mehr erröten will, 
im Schwarz eines Sonnenblumengesichts, das ganz
den Vögeln geschenkt ist,
im wunderbar leuchtenden Rot und Gelb von
Herbstbäumen 

Der Eingang des Waldes ist eine Tür



Edition Dezember 2015,
"Wellengesang, Glühwürmchen und Polypenerschöpfung"
(c) Eva Wal, VG Bild



Mein Herz 

ist nicht bestimmt für dieses Klima


Es ist ein Vogel voller Freiheit
und immer noch wild

Nicht gefangen, doch weit entfernt von meinen Ufern
segelt es auf einem Papierschiff voller
Waldlaub und Eicheln, Rinde, Farn und Moos

Pilze am Mast, ein junger Baum mit weitreichenden
Wurzeln die Ruder
 in schwarzen Wassern


sanft

und ohnmächtig liegt eine Zunge
auf dem Wald
Leckt ihn, das Tier
Es ist still hier, wo ich bin, ohne Fell,
ohne Mantel, unter dem braungelbroten
Herbstlaub



Im Dunkeln geschrieben

Verlassen bin ich sowieso, und ich schreibe im Dunkeln
Steinern ist das Gesicht der Welt; 
die Dunkelheit ein Kleid voller
Schönheit

Ich falle, falle in die Arme des Schlafs

Die Unruhe steigt wie eine Flut,
Schlangengift in meinen Adern

Es glänzt die Jugend in meinen Gedanken

Dicke Nacht aus Honig und Öl
Ich blühe auf weißen Lavafeldern in Bernsteinhimmeln


Grafiken, Aquarell und Tinte,
"Wellengesang, Glühwürmchen und Polypenerschöpfung",
Quartalsedition Dezember 2015
(c) Eva Wal, VG Bild



liebe

auch du

alles sind wir


im wald der gefühle


zusammen


Elfchen zu Sophie Taeuber und Hans Arp, Ausstellung "Zweiklang" am Arp Museum Bahnhof Rolandseck



der rest

wir schweigen, schweigend singen wir ein lied aus öl, aus weißgrünem lebertran, wir weinen, wir schweigen, rosarote und graue tropfentränen weinen wir, aus rosaroten, grauen und grünen tropfentränen wächst das weltenmeer, der ozean, der ozean der liebe, schluck, schluck, schluck den rest.

Zu Bernard Schultzes „Des Fleisches Lust“

Oktober 2015




Grafik (c) Eva Wal, VG Bild


Reisevorbereitung

Ich trinke starken Kaffee mit Nelken und Zimt, damit ich
noch angespannter und aufgeregter werde
und mein Herz klopft wie Kaffee mit Nelken und Zimt



Landung

Wolken und Meer
Eine spiegelglatte Fläche ohne Störung, ewig; nur ein
winziger Punkt darin

Ein Schiff?
Ein Wal?
Eine Insel?

Was macht der Punkt mitten in der Ewigkeit?
Er kann nicht ankommen!

Da taucht das Land am Rande der Wolkendecke auf, wie ein Schatten
liegt es unter mir
Wie die Maske eines Papageientauchers aus glattem Papier
Blauweiße Zeichnungen in helles Grau getaucht

Über den Wolken liegen rosarote, orangene Streifen
Die Wolken werden von gesprühten Lichtschleiern berührt

Wie Musik in unterschiedlichen Melodien, Kompositionen
und Tempi segeln die Wolkenformationen

Gespenster, Fische, Formen, Felder

Eisiger Glanz, so mystisch, dass es mich ergreift
und mich schüttelt und ich flennen muss

Die zärtlichen Lichtstreifen bleiben
über der Wolkenmusik, als wir eintauchen

Das Land im Atlantik ist eine Unterwasserwelt
Meeresboden in hellem Moosgrüngrau und bläulich gefärbtem Stein



In Island

I
Eine Spanne Zeit, auf der ich sitze und
meine Füße baumeln lasse

Wolken wie Moos
Die Himmelsziege schwirrt und tönt

Die Berge sind Leiber
Die Berge sind Lämmer
Die Berge sind Wolkenleiber

II
Tausend Kleider trägt die Natur
an einem Tag und einem Ort

Sie wirft die Kleider fort
Der Ort bleibt, ans Land
geheftet

III
Der Bach gurgelt und lacht
Von allen Seiten kommen Sonne und Wind
Zarte Wolkenfelder schweben hoch über mir

Und ohne Unterlass tönt und klingt der Brachvogel,
zuerst in lang anhaltenden Pfeiftönen, als ob er Anlauf nähme,
dann in kurzen Frequenzen vibrierend, trillernd,
eine unbeschreibliche Melodie
Dann fliegt er in seinen weiten Bahnen durch das hohe Blau,
dass ich ihn nie mehr vergesse



Im Bad

Ein Vater küsst seine Tochter
Eine schwangere Frau kämmt ihr Haar
Kinder springen ins Wasser und schreien vor Freude

Das Wasser ist heiß und dampft;
gelassen, doch furchtbar
fruchtbar



Das Bild des Lebens

Die Erde gab Schönheit
als Geschenk
Pferde, Wasser, Wärme,
Berge und Schnee

Das Bild des Lebens liegt glänzend und ruhig
in der Nacht und steigt auf in den Tagen
Die Zeit fließt durch die Zeit

Ich reise auf einem Schatten unter einer Wolke in wildem Blau
Wohin?
Was bedeutet das alles?

Nirgends anzukommen,
sagt das Schattenland, denn die Zeit

fließt durch die Zeit,
und ihr Gesang ist niemals zu Ende 



Gartenland 

I
Die Lider geschlossen, Wind
in den Gedanken
Blühende Augen im langen Haar
des Gartens

Eine Breite und Länge des Landlebens rollt sich aus

Die Erde, die durch meine Hände gegangen ist, verspricht
Möhren, Mangold, Kopfsalat und Dill;
Lupine, Ringelblume und Sonnenkinder

All die andere Erde verspricht, was sie will: Weidenröschen,
Löwenzahn, Vergissmeinnicht;
Brennessel, Gras, Diestel, Kraut und Klee
II
Dem Gras in die zottigen Haare fassen
Weiße Strähnen ziehen; Wurzeln saugen;
dünne, lange und kleine, dicke Pfähle

Tausend Tiere tanzen in der Erde, ziehen ihrer verschlungenen Wege

Die Erde führt meine Hand in ihr warmes, festes und
butterzartes Geschlecht



Nacht

Ich gehe in die Nacht
Käuzchen und Sterne

Die kleine Traurigkeit wandert zu meinen Füßen
und verteilt sich in der Weite des Lebens

Nachtplaneten lächeln stumm
Ich bin eine Wanderin in der Natur der Dinge

Tag

Es ist wolkenweiße Stille
dort, wo ich bin

Es rauscht in den Bäumen

Sonne fällt über die Wiesen
wie schräger Regen





Grafiken (c) Eva Wal, VG Bild



Leseproben und Grafiken aus der Edition "Reise über das Gartenland in die Natur", September 2015,
enthält 13 neue Gedichte und zwei Grafiken, 
davon eine Original-Grafik, Tinte, Tusche und weißer Zeichenstift auf schwarzem Karton;
die Edition ist handgebunden, signiert, gedruckt auf besonderem Papier,
streng limitierte Auflage,
Einband Silberburg color, lichtechte Farbe,
100% Baumwolle




In den Dingen

Ich höre und sehe einige Sterne
Immer mehr Sterne kommen

Die Poesie ist in den Dingen
Sie hat einen hellen Rand und dunkle Augen

Die Poesie ist nicht menschengemacht
Sie ist mein kostbarster, zartester Flügel

Wie ich mich drehe, endlich,
nächtlich, sternenweit;
entfernt von Worten, durch Menschenhand gedrechselt

Ich bin die hörende Stimme 
in der Nacht


März

Ich halte mein Ohr an die Quelle
Quellrauschen in der ungestimmten Nacht

Echos im hellen Nebel

Ich stehe in meinem Zentrum und befrage die Nacht in mir selbst


April

Ich gehe durch Licht und Schatten wie durch Flügeltüren

Dankbar für die Wolkenstille,
das Wolkenschweigen,
die neuen, scheuen Knospen meiner Sinne


Um Ostern

Die Luft ist erfüllt vom Schmetterlingslicht,
vom osterhellen Tagesleuchten

Blumen kommen in langen Reihen, in bunten oder keuschen Gewändern

Gewürze stecken zwischen meinen Zähnen, qualmen auf der Zunge;
langgestreckte Blattwesen liegen wie entspannte Insekten
auf meinen Zehen

Mein Blick ruht auf der Kamelie im Beet
Wann wird sie blühen?

Jeden Tag zähle ich die Birken vorm Haus
Täglich sind es elf


Grafik, Schrift und Buntstifte, (c) Eva Wal, VG Bild

Mai

I
Ich öffne das Fenster
Eine dicke Blütensuppe quillt herein
Einzelne Klänge schwimmen auf der Oberfläche

Die Sonne berührt das Quittenbäumchen am Scheitel

II
Ich schaue den Meisen und Amseln zu
Ich lausche
Monsieur singen so zauberhaft,
Madame ist am Nestbau interessiert

Ich bewundere und besinge die
Fruchtknoten am Apfelbaum
Die Quitte leuchtet zu mir herüber,
verheißungsvoll sprechen die Beeren

Das Weidenzelt wartet auf Besuch und
mit seidigen Blättern lockt der Salbei

Meine jungen Wurzeln fangen an sich wohl zu fühlen
Gedanken fließen ins Abendlicht



Leseproben aus der Edition "In den Dingen", Juni 2015,
enthält 15 neue Gedichte und zwei Grafiken, 
davon eine Original-Grafik, Aquarell und Tinte,
handgebunden, signiert, gedruckt auf besonderem Papier,
streng limitierte Auflage,
Einband Silberburg color, lichtechte Farbe,
100% Baumwolle




Sophie Taeuber und Hans Arp

I

Zwei und Klang

-ent-zweit-


Es weinen die Kreise,
es klagen die Häuser
Berge, Muscheln und Bretter verweh’n

Es klagt das ES, das A, das D
Es bricht das Dur und das Moll

Weh, weh,
es weinen selbst die Tränen:
Sophie ist tot, ist tot, sie ist tot!

Es zerbrach ein einziger Klang

Die Weite zerbrach,
das Mandala, das Kind

Die Wegweiser stürzten in Kriegsgräber, leise

Eine Wolkenhand spricht im Schmetterlingstaumel
Klingend, entzweit
das DU



II

Quint und Essenz

Wolkentaumel stumm und 
brummweise warm das Totentanzhaus

Traumwesen singen im Steinkranz

Ode an Hans und Sophie
Ode an Sophie und Hans

Ode aber vor allem von Hans an Sophie


(c) Eva Wal



Visionäres Baum-Gedicht



Für den, der wartet:



Ich stehe und zaudere,
bewache Wurzel und Tor und Haupt


Verschlungene Wege mäandern im Stein
Tauben brüten auf der Zeit

Eine Frau schläft im Baum,
sie ist eine Feige,
ein mütterlicher Körper ohne all
die dummen Glieder und Gelenke

Ein Körperwesen ist sie,
voll und glatt und rauh
und blätterweise

Sie berührt mich mit ihren
silbrigen Rindenfingern
und lacht;
hohl, voll, fern und regenklar

Hitze tief in meinem Leib,
warum spüre ich sie nicht?

Auf einmal steht meine
Zunge in Flammen
und Tauben sitzen fiebernd darauf

Ein Schleier deckt mich zu,
blinder Tau auf meinen Lidern:

Ich sehe weiße Wesen nahen,
noch sind sie fern…
die Augen sind schwarz umrandet,
Rehbeine rennen unter weißen Hüllen;
die weißen Wesen mit Murmelköpfen
brüllen wie Stiere, das Blut läuft aus ihren Kehlen,
die Dämmerung fällt über sie her,
sie verschwinden im offenen Auge eines
schwarzen Waldes

Und ich spüre einen Schlüssel sich drehen
in meinem Fleisch

Das Schloss ist rostig und rot
wie die Feder, mit der ich zwischen meinen
Lippen spiele

Fieberzungen, Fiebergelenke;
Vögel aller Arten
flattern durch meine Nervengehege

Alles ist ein Wunsch, ein Traum,
eine Vergangenheit

Und, der Du wartest: komm doch her!



Lissabon 2015



Ich schwebe in glitzernden Lüften

Zerbissen und sonnenduchflutet zugleich



Eisige Höhle

Kirche

Mantel

Glocke 

Einsamkeit





Mein Leben

Ein Wille am Weg,

gleich einem struppigen Busch



Blüten in den dornigen Zweigen



Ich glaube dem Verlust,

der mit fiebriger Stimme zu mir spricht:

„für immer Dein“





Die Zunge ausgestreckt,

Flammen darauf,



Bücher verbrennen auf dieser Zunge

  im Fieberwahn



Bücher, schlafend in meinem Schoß



Ich eile, werde getrieben

von einer fremden Familie zur anderen,

ein kaltes Blatt in kalten Winden,

nordwärts





Ich schulde nichts,

ich sage nichts,

halte das Kind meiner Kälte

fest an mich gepresst



Gemeinsam werden wir dem Licht

entgegen geschleudert



Ich rufe die Schönheit, die Nähe, das Glück

und sehe mich um



Hinter mir liegt so ein sonderbares Land

Bissspuren in der verlassenen, der liegengelassenen

Landschaft



Verbrennungen und Schweigen

Kenntnis, Wissen, Wahrheit



Sie steigen auf aus Rissen in der Erde



Was für eine seltsame Erde!

Sie ist fruchtbar und reich,

doch ich kann ihr nicht trauen.



Meine Füße gehen auf fremdem Land.



Ich lese meine Geschichte

aus der Hand des nächsten,

aus den Blättern an seinen Händen



Es ist ein Rauschen in meinen seidigen Lüften,

Käuzchenrufe und Silbersterne



Es ist ein Rauschen in meiner Stimme,

meine Kehle gehört einem Vogel



Tannen im Schnee






Das Summen der Wege


I


Glückswurzeln


Jeder Kuss, jeder Hieb


Der Weg zu mir

Witz und Wahnsinn, entstanden 
aus dem Abseits dieser Welt

Der erschütterte Kopf

Im Hell- und Hellerwerden

Mit süßem Klebstoff aus Ringelblume und Magnolie

Der Nachtleib des Gartens,
bewacht von wissendem Licht


II

Gartenglocke

Versöhnlich ist der frühe Morgen

Barfuß

Vereinzelt wandern Tiere und Menschen durch meine Felder

Das Summen der Wege

Konzert

Überall ist Traurigkeit enthalten


III

Das Rauschen einer andauernden Sprache mit mir selbst

Lilie und Zinie

Kommentare der Schafe und Hühner


IV

Betörendes Hummelgebrummel

Schwarze Vögel auf Kugelbäumen

Einsame Boten einer fernen Welt

Krähen

walderfrischt... wiesenerfrischt...

Regensüß der Tag an seinem Beginn

Niemand hört mich singen und weinen

Die Hände im summenden Schoß


V

korngroß, kernklein
liege ich im Leben

Lamento an einem Regentag


VI

Kein Auge, keine Stimme gehört mir

Landerwachen

Meine Hände weinen alle Zeit

Märchenhafte Wege und Traurigkeit


VII

Heimat

im Quell der Stille

Rebe und Reh


VIII

Über den Rand seiner Zähne
wölbt sich ein Blumenmund


IX

Die Länge der Einsamkeit,
das Klappern des Tages

Katze und Quitte,
mein Geist schnellt davon

Wer wandert durch meine Träume?

tanzend, Birkenlicht im Haar


X

Ich atme mit den Tieren

Im Quell der Stille spielen meine Sinne

Der Grashalm wiegt sich entspannt

Meine Hände wachsen aus geöffneten Pflanzenmäulern,
wunderoffen die Augen


XI

Blaue Sterne erwachen im Beet vorm Haus

Mönchsfrieden
Pferdeohren

Eine Schwere liegt im Himmel

Keine Stimme

Die Sprache des Waldes
ringsherum


XII

Tujavögel

Silberzeit

Regenrauschtraum

Phaceliaschuppen auf der Dorfstraße

Ich schaukele über das Land


Das Summen der Wege, Edition September 2014, (c) Eva Wal




Verheißung für Schmetterlinge


Weiß schreit ein Busch im Schattenhof

meiner Gedanken: immer diese Kinder, 

      tonlos schreiend



Farnfedernd, schaukelnd der Gang meines Huftieres

Veilchenduft heimatnah



Grünflieder: Verheißung für Schmetterlinge



Es wartet eine Welt;

Tage mit Sonne und Hummeln



Mein Kopf eine nach hinten abgeknickte Blume

Halsstiel mit Wolfsmilch


Grafik: Verheißung für Schmetterlinge, Eva Wal. 2014



Mäander

Ich denke meine Kreise
in Augenschein mit verbündeten Planeten

Die Luft reicht meinen Sinnen einen Zweig
Mein Tag ist erdschwer und weltfern; mein Leben ein Mäander


 
Grafik: Mäander, Eva Wal, 2014 












Verehrte, liebe Schwester


Auf dem Spaziergang
begegnen mir Bäume

Wenn sie die Absicht haben,
mich in die Enge zu treiben,
zu fressen und zu verschlingen,

dann tun sie es nicht!
        tun sie es aber morgen?

Warum?

Ich trage ein Laternenlicht
Eine Flöte spielt von den beleuchteten Zweigen


Ich frage:

Habt Ihr,
verehrte Bäume, liebe Schwestern und Brüder,
vor, mich zu bedrängen und zu verschlingen?

Wollt Ihr mir Ungutes tun?

Warum?

Die Bäume erheben ihre Zungen und Lichter,
sie sprechen geräuschhaft, musikalisch

Sie neigen sich mir zu
und flüstern:

Verehrte, liebe Schwester,
warum traust Du uns nicht?
Unsere Mitte ist ein Ort der Geborgenheit;
hast Du ihn vergessen?

Hast Du vergessen, dass Du eine Wanderin bist?

Nimm Dein Laternenlicht, Schwester,
und gehe weiter, finde den Weg!


Unheimlich rauscht der Wald nun,
als ich weitergehe

Die Bäume stehen wie Rauchsäulen aus seiner Mitte

Orte der Geborgenheit


"Das große Rauschen", Videostill, (c) Eva Wal, VG Bild



Hellrote Füchse


Ich sehe friedliche Jäger
und Scharfschützen mit Wildschweinmasken

Beide tragen sie Mäntel aus
gefallenem Laub;
das ist ihnen gemeinsam

Der Hals meines Pferdes wächst
in die Länge; sein Rücken schaukelt
unter mir wie ein Boot auf einem Märchensee

Baumwind streift uns leise,
rufend wie eine Herde
hellroter Füchse

Ich raune meinem Pferd zu:
Stell es Dir vor!

Schneller traben wir durch den Wald, 
die Hufe rauschen durch das tiefe Laub

Der Sirenengesang der hellroten Füchse
säuselt aus Nebelflocken:

Gambenmusik aus Löwenmäulern

schnaubt mein Pferd


Januar 2014


Der Wald hinter meinen Augen


Es wächst mir ein Fell
unter der Baumstammhaut

Ich suche Gefährten
und finde schwebende Wurzeln

Silberstimmen an Buchenbäumen,
in die mein Name geritzt steht

Ich ruhe am Hals meines Freundes,
des großen Pferdes, und
lausche seinem Atem

Das Licht geht zwischen den Bäumen,
mein Geist mit mir allein,
angstlos im Geäst der Wege

Ich höre Klänge
im Takt des Waldfalls

Es spielt ein Orchester:
Farnwächter, Pilzesser, Laubseher, Waldrufer

Bekannte Stimmen
in einer neuen Sprache
Musik!

Der Wald hat Ein- und Ausgänge

Ich trage das Pferd den Berg hinauf
und hülle mich in seine schwarze Mähne

Eine Flut von Nüssen und Blättern überschwemmt den Boden;

Nahrung für das große Tier und mich, für das Volk Wald

(c) Eva Wal, VG Bild


Landatem

Auf dem Rücken meiner Träume
liege ich wild und stumm

Es geht schwer den Berg hinauf
Regenatem füllt mich an

Ich denke ans Meer,
jetzt,
wo ich nach Hause komme
in den Wald

Die Hütte meiner Kindheit
steht dort am Bach

Mit erleuchteten Fenstern
sieht sie mir entgegen

Mit sengenden Pupillen,
geschwollenen Lippen
und offenen Händen

Rohes Fleisch Erinnerung,
hauche ich und haste weiter

Der Atem blüht vor meinem Mund

Es knackt unter meinen Füßen

Ich gehe weiter,
immer diesen Weg entlang

Der Regenatem legt sich darauf wie Tau

Es wird nie wieder Morgen,
denke ich in der Nacht

Rauhreif am Morgen,
ein Teppich aus indischen Silberfäden

Die Landnacht ist ein Teil von mir
Ein Atemteil

Schwer und dunkel
wie der Aufgang zum Wald

Klirrend sind die Zweige an den gestirnten Himmel gefroren

Glaube nicht,
dass das Meer wärmer wäre,
sagt mein hilflos stockender Atem

Du hast ein Bett dort zwischen den Zweigen,
aber keinen Schlaf

 (c) Eva Wal, VG Bild
  

ohnefarberauschen

es gibt nächte, die sind samtschwarz
und schwarz
und schwarz von regen
und rauschen
grausamt

und das land rauscht und das feld rauscht und der weg
und das rauschen vergeht
und es rauscht grau
und es rauscht die stille nur
schwarz grau
ohne farbe
rausch


Eva Wal: "ohnefarberauschen", Schriftgrafik zur gleichnamigen Edition, Juni 2013


Mond und Wind
Wind und Mond

Manchmal denk ich nachts an alte Lieder;
denke an das Glück
und an das Wund und Weh der Liebe

Die Welt macht mich mundtot,
der Kosmos macht mich singen

Was bedeutet mir die Einsamkeit,
das Treiben in Stimme und Sprache?

Gib mir meine Kraft zurück, Natur!
Die Sinne sind frei und offen

Ein Waldweg in brauner, nach Frühling
schreiender und ächzender Natur

Es erübrigt sich,
etwas anderes zu tun,
als der Natur die Hände zu reichen


Eva Wal, Schriftgrafik "Mond und Wind"
Aus der Edition "ohnefarberauschen", Juni 2013

GRAU

Die Fliehkraft der Sehnsucht
Elixier und Totentanz

Am abgestorbenen Zweig schlagen heftig die Blätter aus

Frischer Saft durchströmt das geheime,
das übermächtige Grau



Schwebestimmen

I
Eine Eule mit schneebedecktem Gefieder
weist den Weg mit Flügelschlag

Gelbe Blicke rollen durchs Geäst
und über braungefrorenes Laub

Baumzeugen ringsherum

Ich rufe den Schnee

II
Stille
wie ein Berg
wie ein Rücken
wie ein Zwiegespräch

Dem Leid die Augen zugenäht;
grausam ist das Licht

III
Flache Wolken und Tiersilhouetten
stehen in einem seltsamen Wind

Ist er gefährlich?
Spricht er eine Sprache?

Der Wind belebt die große Stille,
an welche die Tiersilhouetten gelehnt stehen

Ich forme ein Wort
Wie ein Pferdeleib dampft es davon

IV
Der Bergrücken liegt sanft
wie ein Hundefell

Da oben auf dem Rückgrat
bleibt die Sehnsucht stehen

Die Wasserfrau grüßt aus ihren Tälern

Im dottergelben Streifenhimmel
sprechen das Meer und das Licht südlicher Länder

In Baumwipfeln rauscht ein Weltensee

Mir an die Stirn gefroren
kalte Sterne

Die Planeten sind Wanderer unter meiner Haut

V
Türen und Rücken
drehen sich ineinander
mahlend, reißend

Worte bleiben wie Schwebestimmen
Flocken im Grau

Ich entferne mich

Das Schweigen ist der Stille am nächsten
Eine Schwesterhand




Abschied und Unruhe


Am Steuer meiner Arche stehe ich
Hoch spritzt die Gischt
Ich lecke das Salz von meiner Haut
Schweiß aus der Tiefe der Luft
De profundis
spricht das Meer
Ein grüner Zweig Gewissheit blüht
am Horizont

Ich höre den Eichelhäher
und die Unruhe des Windes
Ein Fiepen, ein Puls
Ein Wummern und Schreien
Glocken und Sirenen
hinter hypnotisierenden
Lichteraugen

Der Wunsch nach Bedeutung
liegt flach
über dieser fahlen Stadt
Er muss ein Licht sein,
dieser Wunscheswunsch
nach einer eigenen Zeit

Stadt
Fels
Straße
Spiegel
Baum

Ich klaube Erinnerungen;
setze sie zusammen
wie ein Mosaik
Einige Steinchen habe ich ausgetauscht,
eingewechselt, adoptiert
Die manipulierte Naturwahrheit
ist ein schön proportioniertes Mandala
Singe mir, Muse!
Singe ein Lied
auf die Mathematik!

Am Steuer meiner Arche stehe ich
Hoch spritzt die Gischt
Du leckst mir das Salz von der Haut
Schweiß aus der Tiefe des Meeres
De profundis
spricht die Luft
Wir halten Ausschau
nach dem grünen Zweig
am Horizont
Wir halten zusammen
und lassen das Ufer
los




Unbekanntes Dorf

Über dem Fischteich liegt ein Sonnenzahn
     Schilfrauch und Flöten bespielen
die springenden Sonnenteilchen

Der Karpfen beißt an
     und spielt mit den Kindern,
die engels- und räuberhaft
     durch die Büsche rauschen;
den Mund voll kaltem Holunder und Moos

Die Worte auf ihren Lippen leuchten fahl
                                      wie ein sehr früher Morgen

Es ist Morgen im Dorf, das noch
     in der Dämmerung eines unbekannten Namens liegt

Die Bäume raunen mit den
den knotigen Waldwurzeln und Gräsern
                  Ihre Verstecke sind aufgebrochen

Du reist, indem Du zuhause bist,

hörst Du es echohaft über dem Feld;
und weiter:
  
Die Wolken segeln hinter Deinen Pupillen
und hüllen Dich ein in ihre weiße Haut

Deine Wurzeln sind Flügel und Fischschwänze mit Erdkrumen
In den dunklen, feuchten Schollen
findest Du Deinen Atem…

… Und der Himmel schenkt sich Dir ganz,

wenn Ihr,
die Ihr zwei Herzen und Seelen seid,
Euch gelobt zu lieben



Aquarell und Tinte auf Aquarellpapier, 2012



Blaue Räume

Ein Abend ohne Beschäftigung,
lose Blätter die Gedanken

Ein Abend mit wenigen Regentropfen
und der Frage: „Stehen oder Gehen?“

Und der Antwort als Stimme im Abendzimmer:
„Beides“

Und der Frage: „Wie denn?“,
und keiner Antwort

Ein Abend, an dem ich das Datum
nicht notiere
und darauf warte, schlafen zu gehen

Ein Abend ohne Arbeit
und Gespräch und Zweisamkeit

Ein Abend für mich,
in mich zu spüren und herumzuschweifen
in meinen geliebten, blauen Räumen



Reigen des Glücks

Wunsch nach Tier und Teich
ersäufen

Wunsch nach Baum
erhängen

Wunsch nach Liebe
alle schlechten Gedanken rückgängig machen



Tiere

Wir sitzen zusammen am Waldrand und schauen dem Wild am Abend zu


Tiere haben vier Beine

Sie sind besser mit der Erde verbunden als wir



Sie fressen und atmen und geben Wärme ab

Fliegen schwirren um ihre Ohren



Ihre Augen sind auf das Futter gerichtet,

auf die Erde,

auf die Herde oder in die Ferne:

was ist da?



Wo ist die Erde?

Der Himmel jedenfalls ist kühl



Ich sitze mit meinen Schmerzen auf einer Holzbank neben Dir

Innen und außen wund und weh



Die Eiche über uns hält das letzte goldene Licht

Es schüttet sich kreisförmig aus,

bevor es einen gelben Himmel über schwarzem Wald zurücklässt



Wieder verlässt uns das Licht



Jeden Tag



Und Du?

Und ich?
Und das Leben?




Liebesbesuch

Unversehens glänzt die Schuppe
dieses gewöhnlichen Wunderbaumes
an mich heran,
bar jeder Gegenwart

Transformierte Stimmen,
in den Strom der Sprache gewoben,
streichen, kriechen, schmeicheln
sich in meine Ohren

Offen alle Poren,
die Ein- und Ausgänge wie
Blüten im Gebirge

Du erreichst mich,
hier an den Baumstamm gelehnt,
unter jeder Zahl
bis in die nicht beweisbare Unendlichkeit

Komm mich doch einmal besuchen!




Unruhe


In meinem Atem rollen Murmeln,
         reden, sprechen durcheinander

Ein- und Ausgänge sind geöffnet

Ich sehe einen Baum
Innen ein Licht,
                   tönend in der Dämmerung

Licht und Schatten
durch den Wald hindurch

Unruhe im Wald,
diese eine Urnen-Unruhe im Wald

         Eulen halten sich versteckt
         Vögel klettern auf die Bäume
         Mäuse laufen unters Laub

Strahlen ausgesendet
Kommen sie aus der Asche?

Ich stehe in einer Verssammlung
Wind, Regen und Sonnenschein
                            prasseln auf mich ein
Möglicherweise bin ich alleine

Schwimme durch Todesnähe,
an Todesstreifen vorbei

Nichts endet, alles fängt an

Blau wird der Himmel und immer dunkler



(c) Eva Wal, Juni 2012



ich schreibe so dahin

(die zerbrochene glocke zeit)


winzige weiße häuser wachsen aus den spalten und ruinen
dieser ungemütlichen welt
eine vorstadt der sehnsucht

in den häusern wollte ich zuhause sein,
wären sie bewohnbar und nicht
ein von weißen spinnen gewebtes schloss

hellgrüne fingerkuppen und blaue meisen
kreuzen meine lichte, stürmische unruhe

die von meinen gezeiten bewegten wasser
werden an ihren ufern gelähmt

ich lausche, ob ich die rufe der abenteurer
höre weit weg auf ihren schiffen

ich schreibe so dahin
durch die zerbrochene zeit,
die einmal eine viel zu schwere glocke
in einem viel zu hohen turm war

ich sehe mich mit grünen laubaugen
meine sprache, meine stimme
schütten sich aus und überschwemmen dieses zimmer,
in dem sich mein leben abspielt mit seinen
täglichen visionen

es gibt keine fenster und türen
die ein- und ausgänge fehlen
das licht ist fahl und gleißend

ich schreibe so dahin inmitten des rauschens
und dunkelgrünen tannenflirrens

ich wellenreite, blatttriefe, blätterrausche,
klinge und töne
mit der zeit
und keinem ufer entgegen

(c) Eva Wal, Prägedruck, Mai 2012



An der Hand von zartem Zagen

kommt der Tag herein;
         schön und blass in mattem Licht

Etwas Durchsichtiges fließt durch
     dieses Licht;
        
ich höre jeden Tropfen

Die Vögel schreien mit den
                     Frühlingsglocken;

und halten Einzug in mein Schweigen


Schrift-Grafik (c) Eva Wal, März 2012



















Start im Februar

Gespräche an langen Leinen
      Gedichte an losen Bändern

Es begegnen sich:
           alte Zeit und neue Zeit

Ein Mosaik auf Leben und Tod
        glitzernde Steinchen und tausend Scherben

Der wilde und stumme Ruf
                   der einsamen Natur
hinter all dem geschäftigen Treiben

 (c) Eva Wal, Januar/ Februar 2012





















Finsternis


Im Kern des Mondes zu sein
Sprechend dort,
wo niemandes Schritte zu vernehmen sind
Jeder Hall von Schatten verschluckt
Der Schein in sich gekrümmt

Die Sehnsucht rennt der Erkenntnis davon,
der Erkenntnis mit dem tödlichen Beil;
schon hat sie der Sehnsucht den Nachtschweif
abgehackt

Hoffnung und Traum kriechen an den Rändern
des Mondscheins entlang;
rot, von Blut getränkt

Ich bleibe gefangen
im Kern

Warum traut sich niemand hierher?

(c) Eva Wal, Monotypie, Dezember 2011 


















III
Frau Lot

sieht:   Fabelwesen – Die Wahrheit
            Psychologie – Dich und mich; zuhause am Tisch, im Bett und im Wald
            Philosophie – Die ganze Welt
            Medizin – Dich und mich, gehäutet
            Mathematik – Das Einmaleins: eins und eins ist eins
            Philologie – Die Zeit
und     Jura – Die Ungerechtigkeit


II
Frau Lot

Als Frau Lot sich umdrehte,
verschwand ihr Kopf im Kopf

Er war eine taube Glocke

Die Gedanken waren fest
in ihrem Magen verknäuelt
Sie hingen ihr zum Mund heraus

Ein Ende in der Hand,
das andere reine Empfindlichkeit,
lose um den Wind gebunden

Wie soll Frau Lot nur gehen?
Sodom und Gomorrha
in ihren Augen ertrunken
Und sonst weit und breit
nur Wind

 
I
Frau Lot

In Mänteln aus grünem Fleisch
liegen wir traumlos an Bäumen

Fremde in den Ländern unseres Lebens,
fremd auf den Inseln unserer Seen,
unbekannt in unseren Gärten, Wäldern und Gebirgen

Die Nacht um uns mit Sternenschlag, die hohe See

Unter dem Finger an der Wunde keimt das Wort
Aus dem blanken Nerv funkt es hervor
und bleibt stumm

Weiße Worte fliegen vorbei wie Fische
Weiße Worte, aus denen Möwen geboren werden
Ächzend bleiben sie im Himmel stehen

Aus dem Baum blättert die Sonne in einen gelben Nachmittag
Steigt in das Blattwerk
Bleibt um uns bis zur Nacht


Frau Lot floh aus der Nacht, dem Sternenhagel, dem Donnern der Möwenschreie,
Über die hohe See floh Frau Lot, ohne sich umzudrehen

Drehen Sie sich um, Frau Lot!
Öffnen Sie die Türen, lassen Sie die Flut herein!

In Mänteln aus grünem Fleisch
liegen wir traumlos an Bäumen

Fremde in den Ländern unseres Lebens,
fremd auf den Inseln unserer Seen,
unbekannt in unseren Gärten, Wäldern und Gebirgen

Die Nacht um uns mit Sternenschlag, die hohe See



nächtlicher fluss
 

// heute nacht schlafe ich nicht/ hellwach drückt sich mein kopf ins kissen/ und ich warte darauf, dem regen zuzuhören/ mein rückgrat kriecht die matratze entlang/ meine hände sind ins weiße laken eingegraben/ nachtfinger wachsen daraus hervor/ schlagen wurzeln im federbett/ nachtknollen/ schlaftriebe/ traumgeflatter// deine hand liegt auf meinem bauch/ auf meiner brust/ deine hand ist warm/ meine brust ist warm/ mein bauch ist warm/ wir teilen die backwärme unserer körper/ das bett ist ein nachtofen// eine erinnerung kommt an der hand eines gedanken/ sie nimmt deine hand/ nimmt sie weg von meiner brust/ meinem bauch/ meinem warmen körper/ legt sie neben mich/ neben dich/ neben uns/ auf die matratze/ auf der unsere rücken liegen wie zwei flussbetten/ die wirbelsäulen eingegraben/ das knochenmark fließt darin/ quecksilberglänzend/ wie ein nächtlicher fluss im mondschein// meine ohren warten auf das rauschen des regens vorm fenster/ draußen in der nacht/ die ganze nacht warten sie und lauschen/ während meine augen unter ihren schweren lidern der dämmerung entgegen schwimmen//


(c) Eva Wal, Seezeiten
 
Seezeiten


I
Ich trage große Schwingen und schaue über den vereisten See.
Silberrauschen, Seerauschen, Birkenrauschen; Klänge kommen über den See.
Frühjahr: Die Vögel schweigen, die Seerosen halten ihre gelben Köpfe versteckt, das Schilf redet mit sich selbst.
Die Steine tragen Moosjacken und die Bäume Rindenmäntel.
Die Heidelbeeren sind unreif.
Der See ist blau und weiß und schwarz; er zieht die Bilder dicker Wolken auseinander.
Zu meinem Mann sage ich: Ich mag Dich weich und elchig.
Zum Erwachen singe ich das Lied:

            Grün, grün, grün sind alle meine Kleider
            Grün, grün, grün ist alles was ich hab’
            Darum lieb’ ich alles, was so grün ist,
weil mein Schatz…

PENG!

…Der Sommer ist da.


II
Die Nacht ist rosa und gelb; am Morgen spielen Sonnentatzen auf meinem warmen Körper.
Träume kommen mit Wagenladungen voller Schauspieler angefahren: Zirkuspferde, wilde Tiere, Kaninchen, Wald- und Wiesentiere.
Ich schaue durch einen hellen, undurchdringlichen Wald und höre Motorengeräusch.
Motorboote und Kettensägen wollen mitgeträumt werden – kommt aber nicht in Frage.
Die Kaninchen springen durch brennende Reifen, an Erwachen ist nicht zu denken.
Wäre der grün, grün, grüne Wald doch nicht so undurchdringlich.


III
Ich laufe durch den Wald und drücke den Boden fest. Jeder Schritt ein Gedanke, ein Wort, eine Möglichkeit. Der Wald ist in Wolken gehüllt, vom See ist nichts zu sehen. An den Bäumen wachsen Elchgeweihe, und am Boden höre ich das Moos murmeln und die Beeren summen.
Ich vermisse meinen Mann, der mir aus Baumstämmen entgegensieht und sich in der Rinde versteckt hält wie in einem Faltenwurf.
Wieviele hundert Jahre ist es her?


IV
Ich setze mich in das Holzhaus und zünde Kerzen an, bis das Haus in Flammen steht.
Die Gemeinschaft der Tannenzapfen hat sich zu einer Trauergemeinde verschworen und ist mit dem Motorboot auf den See hinaus gefahren – dorthin, wo er am tiefsten ist.
Leider war die Kettensäge an Bord, so wurde es keine friedliche Fahrt.
Der See schluckte viele Liter Blut; am Morgen war Gras am Ufer gewachsen und die Oberfläche spiegelglatt wie im Winter, wenn der Luchs das unschuldige Reh übers Eis jagt.

Ich hatte einen erotischen Traum von einem Seegeist mit einem Riesenpenis.
Die Gemeinschaft der Tannenzapfen will nichts mehr von mir wissen, weil ich alles heraustrompetet habe in einer liebestrunkenen Ode an den Seegeist.
Heute Morgen habe ich sie am Seeufer rezitiert mit Pauken, Trompeten und Kettensäge.
Zuviele Tannenzapfen im Wald hörten mich.
Nun haben die Birkenblätter wieder etwas zum Plappern.
Die Sonne regnet zwischen den Zweigen hindurch und zwingt die Blaubeeren zur Reife.


V
Auf einem Spaziergang finden Hänsel und Gretel Vogeleierschalen, Fischschuppen und eine Säge. Mit wie viel Wärme denke ich an meinen Elchmann: Wer ist er eigentlich?
Letztes Jahr stürzte er sich auf die Blaubeeren. Keine einzige reife Beere konnte sich vor ihm verbergen, seiner Gier entkommen.
Ich verkleidete mich als Beere und blieb unerkannt.


VI
Ich rede mit den Tannenzapfen über die Tiefe. Ich spreche zu ihnen von der Tiefe, da sie nichts zu sagen haben oder immer noch nicht mit mir reden wollen.
„Die Tiefe“, hebe ich an bedeutungsvoll zu sprechen, da kommt ein gewaltiger Donner auf einem Windstoß und unterbricht mich unverschämterweise. So kommt es zu keinem Vortrag, und ich streite mich mit dem Elchmann.
Er schaut jeder Blaubeere nach; ich lese ihm meine Ode an den Seegeist vor.
Der Elchmann hält sich für einen Seegeist und wird von den Tannenzapfen vor mir gewarnt.
Zeit für mich, meine Füße vom weichen Moos zu heben, die Schwingen zu spannen und mich aufzumachen über den gewitterbebenden See zu fliegen.
Die Ruhe nehme ich mit und einen mundvoll Blaubeeren.
Des Elchmanns Geweih ramme ich mir zur Erinnerung ins Herz; Motoren, Kettensägen und Tannenzapfen versenke ich im See.
Da kann die Tiefe für sich selbst sprechen.
Ich hoffe, der Seegeist verzeiht mir noch einmal; ich verlese die Ode an ihn jetzt auch in der Luft:

            Hell, hell, hell sind alle meine Kleider
            Hell, hell, hell ist alles, was ich hab’
            Darum lieb’ ich alles, was so hell ist,
            weil mein Schatz…

ZZZIIINNNGGG!

… Alles ist vereist; es ist wieder Winter über dem See.

„Wie konntest Du nur das Dunkel vergessen!“, sagt die Tiefe zu mir.


Suomi, Sommer 2011




Suomi, Sommer 2011

Zweiheit


Der See ist zweigeteilt
Hell und Dunkel rauscht am Himmel
in großen Wolkengebilden,
die sprechen und
sagen, was ein Himmel

mit Hilfe der Wolken sagen kann

Der zweigeteilte, in Hell und Dunkel geteilte
Himmel ist in mir
wie
Der zweigeteilte, in Hell und Dunkel geteilte See

See und Himmel eine Entsprechung
Eine Sprache mit Wolken, Vögeln, Wasserpflanzen
uferlos
Ich warte auf Worte wie auf Blitz und Donner
doch
Wie auf großen Schwingen kommt
Sprache aus der Wunde
zwischen
der Zweiteilung von See und Himmel und
hebt mich empor,
damit ich sage



Küsse und Pfeile


Mein Atem ist ein beängstigender Schatten
Ein flatternder Vogel ist in meinem Herz gefangen


   Er ruft den Frühling aus
   Er ruft nach Freiheit


Ich winde die Worte wie Schnüre durch die Luft der Tage


Meine Seele ist ein Baumhaus für Gedichte
Eulen leben darin
Mit gelben Augen durchdringen ihre Blicke den Wald
der taubstummen Bäume


Die Sterne haben mich geweckt mit ihren kalten, lächelnden Schwertern


Am Morgen fahre ich durch das ausgebreitete Meer 
der Erschöpfung


Ich pflücke Worte aus dem Schlaf


Wecke meine Fingerspitzen,
   die Stellen zwischen den Fingern,
   die Stellen zwischen den Zehen
                                mit Küssen und Pfeilen


Rehe! Weiße Rehe mit roten Augen und Katzenhaaren 
springen mir entgegen


Ich sinke an Deine Brust
                        im honigdicken Gras




Saussemare, April 2011
Foto (c) Eva Wal
 
Der lange Strand


Über den langen Strand
                   laufen Menschen
an bunten Bändern

Die fetten Tanten und Onkel
                   Schwermut
                         wälzen sich in nassem Sand
Kindheitsgedenken ersaufen
in Gezeiten

Eine Nixe mit grünem Schamhaar
lächelt mich an aus ihrem Stein

Verschlossen bin ich in meiner Sehnsucht
Versiegelt ist mein Leid

Ich bin ein leuchtendes Unterwasserwesen
                                                  im hellen Tag

Das braungelbe Meer leckt
                        meine Wunden im Muschelwald
Freundliche Geister umfassen meinen Bauch

Worte schwirren durch die Luft
                      und fädeln sich zu Gedichten auf

Ich dichte drauflos,
             in die dunklen Hecken,
an den Feldern entlang,
an ihre Ränder gepresst

Aus dem Bauch des grünen Dämon
       wachsen weiße Schmetterlinge




Das Boot der Dichter

I
Ein Vogel im Tag,
ein Gedicht im Schnabel,
ein ausschlagender, grünender Zweig
Die Zunge steckt im Schlund,
im Magen tobt ein Raubtier
Ein Strauß Verständnis,
überreicht von Schergen der Dichtkunst
Wilde Blumen mit bissigen Insekten
   auf den gezackten Blütenblättern
Süßer, betörender Duft stellt sich als reine
               Verlogenheit heraus
Ich habe das Antlitz meines Gedichts verloren
Tsunami und Vollmond haben den Verstand überrollt
Blumen und Vögel sind von gestern
Wenn ich ein Vöglein wär,
       flög ich zu Dir
II
Ich will Dich retten,
mein Gedicht-Gesicht,
will Dich sehen Aug um Aug
und Zahn um Zahn befühlen
Ich komme auf Riesenwellen
im hölzernen Kahn:
Das Boot der Dichter, 
leider schon voll
Wer geht über Bord?
Wer hat Schuld
oder Blut am Schuh?
Du?
Ich rudere zu Deiner Rettung,
ballongroße Schwielen an den Händen
voll gallenbitterer Insektenexkremente
Es brennt unter meinen Nägeln:
Ich transportiere illegale Drogen über das dunkle Meer
Die Ozeanriesen wollen mich anfallen,
doch sie werden von Haifischflossen geohrfeigt
und von Wellen verschluckt –
Was für ein Glück!
Ich schwimme im Blut
Erinnerungen glänzen auf meinen Schuppen
und fallen endlich ab
Der Vollmond hängt in meinen Augen 
wie eine trächtige Pupille,
           es ist Nacht
III
Ich kann Euch nicht weiterrudern,
Dichtergesindel ohne Krallen und Schnäbel
Einem wächst ein Lampenschirm mitten
aus dem Gesicht;
Eine junge Frau beugt sich über den Bug,
aalglatt glänzend, eine Dichterpflanze aus 
dem Zuchthaus,
welk und traurig fällt die Sprache von ihr ab
wie ein abgestorbener Fischschwanz
Wie soll ich Dich retten, 
mein Gedicht-Gesicht?
Deinen haifischheißen Körper fühlen?
Das Boot ist dichter geht es nicht
Der Mond kommt immer näher
Die Wellen übersteigen sich in Größenwahn und Gier…
…und ich, Hölle, habe immer noch Hunger!


Leipzig, März 2011



Freiheit

Ich verunglücke am Tag,
obwohl ich seine Schönheit sehe,
seine überwältigende Schönheit,
in die er mich einlädt wie ein Liebender

Nein, sage ich, ich bin zu müde, zu schadhaft, zu wund

Meine Lust verschwand in einer Grotte
Tief in meiner Höhle wird sie vom Groll bewacht

Ich schaue die Wahrheit an:
Steige in die Wunde, kratze den Schorf ab,
schaue hinein

Ich halte die Traurigkeit am Zügel,
ich wiege mein Leben:
Lebkuchen und Zuckerwatte,
zu schwer, zu leicht

Die Freiheit ist eine Kirmes
Ich fahre Boxauto, Riesenrad und Achterbahn
Eine Riesenkrake mit blinkenden Armen
schleudert mich durch die Luft

Die Fliehkraft befreit mich
von der dummen Menschenfreiheit

Ein Vogel bin ich nun,
schwindelerregend schön ist mein Flug



Ende der Nacht

I

Am Ende der Nacht hält eine Mondschale
die dunkle Mondkugel
in leuchtender Hand:
Mond im Mond,
Nacht in der Nacht

Ein Leuchtturm wirft sein Licht,
zerschneidet die Dunkelheit,
ein Flugzeug steigt auf,
Sternschnuppen stürzen herab

Noch sind die Vorhänge der Nacht geschlossen
Die Hähne schlafen, die Hunde schweigen
Vor dem Morgen warten die Regenbögen in gelbem Licht

Der Himmel wird höher und höher werden am Tag
Wie Drachen werden meine Gedanken mit ihm steigen

II

Ich laufe den blankgeleckten Strand entlang,
Dämonen an der Leine

Will mich nach den schönen Muscheln bücken,
den Wundern in festen Schalen der Zeit,
doch die Dämonen zerren an den Leinen

Wenn ich Euch los bin, elende Hunde,
gehe ich in den Frieden im Eukalyptushain -
Im heiligen Quellwasser werde ich mich neu gebären
und meine Geschichte schreiben

Als Fisch und Vogel gleichermaßen werde ich
im hohen Himmel wie in der Meerestiefe schweben,
gleiten, fahren, fliegen, tauchen, sein…

III

Aufs Meer prasselt die Sonne
Ich schmeiße meine Spiegel in die ausgebreitete Meeresfläche hinaus
Sie zersplittern
Die wunderschöne, krause Meereshaut zerplatzt,
Gold und Silber strömen aus

Ich bin die Tochter des Blaus,
Adoptivkind des Himmels
Blutig war meine Geburt
Sie schnitten mich aus Wolkenleibern,
bargen mich, halb erstickt, aus Wellenkämmen

Heute glänzen meine Augen mit dem Blau:
            Mutter-Blau, Vater-Schwarz
            Schwester-Tag, Bruder-Nacht

IV

Mein Leib ist ein Wolkenleib,
aus dem dämonische Hunde fallen
Im Meer sollen sie zerspringen mit meinen Spiegeln,
wieder und wieder,
bis kein Kläffen und Bellen und Zerren und Ziehen mehr ist
und sein kann

Als Schiff werde ich den Horizont fressen,
die Splitter meiner Spiegel werden in meine Kehle schneiden,
Blut wird in meinen Schiffskörper strömen

Titanikhaft wird er sinken in dieses
Schwereblau,
dessen Tochter, Schwester und Mutter ich bin

Da sind die Höllenhunde, am Meeresgrund:
Knochen und Staub,
Fundstücke für Forscher und Archäologen

V

In lichtvollen Momenten ruhe ich wie ein Fels,
schüttle mein weißes Haar aus Gischt
und träume mit den Vögeln

Ich singe im unbeschwerten Blau,
rittlings auf Wolkentieren reite ich in die Lust!

Verliebt in die Zeit,
die ihr Lasso nach mir wirft,
mich bindet wie eine Gefangene,
wenn ich mich nicht aus jedem Moment heraus webe,
um frei zu sein -

Am Horizont leuchtet
                        das Ende der Nacht



Der erste Tag

Meine ausgestreckten Wurzeln zittern im neuen Jahr,
das sich eben in seinen ersten Tag ergossen hat

Ich bin im Nirgendwo
Versuche zu erfassen, wo ich bin

Doch meine Wurzeln wollen nur das Licht berühren,
sonst nichts
Sie wollen nichts greifen, nichts anfassen

Sie zittern wie erschrockene Fühler,
tanzen wie Seepferdchen und Wasserpflanzen

Die leidvolle Welt ist versunken
Zurück blieb ein leeres Dorf mit einem Menschenrest

Alte Einheimische, denen Katzen um die Beine streichen
Fremde mit vollen Taschen und Zigeunermädchen
mit kohligen Augen, die Maronen verkaufen
Aus ihren Töpfen raucht und dampft es höllenheiß

Die Häuser sind weiß, die Bauruinen graue Schatten
Der Himmel ist schwefelgelb, das Meer purpurrot

Wellenschaumwolken segeln am Strand entlang
Sie gleiten auf einer Wasserhaut, die liegenblieb,
als das Meer sich auszog
Nackt stürzt es nun von jedem Wellenkamm in das tosende Nichts

Das Licht schweigt und geht
Es verlässt den Tag und wohnt in glänzenden Sternen

Die Nacht hat ihr Gefieder auf Betten verteilt
Auf einer Schwinge schaukle ich hin und her
Traumlos liege ich in einer geschwärzten Nacht,
die Laken vom Meeresrauschen getränkt

Ich steige auf in das Licht jenseits der Betten
Gehe dorthin, wo die Vogelrufe sind

Ich schließe die Augen und spüre,
wie das purpurrote Licht meine Lider durchströmt
Ich erwache und weiß:

Das Leben ist nur ein Versuch
Nichts weiter als ein Selbstversuch vielleicht
Ein Fischerboot auf dem stillen Meer
Ein Fischer auf einem Fels
Eine Fischerin am Strand

Im Sand liegt ein Fisch, sein Maul bewegend,
als wolle er noch etwas sagen:
„Was ich noch sagen wollte… was war es noch mal…“

Vor meinen Augen spielen Schornsteine, Glocken und Katzen miteinander

Ich verjage meine schrecklichen Geschichten: Fort! Hinaus!
Doch wo sollen meine Geschichten hin?
Ich selbst habe keinen Platz in der Welt!
Ich denke: Zum Teufel mit der Welt und ihren stinkenden, blutverschmierten Straßen,
Gassen, Häusern und Plätzen!

Meine Welt ist eine Kapsel, eine Zelle,
eine Zellkapsel
In meinen kleinen Wurzelhänden liegt das Leben

Meine kleinen Wurzelhände sind aus den Zellkapselwänden
gewachsen
Das Leben ist verwachsen mit meinen Wurzelhänden,
doch es wächst über sie hinaus, es reißt sich fort…

Meine Welt ist eine Waldwelt, mein Leben eine Lichtung darin und ein mit weißen Kieselsteinen bestreuter Weg

Gedanken: Bäume
Bäume: Leben und Tod

Das Leben und ich tanzen ein Pas de Deux
Das Leben, die Welt und ich führen Krieg

Die Sprache, das Leben und ich lieben und verraten uns,
unabänderlich,
unverbesserlich,
für immer