Drei Gedichte von der Nordseeinsel Baltrum
Abend
Der Himmel trug rosa Streifen
Zwei Rehe
standen einträchtig
nebeneinander auf einer Düne
Unser Weg war ausgelegt mit einem
glänzenden Teppich aus Moos
An seinen Rändern zu beiden Seiten
leuchteten die letzten roten Beeren
und warteten auf Wintervögel
Wir hatten keine Eile fügten uns zu einer
Abendeintracht auf diesem Weg
Die Sonne wuchs zu enormer Größe
Sie musste sinken wie aus Blei
Eine gefährliche Scheibe ein
Tor in den verklärten Himmel aus
flüssigem Glas
Ein Schiff fuhr auf das Sonnentor zu
Es trug eine Urne – ich war darin
eingekauert – wollte mich
versöhnen mit den Elementen
wieder zusammenfügen verschmelzen
was durch das fortwährende Denken
abhanden gekommen war ganz
zersplittert war ich bevor ich
mich zusammengesammelt hatte und
in die Urne gekrochen war
Doch wie ich darinnen eingeschlossen wurde
war ich in allem und alles war in mir
Vogelflug Brausen Branden und ein feines
Fiepen im Schilf… ach und das Rosa im
Himmel vor dem die Rehe standen und dachten
nichts.


Spaziergang am Meer
Falbes Schilf, Gänse darin wie Kegel und die Sonne ist
Bestimmerin. Holt die Winde; die zaubern Schaumkronen, pfeifen und pusten Sandfahnen
am Strand entlang, dem Saum des Meeres. Drachen, Abgesandte mit peitschenden
Schweifen und Schwertern aus Schilf. Die Sonne ist eine Uhr aus Blei; das Feuer
verschlingt die Zeit, und der Raum dehnt und dehnt sich; mit kundigen Fingern
türmt er Muscheln auf der Rückseite der Welt, wo die Mondin sich in ihrem
Spiegel betrachtet. Sie ist gealtert, doch schmückt sie sich mit den weißen
Juwelen; eine Göttin ist immer schön…
Auf
den dunklen Wiesen liegt ein Geschnatter, das geht bis in die Nacht, wo Sonne
und Mondin eins sind in Licht und Glanz. In ihren Händen drehen sie die Welt
wie eine von Wind und Wasser geschliffene Formation.


Am Meer
Der Abend leuchtet, die Pfützen gleißen, die Fenster der leeren,
als ob unbewohnten Häuser stehen in Flammen; der Himmel hat übernommen und sein
Feuer geschickt: als Leuchten in Gold, Platin und allen Tönen von Rot. Im
Dämmerlicht tummeln sich Fasane und Kaninchen, eilen hin und her, als hätten
sie noch Besorgungen zu machen. Die Vögel, ferner, von weiter her, bilden einen
Schnatterteppich. Alles, alles habe ich in mich aufgesogen; sitze nun in der
gemütlichen Dachkammer, aufrecht im Bett, an Kissen gelehnt, schreibend und
müßig wie eine faule Studentin, so scheint’s, während von unten der Duft frisch
gebratener Pfannkuchen heraufsteigt mit Kaffee. Von draußen dröhnt es sanft
herein, durch einen Spalt des geöffneten Fensters; eine Gewalt ohne Wut, eine
geöffnete Faust, eine offene Hand, aus der die Elemente und Geschöpfe strömen.
So saßen sie heute Morgen auf unserem
Weg, als wären sie dort noch nie gestört worden; die Gänse, die Möwen. Das
Wasser ruht in seinen Vertiefungen, den Mulden, Pfützen und bleibt liegen,
während alles Gefiederte sich erhebt, klagt und flieht, wenn wir nahen mit
unseren gestiefelten Doppelfüßen.
Alles ist in Gold
getaucht; kein Mensch weit und breit.
Wir erreichten das Ende der Salzwiesen, die Dünen, das Meer. Die
tropfengeschmückte Feder, die ich vor zwei Tagen hier fotografierte, liegt an
derselben Stelle; sie erinnert mich an Dinge, die bleiben, während die Vögel in
Scharen sich erheben, erheben, erheben unter Pfeifen und Schwirren und das
Schilf leuchtet, als könne es gute Laune haben – wer weiß es schon – leide etwa
nur ich unter launischer Gereiztheit? Heute löst sie sich alchimistisch auf,
verwandelt sich in Entzücken und Jubel. Aus der Tiefe steigt er, verliert mit
jedem Schritt in die Höhe an Schwere und Dunkelheit; verlässt sie, als wüsste
diese neue Hochstimmung zu singen vom Bleiben und Verlieren, vom Ruhen und Fortziehen,
oder als wüsste sie gar zu berichten vom Schwimmen in der eiskalten See: sieh‘
da, ein Seehundkopf taucht aus den Fluten, schaukelt munter auf und ab durch
das gekräuselte, juwelenbesetze Blau des Wassers… Ja, nur die Oberfläche sehen
wir von hier aus am Stand, dem wir unsere Spuren eindrücken für eine Zeit
wenigstens und ja, doch auch wir Menschenwesen, so weit entfernt in unserer Art
von Vögeln, Robben und Schilf sind doch Geschöpfe… einst strömten wir alle
zusammen aus dieser einen geöffneten Hand über dem Horizont.

Text und Fotos(c) Eva Wal, VG Bild-Kunst