Freitag, 1. Oktober 2021

Wald, Sturm und Fiktion

Es gibt zwei neue Veröffentlichungen zu feiern:


Die KünstlerInnengruppe "Der Wald und der Sturm" hat nun eine Webpräsenz:

https://kunst-wald-sturm.jimdosite.com/


Hierzu einmal mehr eine Hommage an den Wald:


Lieber Wald


Mein lieber, blauer Wald

Das Abendlicht dringt und drängt
in Deine Kammern flimmernd
vor pochendem Laub

Hinter Schleiern
Eulengeheul

Unter Netzen
Spinnengeklapper

Mein lieber, grauer Wald
sepiabraun, wolfsweich die
wilde Melodie

Mein lieber, lieber Liebeswald
Umschlungen die Baumarme,
Bäuche, Leiber, Wurzeln

Nackt die Stämme
im Totholz kreuz und quer
Wie mächtig Deine Torsi!

Das Stampfen und Flattern
in Deinen Laubzimmern, das
Pfeifen der Pilze und die
Silberstimmen besaiteter Äste sind
symphonischer Klang da oben 
in den Kronen

Und unten am Grund,
tief in der Erde,
glüht es schwarz und
feuerrot.








Und nun zur Fiktion: Das amerikanische Literatur-Magazin hat mich wieder in ihr neues Issue aufgenommen, dieses Mal mit visueller Kunst, meinem Bild "Flut", "Flood", hier zu sehen auf Seite 44 neben der Kurzgeschichte "Dungeons" von Michelle Fulmer.




Flut, Wachskreiden, Gouache und
Kohlestift auf Leinwandpapier,
140 x 180 cm, Juli 2021


Große Kunst, zwischen Dystopie und Fiktion jedenfalls, hier noch ein Gastbeitrag von Michael Domas, geschrieben und vorgetragen zum Literarischen Nachmittag im Skulpturengarten Rösrath (s. vorige Posts).


Das größte Kunstwerk der Welt

Stellen Sie sich vor – und vermeiden Sie dabei, so panisch zu werden, dass Ihre Vorstellungskraft aussetzt – stellen Sie sich vor, es gäbe keine Bäume. Nein, nicht deshalb keine, weil sie inzwischen verbrannt sind oder verbrannt wurden, weil sie vertrocknet, vergiftet, erstickt sind, weil sie gerodet, verheizt, verbaut, zu Mulch verarbeitet wurden – all das fordert nicht so sehr Ihre Phantasie heraus wie Ihre Furcht, und diese ist durch die täglichen Nachrichten trainiert.

Nein, stellen Sie sich in aller Ruhe, nur so als Gedankenexperiment vor: Es hat nie Bäume gegeben, jedenfalls keine Nadel- und keine Laubbäume, die Evolution hat sie irgendwie verpasst. Dabei hatte sie schon mit der Idee von Bäumen gespielt. Was heißt gespielt, aus Bärlapp-, Farn- und Schachtelhalmgewächsen hat sie wahre Baumriesen erschaffen. Die aber überlebten nicht die Klimaveränderungen, die die Vereinigung der beiden Großkontinente Laurussia und Gondwana zum Superkontinent Pangaea mit sich brachte, vor 300 Millionen Jahren war Schluss, und von der ganzen Herrlichkeit blieb nichts als Kohleflöze. Danach brachte die Evolution zwar die Blütenpflanzen hervor, wusste jedoch nur Savannen daraus zu machen, Steppen oder – immerhin – Buschlandschaften, der Gigantismus jedoch, zu dem sie neigt, blieb auf diesem Felde aus. Vielleicht, weil die Gehölze nicht nah genug zusammenfanden, um sich in der Konkurrenz um Licht gegenseitig in die Höhe zu treiben? Oder, wenn Sie es lieber mit Nazim Hikmet oder Peter Wohlleben halten, weil Brüderlichkeit die Ausnahme ist?

Gleichviel, weder können wir uns unter Linden finden, noch Eichen weichen, noch Buchen suchen; uns Hoffnung und Beständigkeit zu lehren gibt es keinen Oh Tannenbaum; keine Fichte träumt mit Heinrich Heine von einer Palme; Caspar David Friedrich kann seine Bilder nicht mit botanischen Bizarrerien ausschmücken; Tom in der TAZ in seinen Touché-Cartoons nicht die Frau im Blümchenkleid „Den Baum berühren, den Baum spüren, eins werden mit dem Baum“ sagen lassen. Es gab keinen Paradiesapfel und also keinen Sündenfall.

So weit konnten Sie mir folgen? Eher unwillig? Das verstehe ich, aber die Pointe kommt ja noch. Jetzt nämlich stellen Sie sich vor, in dieser baumlosen Welt schafft ein Künstler etwas, was wie ein Baum aussieht, so täuschend ähnlich wie die künstlichen Bäume in Hotelfoyers, die Sie erst anfassen müssen, um zu verstehen, dass sie nicht echt sind. Aber in unserem Gedankenexperiment gibt es natürlich auch keine künstlichen Hotelfoyersbäume, sondern es gibt nur den einen unseres Künstlers. Seine Plastik, ein Riese mit breitestem Stamm, der sich in machtvolle Äste und immer filigraner werdende Zweige und Zweiglein aufgabelt, eingebettet in eine gewaltige Krone, der unglaubliche 800 Tausend Blätter angeheftet sind – dieses Produkt einer ebenso kühnen wie präzisen Phantasie steht weithin sichtbar und frei auf einem grünen Hügel. Das Publikum, das aus aller Welt anreist, um das Objekt zu bewundern, verhält sich doch still, um dem Rauschen des Windes in seinen Blättern zu lauschen. Nicht einmal, dass keine Vögel zu hören sind, mindert die Andacht.

Michael Domas, August 2021


Und wer weiß, vielleicht ist ja doch der PUKA das allergrößte und schönste Kunstwerk. Jedenfalls hat es/ er das Ende der Skulpturengarten-Saison in guter Verfassung erreicht und geht nun mit mir zurück in den heimischen Garten. 




Zum Puka: Posting vom Mai und Juni, 1. Literarischer Nachmittag.

Mittwoch, 1. September 2021

Vom Sagen und Summen


Bitte im Clip auf die Überschrift "Mit Bäumen Sprechen" klicken, dann erscheint das Set auf Soundcloud: Das Reh, Farn, Ich ging im Walde..., Schatten, Sternbild der Buche.

Texte, Gedichte, geschrieben 2020-2021, vorgetragen an den beiden Literarischen Nachmittagen im Skulpturengarten Rösrath, "Mit Bäumen Sprechen", Juni und August 2021.

Siehe auch "Schatten", voriges Posting.

Autor*innen, Vortragende bei den beiden Literarischen Nachmittagen: Irma Shiolashvili, Beatrix Rey, Andrea Karimé, Diana Ivanowa, Gudrun Hillmann, Max Kreide, Iris Schürmann-Mock, Monika Littau, Michael Domas, Adrienne Brehmer, Markus Bollen, Helli Hecht und Eva Wal.

Foto: Irma Shiolashvili

 "Das Summen der Wege" ist eine Compilation mit Sound aus einem waldigen und verwachsenen Gebiet vor meiner Tür. Die Aufnahme ist 7 Jahre her, als ich noch nicht lange im Bergischen lebte und die Umgebung intensiv mit allen Sinnen erkundete. Zeit, die Wege wieder einmal summen zu lassen.



Schatten

Wir brauchen keine Bären
die an den Polen lungern oder
durch bewaldete Gebirge streifen

Weg mit den Bäumen und ihren erdigen Krallen
Schon lange bietet der Boden keinen Halt

Fort mit Bienen Blumen Blättern
Wir brauchen sie nicht mehr!

Wir brauchen keinen Morgentau

Durchs Wolkenlose stürzen Kinder
splitternackt

Die Himmel vermehren sich
Drehtüren ins Nichts

Die Menschen sind Silhouetten
Schatten der Vergangenheit
Wir brauchen uns nicht mehr. 


Gesprochen von Michael Domas.


Schatten: April 2020, Beitrag zum 2. Literarischen Nachmittag "Mit Bäumen Sprechen" im Skulpturengarten Rösrath, August 2021, dort vorgetragen von Michael Domas.

Von mir selbst gesprochen im nächsten Posting "Vom Sagen und Summen", dort in meinem Set "Mit Bäumen Sprechen".

Montag, 23. August 2021

2. Literarischer Nachmittag

Der zweite Literarische Nachmittag "Mit Bäumen Sprechen" fand am Sonntag, 22. August im Rösrather Skulpturengarten Brander Straße statt, und zwar entgegen vorhergesagten Gewittern und starkem Regen bei rundum friedlich-freundlichem Wetter.

Zehn Autorinnen und Autoren, darunter drei Überraschungsgäste, luden in ihren Texten und Liedern zu weltenumspannenden Reisen ein. Dichtende (Kinderbuch-) schriftstellerin Andrea Karimé zeigte, wie sich Gedichte (ihres noch unveröffentlichten neuen Bandes "Das schönste Zimmer in meinem Kopf") um jeweils ein Wort aus einer der 200 Sprachen Afrikas drehen können. Diana Ivanowa sang ein bulgarisches Lied, das den grünen Wald verehrt. Eine Hommage an Bäume von Hermann Hesse trug Beatrix Rey vor, gefolgt vom Anfang des Romans "Jakob der Lügner" von Jurek Becker, Letzteres als Beitrag gegen Rassismus und was die Bäume - oder besser gesagt deren Fehlen im Warschauer Ghetto - damit zu tun hatten. Adrienne Brehmer nahm uns mit auf einen "Spaziergang" durch den Regen und zum Brunnen am Ebertplatz in Köln, und Liedermacher Bernd Bobisch sang vom Gehen, Nachdenken, Fühlen, Spüren und Meditieren im Wald während des Lockdowns. Die Initiatorin des Skulplturengartens, Helli Hecht, trug ein Farngedicht auswendig vor. Mein Gedicht "Farn" antwortete darauf. Von mir kam weiterhin ein Trauergesang um eine Buchenfamilie, die zum Sternbild wird und eine apokalyptische Vision, "Schatten", um das Verhältnis von Mensch und Natur, hier vorgetragen von Michael Domas. In seinem eigenen prosaischen Text erfand er ein Szenario, in dem Bäume reine Fiktion sind. Ebenso fiktiv ließ Gudrun Hillmann den Rhododendron zum Olivenbaum werden und den Farn zum Tannenbaum. Zum Schluss führte uns Irma Shiolaschvili von den Bäumen zum Rhein, und dies am Teich im Skulpturengarten und zum Deutschen in georgischer Sprache mitsamt Schriftbild. 

Mit herzlichem Dank an alle Vortragenden, Singenden, Zuhörenden und Fotografierenden!

Hier die Galerie mit Fotos von Markus Bollen: 


Die Vortragenden, v.l.n.r.: Andrea Karimé, Diana Ivanowa, Bernd Bobisch, Eva Wal, Michael Domas, Irma Shiolaschvili, Gudrun Hillmann, Helli Hecht, Beatrix Rey und Adrienne Brehmer





 Drei Fotos, von hier nach oben: Oliver Kerth

































Mit dabei: die Ziegenböcke Ingo und Uwe.






Idee, Organisation und Moderation der Literarischen Nachmittage im Skulpturengarten: Eva Wal.

Mitorganisation, Unterstützung: Helli Hecht.

Fotos: Markus Bollen, www.Panoramic-art.de


1. Literarischer Nachmittag: Posting vom Juni

Zum PUKA, meinem gefilzten Hasen-Wesen im Skulpturengarten: Posting vom Mai


Mittwoch, 21. Juli 2021

Flut

Wachskreiden, Gouache und Kohlestift auf Leinwandpapier, 140 x 180 cm


Vergangene Woche stürzte sich eine Flutkatastrophe zwischen die Pandemiewellen. Es sei die Rache der kleinen Flüsse, hörte ich, in deren Schleifen und Schlingen kleine Dörfer lagern. Im heftigen Dauerregen schwollen sie an, traten über die Ufer. Das Hochwasser zerstörte, zermalmte Autos, Häuser, Dörfer, Felder, Tiere und brachte mehr als hundertfünfzig Menschen den Tod, darunter Kinder, Helfer, Feuerwehrleute.
Opfer, die, wie sich nun herausstellt, wahrscheinlich zu einem großen Teil hätten vermieden werden können, hätte man an manchen Stellen rechtzeitig und verantwortlich gehandelt.
Und wenn, ja wenn, wir alle die Stimme der von uns Menschen geplagten, lädierten oder zerstörten Natur gehört und rechtzeitig verantwortlich gehandelt hätten, würde es vielleicht zu solchen Katastrophen nicht in diesem Ausmaß oder auch nur nicht in der jetzt zu erwartenden Häufigkeit kommen. Wenn, ja hätte, würde, könnte, sollte... das etwa ein Signal für den Klimawandel sein?, höre ich in den Nachrichten und erfahre als nächstes, dass nun schon der zweite Milliardär die Schwerelosigkeit in einer Rakete im All genoss und wohlbehalten wieder auf der Erde gelandet sei. Ja, lasst uns doch in den Weltraum fliegen, um dort weiter zu schänden und zu rauben! Erst einmal aber müssen wir uns so bereichern, dass wir uns eine Rakete kaufen können, eine kleine wenigstens, besser aber eine richtig große. Und dann nix wie ins All!

Mir wird kalt, etwa so, mit dieser fast 40 Jahre alten Vision: https://www.youtube.com/watch?v=KQRaj1vcnrs

Von solchen Ereignissen erschüttert, zumal fast vor meiner Tür, wobei unser Dorf und die Umgebung gänzlich verschont blieben, wurde mein Bild, das ursprünglich Gedanken an einen Baumstamm oder Baumiges, Waldiges trug, zu einem Strom, einer Sturz- oder ja, zu einer apokalyptischen Sintflut.
















Dokumentation: 17. bis 21. Juli 2021



Sonntag, 27. Juni 2021

1. Literarischer Nachmittag

 Fotogalerie zum Literarischen Nachmittag "Mit Bäumen Sprechen" am 26. Juni im Skulpturengarten Brander Straße, Rösrath (s. Ankündigung im vorigen Posting).

Ein wunderbarer, entspannter Nachmittag mit hochkarätiger Literatur, großartigen Vortragenden und Zuhörer*innen.

Mit dabei: Helli Hecht vom Skulpturengarten-Team.

Dank an alle!

Eine Wandel-Lesung, welche unterschiedliche Orte im Garten bespielt.

Idee, Orga und Moderation: Eva Wal



Zu Beginn: Markus Bollen mit Weisheiten aus dem Tao te Ching.

Adrienne Brehmer lädt zu einem poetischem Spaziergang ein.

Iris Schürmann-Mock
liest ihre hinreißenden Kindergedichte.

Max Kreide trägt eine chinesische Geschichte zum Baum vor (s. Presse).

Im Hintergrund: Skulptur von Frank van Well.


Helli Hecht vom Skulpturengarten-Team (links)

Panoramafoto: (c) Gisela Schwarz

Eva Wal mit Lyrik
und einer Performance zum Filz-Hasen mit Anselm Göhring
(s.u.)




Michael Domas erzählt von der Rache der Natur durch "Wespen" (s. Presse).


Skulptur von FOS

Nachfolgende vier Fotos (c) Markus Bollen

Viola Michely liest und zeigt Texte und Fotos aus ihrem
Unikat-Skizzenbuch "Öffnungen".

Monika Littau, links, hier als Zuhörerin, liest chinesische Minaturen aus ihrem Buch
"Von der Rückseite des Mondes" und Gedichte aus ihrem Band "über malungen".




Foto (c) Markus Bollen


Am Teich



Fotos: Oliver Kerth



Sprach-Klang-Performance zu den Dingen und Orten des weltenreisenden
Schelm- und Schutzgeists PUKA in Gestalt eines Hasen,
meiner Arbeit im Skulpturengarten.

Diese Dinge stecken in ihm,
und aus diesen Orten kommen sie:

Performance-Partitur



Zum PukaPosting vom Mai.


Der Puka kommt ansonsten gerne in Form einer Ziege vor.


Zu meinen Texten siehe: lyrik auf diesem Blog.
Das Reh, lyrische Prosa-Miniatur und
März, auch Posting vom März.


 
 
Und dann noch ein Artikel von Gisela Schwarz.
 
Die Akteur*innen hinter dem Kunstwerk von Dirk Müller.