Freitag, 11. August 2017

Bonn-Oxford-Begegnung

Liebe Freundinnen und Freunde der Literatur und der Kunst,

anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Bonn-Oxford und im Rahmen des „Grossen Fragezeichens“, eines öffentlichen, interaktiven Kunstprojekts der britischen Künstlerin Diana Bell (www.dianabell.co.uk) treffen Autorinnen und Autoren der Schreibtage und -seminare am Arp Museum, „Dada war alles gut“, auf Poetinnen und Poeten der Gruppe „Oxford Stanza 2“, um diesen Anlass literarisch, bilingual, international und auch ein wenig dadaistisch zu feiern.

Beide Gruppen treten zur Eröffnung der Installation „The Big Questionmark“, „Das Grosse Fragezeichen“ von Diana Bell am Samstag, 26. August um 15 h auf dem Remigiusplatz in Bonn auf.
Musikalisch begleitet wird der Auftritt von dem Trommler Natty Samuels aus Oxford.

Sie und Ihr seid allerherzlichst eingeladen, an der Eröffnung teilzunehmen und gleichzeitig Teil des interaktiven Kunstwerks zu werden!




Zum Abschluss der Begegnung freuen wir uns ganz besonders auf die Lesung am 
30. August 2017, 19:30 h im Literaturausschank in Jacques‘ WeindepotKönigswinterer Straße 55-57, Bonn-Beuel, auf freundliche Einladung des Vereins KuLi e.V., Ingeborg Brenne-Markner und Thomas Kaut.


Es lesen:
Oxford Stanza 2:
Afam Akeh, Andrew Shelton, Bill Jenkinson, Inge Milfull, Pat Winslow, Stella Shakerchi, Shukria Rezaei
Dada war alles gut:

Heike Kessler, Maria Müller, Eva Wal, Nelly Neukirchen, Sharon D. Cohagan


Dienstag, 25. Juli 2017

Drei Gedichte

schwimmerin

rückwärtsschwimmend, hoffend, solitär
durchmesse ich den tag und
tauche ein in die kreise der gedanken
um banales, alltägliches und die ganze
welt; gehorche der stimme, die mich
verwirrt hat, öffne meine hände und
heraus fällt glas auf harten stein;
könnte ich doch ein baum sein, der
seine früchte auf weichen boden
entlässt!

***

spaziergang

den kornblumen und dem flieder
wachsen schmetterlinge aus den köpfen;
sie trennen sich ab und schweben
davon, besoffen von lila

ich bin ein schmetterlingskind,
löse mich von einem körper mit
zwei beinen und nackten füßen

ich trenne mich ab und trudele
davon, nach oben; besoffen von
der wärme des waldbodens.

***

die wolke sehnsucht
  
ich lebte in einer wolke
die wolke war mein zuhause

die wolke war keine heimat
sie ging vorüber

die sehnsucht geht nicht
vorüber; kann sie eine
heimat sein?

das heimatliche, offene meer

***

Samstag, 15. Juli 2017

Die Prozession


Gerade riecht es nach Pferdeapfel und Sauerkraut. Ein leichter, fast verbotener Dunst durchweht das ansonsten stets von Unwillkommenem gereinigte Dorf. Die zwei Pferde auf der Koppel, die sich fast nur durch die Farbe des Grases vom glatt gefegten Dorfpflaster unterscheidet, haben die Ohren aufgestellt. Aufmerksam scheinen sie den Gebeten und Gesängen vor dem Elektrozaun zu folgen. Der Kirchenchor erklingt in sanfter Kakophonie zu den Kirchenglocken, die mitten in den Gesang hinein schlagen. Sie müssen eben die Uhrzeit verkünden zu jeder Viertelstunde und können keine Rücksicht nehmen auf die sorgsam einstudierten Akkorde mit den durchaus anspruchsvollen Harmonien der Fronleichnams-Liturgie. Höchstens ein oder zwei Frauenstimmen stehen klirrend hervor in den oberen Lagen. Ich erkenne die vorbildliche Sorgfalt und Sauberkeit, die hier in diesem Ort überall zu schalten und zu walten scheint, als habe der Herrgott den Menschen in Niederalteich ein besonderes Gen gegönnt.

Von den vier Geistlichen in schwarzen Talaren habe ich zwei schon gesehen. Den großen, breitschultrigen, aber schlanken Bruder mit dunkler Hautfarbe, Brille, Bart und grauen Locken und den Jüngeren hinter ihm, neben einem kleinen Dicken mit fromm nach vorne abgeknicktem Halse stehend. Der Jüngere ist ebenfalls groß und schlank, fast hager, und auch er trägt Brille und Bart. Dieser Bart aber ist lang und dünn, spitz zulaufend und nach vorne leicht abstehend.
Neulich habe ich dem Bruder von meinem Lieblingsplatz am Brunnen im Klosterhof aus zugesehen, wie er einen Tannenbaum beschnitt. Er trug Shorts und T-Shirt und stand mit einer Leiter und einer großen Baumschere am Baum. Vor jedem Schnitt ging er einige Schritte rückwärts, immer den Baum im Blick behaltend und ihn teilweise dabei umrundend, um das Gesamtbild nicht aus den Augen zu verlieren. Die Tanne war nur um etwa die Hälfte größer als der Gärtner und glich in ihrer Form seinem Bart. So, dachte ich, könne dieses Unterfangen schon gar nicht misslingen.

Nun ist das Gebet am ersten Altar der insgesamt vier Altäre der Fronleichnams-Prozession, jeder in eine andere Himmelsrichtung zeigend, beendet, und Böllerschüsse werden abgefeuert. Die Pferde reagieren nur leicht unruhig. Eines, das Mokkafarbene, Helle, könnte ein Norweger oder ein Wildpferd sein. In der Mitte seiner wie eine Bürste hoch stehenden Mähne trägt es noch die Wildpferdezeichnung, den dunklen Strich in Fortführung des Rückgrats. Stolz und friedlich sieht es aus, wie es da mitten im Dorf auf seiner raspelkurzen Weide steht. Ich glaube fast, es hat sich selbst frisiert! Ein Wildpferd mit bayrischem Gen?
Wo ist denn das Wilde? Das Bunte, das Unterschiedliche? Freundlich ist es hier, oft werde ich auf der Straße und sogar auf den Balkon meiner Pension hinauf gegrüßt, ruhig ist es und sauber. Und nichts will die Ruhe stören?
Auch ich suche Ruhe hier; ich genieße die Sauberkeit und Ordnung und will nicht gestört werden in meinen Betrachtungen und bei meinen Aufzeichnungen. Doch dann und wann bringt mich diese Ordnung durcheinander. Ich schüttele meine Mähne und trabe davon, ans Ufer. Ans Ufer dieses breit fließenden Flusses, grün und weiß glitzernd wie der Strassschmuck auf den Steinen in den Gärten und auf den Gräbern im Ort. Aber nein, es sind funkelnde Reflexionen des Sonnenlichts! Hier wohnt Schwester Wasser mit ihrem langen Uferhaar, den hoch stehenden Gräsern mit Wiesenblumen darin, die sich frei im Wind wiegen. Jeden Monat versammelt man sich hier an diesem Stein zum Donaugebet, auf dem eingraviert zu lesen steht: Gelobt seist Du, mein Herr, durch Schwester Wasser… Und darunter: Sonnengesang Hl. Franziskus.

Die Blaskapelle spielt. Die Prozession bewegt sich weiter, dem Ufer zu. Die Mädchen und Jungen in weißroten Ministrantengewändern gehen neben dem Diakon vor dem gold verzierten Baldachin aus schwerem Brokat her, neben dem der Abt mit goldenem Stab schreitet. Doch zuerst kommen die Vereine, die Freiwillige Feuerwehr und die „Schnupfer“, alle im Gleichschritt und mit ernster Mine. Gut Flug steht auf dem Schuppen des Taubenzüchters am Weg. Hier sitzen überall die schlanken Brieftauben, und das Gurren dringt aus jeder Ritze nach außen. Auf der dunkelvioletten Samtfahne der „Schnupfer“ ist neben einer entsprechenden Illustration zu lesen: Nehma Uns A´ Frische Pris. Das hat wohl gerade einer getan. Plötzlich ertönt so ein lautes, unbändiges Niesen, dass alle Tauben, die nur an die Böllerschüsse gewöhnt sind, auffliegen und zum Gleichschritt der Blaskapelle davonflattern. Im Schnabel halten sie das Niederalteicher Gen, das sie nun in alle Welt tragen wollen.

Doch erst fliegen auch sie zum Fluss, wo schon die mit Pappelzweigen und Blumen üppig geschmückte Donaufähre auf die Ankunft der Prozession wartet. Endlich erreicht diese singend und schreitend das Ufer. Die Kirchturmglocke hat wieder geschlagen, der Diakon besteigt mit seinen Ministranten Weihrauch schwenkend die Fähre, die daraufhin ablegt und nur ein paar Schritte vom Ufer entfernt direkt in der Strömung stehen bleibt. Der Herr Jesus könnte das bequem zu Fuß gehen. Nun hören wir alle die Worte des eben genannten Jesus aus dem Munde des Diakons, verstärkt durch nur selten knacksende und rauschende Lautsprecher, die ein Ministrant an einer Gürtelkonstruktion um den Körper gebunden trägt. Es scheint, dass gerade wir, Wildpferde und Brieftauben, besonders mit angesprochen wären und uns wieder unserer Natur besinnen sollten.
Seht ihr die Vögel auf dem Feld? Sie säen nicht, sie ernten nicht, und der Herrgott ernährt sie doch. Und seht ihr die Lilien auf der Wiese? Kein König hat ein so prächtiges Gewand wie sie… Doch da, als der Pfarrer geendet hat, ertönen die Böllerschüsse aus einer echten Kanone vom Ufer, und bald setzt sich die Prozession wieder in Bewegung und geht wieder zur Kirche, um dann endlich den Feiertag zu feiern mit reichlich Bier und Wurscht und einer guten Prise zum Klosterlikör. Die Brieftauben aber kehren in ihre Verschläge zurück und lassen das Niederalteicher Gen wo es hingehört, nämlich hier an diesen Ort, und ich…? Ich schüttele die Mähne und trabe davon, flussabwärts mit dem Lauf der Donau und dem wehenden Haar von Schwester Wasser.

Niederalteich, Juni 2017

Montag, 26. Juni 2017

Schwester Wasser


Ich ströme, fließe, gehe
mit dem Wasser;
der Himmel an die Weiden gedrückt,
die Weiden kniend am Horizont,
der Horizont das Ufer

Das Ufer aber begrenzt das Leben, dieses
eine, endliche Leben, diese vielen einen,
unendlich einen Leben; die Lebendigen und
gewesen Lebendigen

*

Die Glocken schlagen von beiden Seiten der Ufer,
leicht versetzt der Wind den Ton
Wie eine Schwimmerin erreicht der Glockenklang
das jeweils andere Ufer und
uns, die wir am Abend über den Deich gehen zwischen den
Glockenschlägen hindurch
In der Mitte rauschen die hohen Bäume wie zur Besänftigung
und zur Bestätigung einer anderen Zeit; der Zeit des Fließens,
des Strömens und des Rauschens

Auf dem Dach des Gasthauses sitzt die Amsel und singt
ein betörendes Begrüßungslied

Nach Sonnenuntergang übernehmen die Frösche das
Konzert zur Huldigung der nächtlichen Schwester Wasser

*

Erinnerung
oder die Glocken von Niederaltaich

Blechern, hoch tönend und tief singen und schlagen die
Glocken von Nierderaltaich die Zeit
Sie sitzen in meiner Erinnerung wie am Grunde eines Brunnens

Durch unsere Mitte strömt ein Fluss

Unser Brunnen steht versunken am Grunde des Flusses
Wir schöpfen erst, wenn der Fluss davongeströmt ist



*

Am Rande des Strömens
habe ich ein Nest gefunden

Jemand hat es gebaut für ein Wesen wie mich,
Freundin des Kirschbaums nebenan, Verwandte
des hohen Grases, Wanderin von den Bergen kommend
mit einem Vogellied und Sehnsucht im Herzen

Ein blauer Vorhang weht am offenen Fenster
und bringt mir das warme Winden an mein Bett

*

Der Himmel öffnet und schließt sich
Das Wasser wölbt sich weit

Wolken im Kirchturm gefangen
Gedanken ertappt,
barfuß im hohen Gras

Licht hinter den Bergen,
einzelne Bäume kommen auf mich zu

Alle wiegen sich in Langeweile

Das Gartengemüse schläft in Reih und Glied

Ich beziehe eine Dachwohnung in der
Schiffsbauergasse, mit Rosen auf dem Giebel
und Johannisbeeren unterm meinem Kissen

Mit Bullaugen schaue ich durch das grüne Wasser
im Schlaf

Dort drüben ist die andere Seite



Die Texte und Zeichnungen entstanden bei einem Aufenthalt an der Donau, Abtei Niederaltaich, im Juni 2017.


Dienstag, 23. Mai 2017

Spaziergang in Lissabon

Ein fotografischer Spaziergang im Mai durch Lissabons wenige stille Orte im Januar.

Der Koffer mit Gedicht-Zeilen ist Teil meines Poesie-Film-Projekts, das ich ab Herbst editieren werde. Die filmische Ernte war reich!












 







 Fotos: (c) Eva Wal


Mittwoch, 5. April 2017

Schneelichter am Himmel







23 neue Gedichte und vier Grafiken in der 51. Quartalsedition -

siehe auch: edition und grafik auf diesem Blog.
Leseproben siehe lyrik