Sonntag, 17. Dezember 2017

Alice und der Gärtner VII

Alice
7 Episoden

7. Episode
Früher Nachmittag im späten Frühjahr

Alice und der Gärtner



Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben 
und illustriert von der Autorin im August 2017


 
“Alice!”, es tönt und schallt aus dem Herrenhaus, das groß und einsam auf seinem Hügel in der klaren Frühlingsluft liegt.

Alice hat den Gärtner beklaut. Die Sorge um Löwenmäulchen und Tomaten, das Wissen um den Schnitt von Bäumen, Sträuchern und Beeren, die Pflege von Blumenrabatten, Gemüsebeeten, Kieswegen und Rasen - das alles gehört nun ihr.
Alice hat den Gärtner belauscht, alles aus ihm herausgezogen und     
-gesogen. Nun ist er nur noch eine leere Hülle. Ein Phantom, weiß Alice.
Und Doktor Grau ist wieder außen vor. Er ruft, weil er ahnt, weil er weiß, dass er nichts weiß: “A-lice!”
Das Glas vibriert in den Fensterrahmen des Herrenhauses, der Kater huscht schreckhaft davon und bleibt verschwunden.

Wenn jemand stirbt, dann legt man ihm einen Samen unter die Zunge. Das hat Alice irgendwo, irgendwann gehört, und sie trägt dieses Bild nun als Wissen in sich.
Sie sieht die Portraits der Ahnengalerie in den Fluren des Herrenhauses vor sich. Hohe Herren und ihre Frauen: Morsche Bäume wachsen unter ihren Zungen hervor und heraus aus den gold gerahmten Ölbildern, an den mit dunklem Holz vertäfelten Wänden im Haus des Doktor Grau entlang. Zottelige Wurzeln quellen aus den Rändern der Bilderrahmen und krallen sich an den Holztäfelungen fest.
Was ist mit dem Gärtner?
Ein Phantom ist kein Toter…
Doch Alice sieht das Gesicht des Gärtners dicht vor sich, bleich und hinübergegangen schwebt er seiner Ahnengalerie entgegen. Seine Augen sind geöffnet, der wasserblaue Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet. Welchen Samen soll sie ihm unter die Zunge legen?
Laubbaum oder Nadelbaum? Tanne, Linde oder Kernobst? Apfel, Birne, Quitte?

All die Ausdrücke, die Namen und Wörter, die Alice dem Gärtner abgelauscht hat, nutzt sie nun, um ihre Gedanken in einem großen Garten mit Wegen aus Begriffen und Wort-Anlagen spazieren zu führen. Gedankenbotanik.

Sie denkt an Palmen. An ferne Länder. An das Meer, das sie nur von Bildern kennt. Dort, im unheimlichen Herrenhaus hängt eines über dem Kaminsims. Aus dem finsteren, bleigrau-grünen, sich aufbäumenden Meer mit schäumenden Wellen ragen sinkende Schiffe und Ungeheuer hervor. Alice spürt das Bleigrau und das Salz des Wassers aus diesem Bild gelöst in sich selbst.

Händeschütteln. Da steht Doktor Grau und schüttelt dem Gärtner die Hand. Merkt nicht, dass der nur eine Hülle ist! Er hängt an Doktor Graus Hand wie ein leerer Handschuh.

Alices Augen sind benetzt mit dem Wasser ihres Brunnens. Ein Wind hat ihr gerade einen Sprühregen des Wassers aus ihrem Brunnen dort vor der Auffahrt herübergeweht. Die Tropfen leuchten hellblau auf ihrer Haut und in ihren Augen.
Sie sieht nicht nur den Gärtner als Hüllenwesen und Phantom, sie sieht nun auch noch Doktor Graus Skelett aus seinem Körper heraus leuchten.
Unter seiner Zunge liegt schon ein Samen.
Der Samen eines knorrigen Baumes aus einer Gruselgeschichte liegt unter der sich wie Wurzelwerk wölbenden Zunge, die sich nun ächzend bewegt und verschiebt, um ein Wort zu formen und durch die Kehle wie aus der Unterwelt heraus zu rufen: “Alice!”.

Der Gärtner hat wohl etwas über sie gesagt, und nun soll sie kommen.  Sie folgt, gehorcht, geht zu den beiden. Tanzt, im Rausch des magischen Wassers, das sie benetzt und kühlt an diesem schon heißen Tag im späten Frühjahr.
Das Gärtnerphantom schwankt hin und her, Doktor Graus Knochen klappern hart aneinander.
Sie beide beschuldigen Alice. Sie behaupten, Alice habe alle Narzissen in der Rabatte direkt vor der Terrasse, dem Eingang zum Herrenhaus, geköpft.

Alice formt ihren Mund zu einem: “o”. Sie schnalzt mit der Zunge: “ge - köpft?”
Narzissenköpfe, schwebende, gelborangene Lichter… sie weiß nicht wohin damit - - - könnte eine Weide zum Gärtner passen?

Der Baumsamen einer Weide und Narzissenköpfe liegen weit auseinander. Das heißt nicht, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Weiden und Narzissen könnten sich verstehen.
Narzissenzungen trällern hübsche Liedchen, sie haben ein Vibrato, ein Tremolo, einen Sporan; die Weiden aber summen, klagend und tief; sie bilden weiche, schwere Klangteppiche, die sich auf dem Wasser niederlassen und davonschwimmen wie zarte Flügel. Orpheus und Ophelia.

Das alles aber, und das weiß Alice, ist absolut keine Erklärung für ihr Vergehen. Sie kann dazu nichts sagen. Geköpft?
Sie tänzelt auf der Stelle, sie erstarrt. Da liegen die Narzissenköpfe auf dem herrschaftlich gepflasterten Terrassenplatz und verdrehen die Augen.

Doktor Grau schaut kalt und böse auf das Kind. “Schon wieder!”, hört sie ihn mit klirrender Stimme sagen, und: “nicht noch einmal!” Dass es nun endgültig reiche, sagt Doktor Grau.
Von einer Strafe ist dann die Rede, von der erzieherischen Notwendigkeit einer dieses Mal harten Strafe.

Alices Gesicht verfinstert sich.
“Zu Hilfe!”, ruft sie den Geköpften zu, und die leeren Stängel vorm Herrenhaus wiegen sich wie ein Chor grüner Schlangenleiber im Mezzosopran.
“Einsperren!”, hört Alice, “dunkel”.
“Stockdunkel”.
“Zu Hilfe!”, ruft sie nun plötzlich in großer Not.
Stockdunkel, das bedeutet große Not!
Seenot.
Ungeheuer steigen aus der Tiefe auf, Masten eines Herrenhausschiffes bersten auf hoher See.

“Zu Hilfe!”

Blitzschnell lösen sich nun die Schlangenleiber von ihrer Rabatte und stürzen auf Doktor Grau zu. Sie winden sich um seine Gelenke und fesseln ihn. Gleichzeitig rollen die Narzissenköpfe heran; wie Kanonenkugeln auf Schiffsplanken donnern und grollen sie, springen auf einmal in die Höhe und treffen mit voller Wucht Doktor Graus Schädel, so dass es kracht und splittert. Im selben Moment, noch bevor man Blut sehen kann, stülpt sich die Hülle des Gärtners als Sack über Doktor Graus gefesseltes Skelett und schleppt sich mit seiner Beute zu einer Öffnung am Herrenhaus, ganz an der hintersten Ecke der Terrasse. Dort ist ein Fensterloch, das in den tiefen, dunklen Keller führt. Das Gärtnerphantom mit dem nun unsichtbaren Doktor verschwindet im Stockdunkel unter dem Herrenhaus, die Flotte der exekutierten Narzissenköpfe rollt hinterher wie eine Schar Lemminge.
“Halleluja”, singen sie im Chor. Man hört ihr Echo im Unterleib des Herrenhauses widerhallen, bis es sich dort verloren hat.

Alice legt einen Baumsamen in die Erde. An einer schattigen Stelle in der Nähe ihres Brunnens soll eine Weide wachsen.

Doktor Grau öffnet die Flügeltür des Herrenhauses und tritt auf die Terrasse. Er sieht das Mädchen Alice im Garten spielen. Dort am Brunnen hält sie sich am liebsten auf, besonders, wenn es so warm ist.
Es ist ein herrlicher Frühlingstag. 



Eva Wal

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Sonntag, 10. Dezember 2017

Alice: Labyrinth oder Schnee im Dorf VI

Alice
7 Episoden

6. Episode
  Mittag im Winter

Labyrinth oder Schnee im Dorf



Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben 
und illustriert von der Autorin im August 2017



“Jeder Gedanke ist multidimensional”, haucht Alice in die Luft, die vor ihrem Mund steht wie eine weiße Wand. Gefroren die Luft, der Himmel, die Welt. Weiß das Gras. Knisternd, brechend, wenn Alice darüber geht, läuft, rennt, barfuß.
Sie hört das Gras krachen.

Mit Mütze und Schal steht Alice inmitten ihres gerade erst Gedachten.

Die Schuhe hat sie vergessen oder verloren.

Es wird schneien.

Schnee kommt vom Himmel herab, Durcheinanderflocken.

Das Haus, in dem sie eben noch stand, ist zu einem wahren Labyrinth geworden. In einem Moment nur sind die Flure zusammengewachsen, ist der Grundriss explodiert, haben sich die Räume aufgefächert, die Zimmer aufgespalten - wie auch immer das passiert ist.

Alices Gedanken haben sich festgeheddert, wie Strickmaschen verfangen, sind durcheinander geraten, eins rechts, zwei links, zwei rechts, eins links… links, rechts, rechts, links herum und plumps… Wie schade!
Alices Gedankenkäfige, ihre Vogelbauer, sind Durcheinandergezwitscher und -gezwatscher, einfach un-er-träg-lich!
Niemand weiß von ihrer Existenz.
Niemand von ihrer Gegenwart, ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft.

Sie        ist        das        Mädchen        Alice.

Reibt sich die Hände aneinander. Die Hände stecken in roten Handschuhen. Es schneit.

Alice hat Doktor Grau umgelegt. Ein rauchender Colt liegt im Schnee.
Ein Röcheln dringt aus dem gefrorenen Weiß.

Wer war er, dieser Doktor Grau?
Ein Mensch? Ein Untier? Ein Wolf?

Alice hat sich im Spiegel angeschaut, gerade eben noch, als sie in diesem Haus war, das jetzt plötzlich zu einem Labyrinth geworden ist. Es gibt keinen Beweis für ihr Zusammenleben mit Doktor Grau in einem Haus.

“Lange genug”, zischt Alice und bringt sich selbst auf. Sie schreit, dann brüllt sie diese zwei Worte, harmlose Aneinanderreihungen unschuldiger Worte, in den harten Frost: “Lange genug!”

Glas bricht, springt, Labyrinthsplitter überall; blindes, weißes Schneeglas.

Blendend helle Gedanken und gleißende Bilder verlassen Alice.
In einem leeren Dorf stehen sie mit ihr zusammen herum wie Silhouetten. Gärtner, Kutscher, eine alte Bäuerin, Kinder passieren die Dorfstraße an ihr vorbei, dann verschwinden sie in Alices Pupillen. Werden verschluckt vom Augendunkel. Alices Pupillen sind große Tore, die das Dunkel hüten.
Bedeutungslose Bilder, denkt Alice, Hüllen, Unterhaltung.
Es fällt ihr nichts besseres ein.

“Mord!” Das Wort stolpert aus Alices Mund wie ein Gefangener, der den Häschern entkommen will.
Wieder hinein in den Kerker! Rumms, das Kerkergitter fällt herab. Alice beißt die Zähne aufeinander. Nun geschieht das Ungeheure: der Gefangene entkommt! Der Kerker öffnet sich. Eine Welle schäumt. Auf ihrer Zunge fährt er wie auf einem Boot aus ihrer Mundhöhle hinaus.

“Lauf!”, ruft Alice zum Mörder, zum Dieb, der mit Doktor Graus Leben wie mit einem Bündel unterm Arm davonrennt so schnell er kann.
“Lauf!”, ruft Alice abermals hinter ihm her. Behände und flink springen die Worte über Stock und Stein: “Lauf, lauf, Dieb, lauf, lauf, lauf!”

“Sehnsucht und Wahrheit”, seufzt Alice. Manche Worte sind Tänzer. Solche lässt sie auf ihren Handtellern tanzen. Alice streut die schönsten Worte und Gedanken - Sehnsucht - und - Wahrheit - wie Vogelfutter auf die unberührte Schneedecke. Mögen Vögel kommen! Rotkehlchen, Meise, Rabe, Fink, Amsel, Specht, Adler, Kormoran, Geier, Phönix.
Wieder ein Durcheinander, wieder zurück: Solche Worte, die schöne, kostbare Gedanken zeigen wie klares Glas, glitzerndes Kristall, in dem sich Kerzenlicht spiegelt und bricht, nimmt Alice in ihre zarten Hände und betrachtet sie bewundernd. Andere schöne Worte, von warmen, liebevollen Gedanken geboren, hebt sie aus ihrem Schoß wie Keimlinge, die sie einpflanzen mag in den unberührten Schnee.

Doch der Schnee ist kalt.

Eine Silhouette nähert sich, kommt auf der Dorfstraße heran; ein scharfer, schwarzer Schatten im Mittagslicht. Der Kater?

Auf den Vorgärten, den Gärten hinter den Häusern und auf den Dächern liegt eine dicke Schneedecke. Die Häuserwände stehen unverschneit aus den Gärten hervor. Dorfzähne. Zu beiden Seiten der Dorfstraße sind dreckige Schneewälle aufgetürmt.

Schreiben findet Alice mühsam. Sie schreibt niemals etwas auf. Ihre Hände stecken in bleiernen Handschuhen. Denken ist schon eine Anstrengung, die ihr alles abverlangt. Mag es an den Gedanken liegen. Brennende Achillesverse.
Wider die Erschöpfung!, Alice jagt die Gedanken fort.
Doch ein unscheinbares Wort schält sich aus allen Gedanken, bleibt. Das Mädchen Alice sagt zum Dieb:
“L A U F”.

Etwas ist durcheinander gekommen mit den Bildern. Das Labyrinth und das Dorf passen nicht zusammen, sie sind zu unterschiedlich. Sie sind auch keine Gegensätze, die sich anziehen könnten. Dennoch sind sie hier zusammengeraten. Der Gärtner, der Kutscher, die Bäuerin; sie haben sich hineingestreut wie Salz und Pfeffer. Der Dieb, ein Lebkuchenmann.
Die Figuren bilden eine Gemeinschaft mit unbestimmter Bedeutung für Alice. Sie haben eine unbekannte Aufgabe.

Alice zieht den Handschuh von ihrer rechten Hand. Sie bückt sich und hebt den Revolver auf. Sie richtet ihn auf den Dieb, der noch immer davonrennt und Spuren hinterlässt im Schnee.
“Lauf“, sagt sie ruhig.
Ihre Füße sind kalt.



Eva Wal

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Sonntag, 3. Dezember 2017

Alice: Wunderworte V

Alice
7 Episoden

5. Episode

Wunderworte 

Bedrohung, Auslöschung, Geheimnis 



Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben 
und illustriert von der Autorin im August 2017


 
Verweben: das Geschehene, das Seltene, das Geräuschhafte, die Stille, ist Aufgabe von Alices Silberzunge.

Doktor Grau hat ihr gedroht. Nichts hat er gesagt, aber Alice hat es ihm angemerkt. Seine Augen wurden kalt und kälter; gebirgiger, steinerner und immer zerklüfteter sein Blick, während Alice farbige Sachen dachte.
Sie kann sich nicht mehr erinnern.
Doktor Graus Drohung erreichte sie in diesem Augenblick, als sie Bedeutendes, Entscheidendes verwob in ihrem Geist, in ihrem Sinn – so war es ausgelöscht.
Die Tür war zugefallen, diese schwere, alte Holztür, und Alice war plötzlich der Weg versperrt zu ihrem Brunnen.
Sie fand keine List, keine rettende Idee, keine Inspiration. Armes Mädchen!
Wie konnte sie auch nur ausgerechnet dieses kostbare, grüne Glas fallen lassen, aus dem Doktor Grau immer trank!
Deshalb hatte er sie so bedrohlich angesehen und den kostbarsten Denkmoment in ihrem Kopf zunichte gemacht, ohne es freilich zu wissen.
Er hatte sich selbst bedroht gefühlt. Was fiel ihr ein? Was hatte dieses dumme Ding schon wieder ausgeheckt?

Es blieb ein Geheimnis für sie beide.




Eva Wal

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Dienstag, 21. November 2017

Alice: A-na-kon-da IV

Alice
7 Episoden

4. Episode

Morgen im Spätherbst

A-na-kon-da



       Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
       und illustriert von der Autorin im August 2017
 

Alice tritt vor die Tür und lauscht. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief; ein Katzenfell, flauschig, aber kühl.
Der schwarze Kater ist schon seit einiger Zeit verschwunden. Wochen? Tage? Stunden?
Alice ist die Zeit wieder einmal entglitten. Sie hat sich aufgerippelt und um sie geschlungen wie der lange Faden eines Jäckchens, das nur aus einem einzigen Faden gehäkelt wurde.
Alice ist es, als habe sie lange Herbststunden in Doktor Graus Haus gesessen und gehäkelt, während sich draußen das Laub verfärbte, die Kastanien rund und braun wurden und mit lautem Klacken von ihren Bäumen fielen. Sie hat an ihrer Zeitjacke gewerkelt.
Nun tippelt sie im Freien herum; ist aus der Tür getreten nach langer Zeit. Dort, wo die Blätter nicht zu braun-gelb-roten Haufen zusammengerecht wurden, bedecken sie den Boden mit einer glitschignassen Schicht.
Die Luft strömt um Alice in einer festen, klaren Bewegung. Eine Luft mit Muskeln. Eine Schlange. Groß und muskulös legt sie sich um Alices Schultern.
Alice atmet laut. Ein verspäteter Schmetterling wird durch die Luft getragen, schlägt mit rotsilbrigen Flügeln.
Alice schnauft. Die Luft ist kalt.
Doktor Grau ist tot, wünscht sich Alice.
Sie weiß nicht mehr, sie hat vergessen, was sie so gegen ihn aufbringt. In dem Moment, in dem es ihr gelungen ist, die schwere Tür aus massivem Holz mit einer mächtigen Türklinke aus Messing zu öffnen - die Klinke herunterzudrücken, die in sehr ungeeigneter Höhe für Kraftausübung durch eine zarte Mädchenhand angebracht ist, und die Tür mit aller Kraft nach vorne zu dabei wegzudrücken - in diesem Moment hört sie sich mit einem gewaltigen Brausen im Kopf denken: Möge er sterben, jetzt, sofort!
Alice sehnlichster Wunsch schwillt an zu Schlangenstärke.
Inmitten des Wunsches tönt ein Rauschen, ja Musik, wie von tausend Pfeilen. Schlangengift in den Pfeilspitzen. Die Luftschlange aber ist eine Würgeschlange.
Alice bewegt ihre schmalen Schultern. Zarte Knochen, knarzend wie Schiffsplanken. Alice in ihren Gedanken auf hoher, schäumender See.
Auf ihren Schultern hebt und senkt sich die große Schlange Luft.
Alice flüstert: Schschschhhhh...

Ich fühle mich wohl im Haus, und die Katze hat Telleraugen

So etwas dichtete Alice in den frühen Morgenstunden.

Der Schmetterling schlägt mit betäubten Schwindelflügeln, silberrotsilbern im Nebelgrau

Undsoweiter.

Tigerregen,
klangvoller Stillregen

Das Haus Grau ist groß und ungemütlich

Es kann ewig so weitergehen mit ihrer Dichtkunst.

Doktor Grau hat irgendeine fiese, scheußliche Krankheit erwischt. Alice hört ihn husten durch die offen gebliebene Tür, da drinnen im dunklen Haus.

Meine Zähne knirschen, mein Kiefer: Ich bin ein großes Tier

Alices Dichtkunst versus Doktor Graus Existenz. Wie konnte er, der Pillendoktor, nur krank werden - so krank?
Doktor Graus Pillen kaputt.

A-na-kon-da,

stottert Alice, als würde sie diese Lautfolgen das erste Mal sprechen.

Ana- kon- da
An- akond- a


--- egal. Satzzeichen versus Lebenszeichen.
Doktor Grau, stirbt er?

Alice steckt den Zeigefinger ihrer linken Hand in Doktor Graus Bauch. Er sinkt ein wie in Torf. Ekel steigt darauf in Alice hoch, der Torf Grau stinkt faulig.

Alice lacht über ihre Phantasien.

Aaaa – na -kooon – da,


keucht sie in die Luft.

Durch die offene Tür wälzt sich nun die Würgeschlange hinein ins Haus. Sie schiebt sich in die Türöffnung und drückt die schwere Tür weit auf mit ihrer Masse, ihrem gewaltigen Gewicht nur aus Luft.
Gefahr! Gefahr für Doktor Grau, der ohnehin schon krank danieder liegt und sich nicht rühren kann.

Doktor Grau liegt auf dem roten Ledersofa seines Wohnzimmers in der luxuriösen Jugendstilvilla. Er hat Schaum vorm Mund.
Alice hebt an zu einem lyrischen Vogelgesang. Ihre Vogelstimme schwillt an und steigt auf. Perlmuttfarbene Wölkchen schweben über ihr. Alices Gesang ist eindringlich, doch ihre Worte bleiben unverständlich, verschluckt vom Kehlklang.
Alles ist... doktorgrau.

Der Kater ist immer noch abwesend.

Doktor Grau röchelt auf seinem roten Ledersofa. Alices Hirn spuckt blutige Bilder. Rauchende, fauchende Visionen nehmen Besitz von ihrem Geist. Ein seltsames Kauderwelsch entgleitet ihr, fällt aus ihrem Mund, während die Schlange sich über das schwarzweiße Schachbrettmuster des Marmorbodens vorarbeitet zu Doktor Graus Sofa. Der erschöpfte Doktor ist nicht mehr bei Sinnen; er ist ohnmächtig geworden. Ein Diener, ein Helfer, ein Arzt wird kommen und auch nicht wissen, was zu tun ist.
Doktoooor,
erklingt es aus einer Kehle mit Hall, und es kann ja nur Alice sein.
Das Mädchen ballt nun die Fäuste, drückt und presst sie gegeneinander. Ihre Haut scheint hell zu strahlen, titanweiß.
Sie wünscht den Tod herbei, den grausamen Tod für den Tyrannen, der sie gefangen hält!
Fast, fast hat sie es geschafft!
Doktor Grau bäumt sich auf, Schaum quillt aus seinen Mundwinkeln, kleckert auf das rote Leder. Kotze pladdert auf den kostbaren, persischen Teppich unter dem teuren Sofa. Alice hört angespannt zu.
Nein! All das Gift raus! Nein!, empört, ja entsetzt sich Alice, und der Diener, der plötzlich da ist und Silberkelche aufstellt für Doktor Graus schaumiges Erbrochenes, meint, das zarte Mädchen, zu Doktor Grau gehörig, drücke seine Sorge und Verzweiflung aus und vergehe vor Angst um ihn, ihren Herren!

A – N-A-- K o...

fleht Alice die Schlange an. Doch ist sie nur eine Luftschlange. Und nun löst sie sich in Schwaden auf.
Der Diener hat die Tür geschlossen.
Nebel draußen vorm Fenster, aufsteigend aus den dunklen Wiesen vor Doktor Graus Haus.


Eva Wal

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Samstag, 11. November 2017

Alice, Gärtnerin III

Alice
7 Episoden

3. Episode

Vormittag im Spätsommer

Alice, Gärtnerin


 Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017


Flach liegt Alice auf dem Rücken. Der Mond ist ein milchig zartes Gewebe am hellblauen Morgenhimmel hoch über ihr. Zwischen Himmel und Erde liegt sie, nah an der Erde, weit vom Himmel entfernt. An den nackten Stellen ihres Körpers, Händen, Armen, Waden, Füßen und durch die Kleidung hindurch spürt sie die Erde, ihre starke Anwesenheit. Der Himmel ist überall; farbige Luft über ihrem Gesicht, an ihrer Haut, doch weit oben wie ein Vogel. Der Himmel besteht aus kleinen Punkten, zieht über sie hinweg, wird höher, noch weiter weg gesogen, er fliegt und flieht. Die Erde pulst und pocht, saugt: tief, tiefer, tief.
Also, was ist jetzt nah und was ist fern?, fragt sich Alice an diesem strahlenden, wolkenlosen Morgen im Spätsommer. Sie streckt sich weiter aus, spannt ihren Rücken über dem kurz gemähten Rasenstück. Ihre Wirbelsäule macht einen Bogen. Sie spürt diesen Bogen, biegt und dehnt ihn weiter in ihrer Vorstellung, folgt ihm an einer unsichtbaren Verlängerung entlang, klettert mit ihm bis zum Horizont. Dort wölbt sich der Himmel, dort wölbt sich auch die Erde; alles wölbt sich um ein Gefäß, eine gläserne Kugel, einen Ball aus Alices sich über alle Grenzen hinaus ausweitendem Garten.
Alice steht auf, bewegt ihre Glieder, streicht sich das helle Kleidchen glatt. Schaut noch einmal in den Himmel, muss jetzt den Kopf dafür in den Nacken fallen lassen, die Locken stürzen von ihrem Scheitel herab. Die Farbe des Himmels hat etwas Fließendes, Durchleuchtetes, etwas Sichtbargemachtes.

Unsichtbar zieht sich eine Mauer um das Grundstück, umschließt es. Doktor Grau hat Alice hierher gebracht, auf dieses Gartengrundstück mit einem alten, hölzernen Ferienhaus.
Doktor Grau war der Meinung, dass sie beide Ferien bräuchten.

Von was denn?, könnte Alice jetzt fragen, doch ihre Gedanken sind beschäftigt.
Weite und Enge, Sichtbarkeit, Unsichtbarkeit, Ferne und Nähe, Höhe und Tiefe - Alice sieht diese Begriffe als plastische Gestalten auf dem Grundstück um sich herum. Sie stehen und liegen wie Steine oder Felsen; Findlinge oder Statuen: Reiter und Ritter mit Pfeil und Bogen, Fische, Nixen, Wesen.
Alice sieht mit geschlossenen Augen, sie visioniert; dabei scheint alle Schwere aus ihrem Körper nach unten zu strömen und sich an die Erde abzugeben. Sie summt vor sich hin und wiegt ihren Körper von einem Bein auf das andere. Hin und her.
Alice öffnet und schließt die Augen. Klipp klapp, sie hört ein Mühlrad Wasser schaufeln, und sie ahnt: dieses Blau dort oben am Himmel ist aus dem Wasser ihres Brunnens gemacht.
Auch wenn Doktor Grau eine Auszeit nehmen will, Ferien machen, egal wo, das magische blaue Wasser aus ihrem Brunnen begleitet Alice wie ein Gefolge.
Doktor Grau aber nimmt seine Mauer überall mit hin. Sie errichtet sich wie von selbst an jedem Ort, an dem er sich mit Alice aufhält.
Seine Mauer: poröses Gestein, unverrückbar, unsichtbar.
Was soll sich Alice um die Mauer scheren. Sie reibt ihre Handflächen aneinander, schüttelt ihre gelbbraunen, luftgefüllten Locken - ein kleiner Wind entsteht; so ist es ihr zumindest.

Doktor Grau ist nicht da, er ist unterwegs. Hat einen so wichtigen Termin, dass er seine Auszeit unterbricht. Alice macht sich an die Arbeit. Sie geht zu dem buschreichen Teil des Grundstücks nahe der Mauer. Dichte Tuja- und Taxushecken, Buchsbaum, Lorbeer und Flieder wachsen hier.
Es riecht stark, verlockend, geheimnisvoll. Alices Augen suchen das Geäst, das durch das Nadel- und Blattwerk zu sehen ist, nach Figuren und Gestalten ab. Vexierbilder, die zu ihren Gedanken passen. Sie bildet Paare und spielt Memory.
Das ist ein Spiel, aber da es mit innerer Spannung, hoher Aufmerksamkeit und Anstrengung verbunden ist, grenzt es an Arbeit. Es ist eine geistige, sinnliche Arbeit, und Alice fühlt, dass sie etwas Existentiellem auf der Spur ist. Dennoch ist ihr Spiel phantastisch und absichtsfrei. Als ob es gefährlich sei, sich den Hecken und Büschen zu nähern, geht Alice leise, fast lautlos.

Abwesende Menschen haben hier die Arbeit gemacht. Das Holzhaus gebaut, den Rasen und die Beete angelegt, Blumen gepflanzt, Büsche und Hecken beschnitten. Die Arbeiter, unbekannte Gärtner, pflegen den Garten und das gesamte Grundstück, sie sorgen dafür, dass Schädlinge verschwinden, dass nicht zuviel und nicht zuwenig wächst. So blüht nun alles nach Plan, sieht schön aus und riecht gut. Rosen, Flieder, Jasmin, Äpfel und Kirschen, alles blüht und reift zu seiner Zeit.
Mit fleißigen Händen beseitigen die Gartenarbeiter auch das ständig nachwachsende Unkraut. Ungewollte Gewächse sind hier nicht zu sehen.

Und dann ist da wieder die Katze, die eigentlich ein Kater ist. „Katze“, findet Alice, ist ein Überbegriff für diese sonderbaren, eigenwilligen Wesen. Zu diesem einen Kater spürt sie ein unsichtbares, aber starkes Band, fast schon wie einen Muskel, der sich zusammenzieht und dehnt.
Der Kater schafft es, irgendwie über die Mauer zu kommen oder auf andere Weise auf Doktor Graus Feriengrundstück zu gelangen. Er geht ein und aus. Schwarz ist er und hat gelbe
Augen, ein Kater wie aus einem Märchenbuch.
Fast unheimlich findet Alice den menschenähnlichen Blick - wie soll sie ihn beschreiben? Er beobachtet sie.
„Katze!“, flüstert Alice zwischen den Hecken hindurch, und das Tier erscheint. Treu, dennoch nur dem eigenen Willen folgend, geht er mit Alice, bis sie vor einer Hecke stehen bleibt. Der Kater lässt sich nieder, lauscht, eine Katzenfigur mit zuckenden Ohren im Spätsommerwind.

Der Mond schaut vom Himmel herab, verblassend, da der Sonnenschein an Strahlung und Intensität zunimmt, und Alice stellt sich vor, dass Doktor Graus Mauer aus dem Gestein des Mondes gemacht ist. Mit Kratern und Pickeln, aber mit einer Art Zärtlichkeit irgendwo da drinnen.
„Wahrhaft und authentisch, fern, doch immer nah“, so philosophiert es in Alices hübschem Mädchenkopf.
Sie sei „verdreht“, sagt Doktor Grau. Er meint, die kleinen Tabletten helfen dagegen.
„Wem oder wofür?“, fragt Alice das Katzentier. Die gelben Augen leuchten aus dichtem, schwarzen Fell hervor.
Die Katze streicht um Alices nackte Beine; sie ist eine Metapher für die viele freie Zeit, die auch Alice im Garten verbringen kann, für Verstand und Unverstand, absichtslosen Zeitvertreib, Betrachtung, puristische Existenz, Einsamkeit… Interesse an Kleinigkeiten und Details, Geräuschen.
Der Kater lässt sich von Alices Kinderhänden streicheln. Was für ein wunderbares Fell!

In den Hecken sucht Alice nach einem Katzenkopf, findet aber einen Henker und einen nackten Tierschädel, etwa den eines Kalbes. Sie findet Gruseliges, nicht so richtig Definierbares. Die Gestalten und Gesichter sind vom Tageslicht durchwirkt, durchdrungen, doch das Licht, befindet Alice, ist nicht in ihnen enthalten. Es scheint durch sie hindurch und hinterlässt keine Spur. Die Gestalten sind dunkel, sie bestehen aus Dunkelheit. Es knackt und kracht. Tiere in der Hecke, im Gebüsch. Zankende Vögel.

Sie hat den Kater schnurren gehört; nun ist er wieder verschwunden.
„Was tun?“, fragt sich Alice. Eine Art Langeweile legt sich um ihre Gedanken, webt sich in ihr Gemüt. „Arbeit!“, denkt sie und tänzelt zwischen den Beeten hindurch auf der Suche nach Unkraut. Doch hier ist alles tipp topp gepflegt. „Vielleicht“, denkt Alice, „kann ich das Unkraut schon in der Erde finden, wenn es also noch unter der Oberfläche ist und nach oben aufbricht. Oder ich warte auf den Herbst, bis die Blätter rot und golden auf den Rasen fallen. Das wäre eigentlich am schönsten.“ Sie hört es schon rauschen und rascheln. Ein Wunder, dass die Gärtner den dunklen Gestalten in den Hecken nicht den Garaus gemacht haben. Das könnte sie doch nun selbst versuchen! Doch weit und breit, wo sie auch nachschaut, gibt es kein Gartengerät. Alles ist weggeschlossen, spätestens seit dem Zwischenfall mit der Sichel. Kein Gärtner, kein Arbeitsgerät.

„So soll es denn regnen!“, wünscht sich Alice, und sie ruft diesen Wunsch in den Himmel hinein, biegt den Kopf wieder nach hinten und legt ihn wie den Teller einer Sonnenblume unter das bemerkenswert klare Blau des Himmels. Als sie einen Tropfen auf ihren Lippen spürt, öffnet sie den Mund.
Wasser, Wasser aus ihrem magischen Brunnen!
Es fallen mehr Tropfen, doch sie fallen nur auf Alice. Keine Wolke ist zu sehen, aber es regnet auf das Mädchen Alice herab.
Während sie das Wasser schon überall spürt auf der Haut und durch ihre Kleidung hindurch, steht die Katze mit trockenem Fell in einigem Abstand von ihr. Sie lässt sich nieder und beobachtet Alices Regen. Auch die Blumen auf den Beeten bekommen nichts ab, keinen einzigen Tropfen. Es ist Alice, als werde sie von den Blumen angeschaut; traurig, durstig, bedürftig. Doch dort, wo ihre Füße den Boden berühren, ist das Gras nass, quitsch quatsch.
„Arbeit!“, ruft Alice aus. Freudig beginnt sie nun durch den Garten zu laufen und allen darin Wasser zu schenken.
Jeden Meter, Zentimeter, Millimeter will sie abschreiten. Blume für Blume, Beet für Beet wird sie mit ihrem Regen beschenken, und in die Hecken und Büsche wird sie hineinkriechen, so dass es knistert, knackst und platscht. So lange, bis der ganze Garten satt und durchtränkt von Wasser ist.

Wenn Doktor Grau nicht etwas sehr Wichtiges zu tun hätte, mitten im Urlaub muss er dringende Verhandlungen mit einem Pharmakonzern führen, wäre er jetzt sofort zur Stelle und würde Alices Kinderquatsch unterbinden.
Doch bis zur dunklen Hecke wird Alice noch kommen vor des Doktors Rückkehr. Bis zu dem Moment, da Doktor Grau wieder plötzlich und unerwartet vor ihr steht, ist der ganze Garten von Duft erfüllt, Regentropfen funkeln und blinken auf den Blättern und Grashalmen und hüpfen in den Blütenkelchen, als wären diese Springbrunnen.

Ein Regen, da kann Alice ja nichts dafür, das weiß auch Doktor Grau, da kann er ihr keinen Vorwurf machen. Nur - warum ist sie nicht ins Haus gegangen?
Und Alice sagt, es sei so dunkel im Haus, und die Tabletten machten sie so empfänglich für diese Dunkelheit; sie habe Angst vor den Gestalten, die aus ihr hervorkämen in ihrer kindlichen Phantasie - das ganze Haus sei voll davon, vor allem, wenn sie, Alice, alleine hier sei… schließlich ist sie doch ein Kind und ein Mädchen dazu.
Und wie sie durchnässt und bleich wie Mondgestein vor Doktor Grau steht, das Haar fällt in dunklen Strähnen auf ihre Schultern herab, das Kleid ist in Falten um ihren Kinderkörper gewickelt - zittert sie etwa? -, da sieht sie vor ihren geweiteten Himmelsaugen die Vexierbilder aus den Hecken aus dem Haus herauskommen und in den Garten treten. Und dieser eine Schädel, der furchtbare mit einer Narbe wie ein Schmiss, gleicht er nicht den fahlen Gesichtszügen des Doktor Grau ganz genau, als sei er von ruppigen Gärtnerhänden und Heckenscheren aus dem düsteren Geäst geschnitten worden?
„Wer weiß“, hört Alice ein Zischen hinter der dichten Taxushecke, dort, wo die Mauer sein muss. Und sie meint, die Gedanken des Katers zu hören, der mit trockenen Tatzen dort hinten herumschleicht. Hell und heller schimmert ihr nasses Gesicht, strahlt ihre Haut, leuchten ihre Hände, ihr Leib, ihre ganze Regengestalt, als sie die Stimme des Katzentieres ganz deutlich vernimmt, klar wie die hellblaue Luft. Warm und dunkel und schön wie die Erde tönt sie: „Psst, Alice, Gärtnerin!“
Und während Alice mit Doktor Grau ins Haus geht, lächelt sie, die Gärtnerin, und meint, der ganze Garten lächele mit. 


 Eva Wal

1. Episode auf diesem Blog im Post September 2017 
2. Episode auf diesem Blog im Post Oktober 2017

Freitag, 27. Oktober 2017

Reisetag mit Dionysos

Schreibtag im Arp Museum 

Dieses Mal begaben wir uns auf eine besondere Reise, angeregt von den drei Exponaten der Ausstellung von Werner Klotz im Künstlerbahnhof, die den griechischen Gott Dionysos im Titel tragen. Wer kennt nach dem bekannten Gott des Weines den Mysteriengott Dionysos, über den Nietzsche schreibt, dass die griechische Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysos zum Gegenstand hatte?

Wir betrachten die Reisebar des Dionysos im Café und Festsaal des Bahnhofs und zwei Vitrinen mit Gläsern, Flaschen und Scherben an den Wänden des Aufgangs zum Café. Orakel wurden aus Glasscherben gelesen, steht im Ausstellungsbegleiter; doch seit wann gibt es Glas? Seit über dreitausend Jahren kannten es die Ägypter; das älteste bekannte Glasrezept in Keilschrift stammt von einem assyrischen König um 650 v. Chr. und lautet: Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide - und Du erhältst Glas. Ergänzen ließe sich noch, dass wir zum Glas schmelzen einen Ofen benötigen, der auf mindestens 1.400 Grad erhitzt werden kann.




Fotos von Brigitte Dietrich

In der Museumsbibliothek erhält jede/r Teilnehmer/in weitere Reiseanregungen durch eine assoziative Sammlung von Dingen aus meinem Fundus und Reisebegleiter  wie zum Beispeil eine Muse und zwei verschlossene Umschläge mit Postkarten und der Aufschrift: Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist, einem Zitat von Jean-Paul.



In einer vollen Stunde Schreibzeit entstehen dieses Mal ganze Märchen, Kurzgeschichten, aber auch Gedichte, kurz oder lang. Witziges, Tragisch-Schauriges oder Nachdenkliches. Der Vortrag der frisch geschriebenen Texte ist jedes Mal ein erstaunliches, berührendes Erlebnis.





Fotos: Eva Wal

Die Schreibtage am Arp Museum finden drei Mal im Halbjahr statt und sind offen für alle, die gerne schreiben, ob mit oder ohne Erfahrung. Informationen und Termine hier auf diesem Blog unter projekte/ künstlerworkshops und auf:  www.arpmuseum.org

 Post zum vergangenen Schreibtag: Alles fließt, 3. Oktober 2017
 

Dienstag, 24. Oktober 2017

Alices Sommer II

Alice
7 Episoden

2. Episode

Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017


Nachmittag im Hochsommer

Alices Sommer

Als Alice sich in den Finger schnitt, war es reine Absicht.
So glücklich ist sie nun, dort oben zu stehen, auf dem steinernen Vorgartenplatz, und den Weg vom Haus hinunter zu schauen. Hier oben steht der Brunnen mit dem blauen Wasser, und Alice blutet heftig aus dem kleinen Finger.
Über die Auffahrt fahren Pferdekutschen, Eselskarren und Autos der Marken BMW, Rolls Royce, Jaguar oder Mercedes entlang; niemals aber Fahrräder. Es ist ein reines Vergnügen für Alices Vorstellungskraft: ein Fahrrad!
Doktor Grau ist dagegen, dass Alice Fahrrad fährt oder reitet. Aber Alice tut es hemmungslos in ihrer Fantasie, und es fühlt sich so stark an wie ein Fahrradsattel oder ein Eselsrücken sich niemals anfühlen kann.

Das Blut tropft in schnellem Rhythmus, der Finger pocht wie der Atem eines aufgeregten, in Gefangenschaft geratenen Tieres. Alice bewegt die Hand mit dem Blut wie im Tanz; die roten Tropfen spritzen auf ihr schönes, helles Kleid. Sie dreht sich und dreht sich noch einmal - und steht vor Doktor Grau. Sie sieht an ihm hinauf und trifft seine Augen. Streng, grausam, hilflos blickt der Doktor zum Kind Alice herab. Ein heller Kreis um die Pupillen herum. Helligkeit ohne irgendein Leuchten.
Hell, hell ist Alices rot bespritztes Kleid und auch ihr Lachen. Doch was zu weit geht, geht zu weit.

Brav bricht Alice nun in Tränen aus, anstatt zu lachen. Doch innerlich tönt und dröhnt ein Glockengesang in ihrem Körper, dort in der Kathedrale hinter ihrer Brust, während sie Doktor Grau mädchenhafte Hilflosigkeit und törichtes Verzagen vorspielt, Versagen und Dummheit dazu; eine Melange jedenfalls, die sie intuitiv genau auf Doktor Graus Charakter und Psyche abstimmt, oder ihrer Einschätzung davon, so wie Doktor Grau es andersherum mit den Tabletten tut, die er Alice regelmäßig verabreicht.

Die Sichel, mit der sich Alice in den Finger schnitt, liegt im Gras. Grau und unscheinbar der Stahl. Ein Halbmond. Eine Form, die Alices Mädchengeschmack trifft. Wie ist die Sichel in ihre Hände gekommen? Das will Doktor Grau nun wissen.
„Alice?!“
Alices Tränen, die aus ihren geweiteten Augen strömen, erzählen von Unwissenheit und Reue. Ohne den Kopf zu bewegen, nur die Augen in die Winkel verdreht, sieht sie durch ihre Locken in Richtung Auffahrt. Es ist ihr, als höre sie Hufe auf die runden Steine treten. Kaltblüter. Langsame, schwere Riesentiere mit schnaubenden Nüstern und sehr langen Mähnen.
Ein Schluchzen stürzt ihre Kehle hinauf. Sie ist ein Vogel in Doktor Graus Faust.
Doktor Graus Schmiss zuckt. „Nun gut“.
Auch er sieht jetzt aus unbekanntem Grund in Richtung Auffahrt, als erwarte er jemanden, habe einen angekündigten Besuch fast vergessen oder befürchtet, dass ihm etwas zu entgehen droht.
Ein Blumenmädchen, ein Rolls Royce. Das Blumenmädchen gestürzt. Zermatschte Blumen über die Auffahrt verteilt.

Alices schönes Kleid ist versaut. Mit den Tränen tropft das Blut. Tripp, tropp. Dummes Mädchen!
Alice lässt das Kaltblut durch ihre Adern galoppieren. Da ist was los, wenn ein Kaltblut galoppiert! Das Blut quillt, schießt, sprudelt, und wenn es eine Öffnung, eine Wunde gibt, aus der es austreten kann, ist jedes Kleid futsch.
Glockenschlag und Lachen, Musik.
Dagegen Doktor Graus eisiges, aber kontrolliertes Verhalten. Eine Entscheidung:
„Alice!“
Straffreiheit für das Kind. Begnadigung im Sinne seines Plans.

Mit gesenktem Lockenkopf geht Alice vor Doktor Grau her. Schallend lachen die Gedanken, freudig zankende Wesen. Alice ist eine Hülle mit gesichelter Wunde bis knapp über dem Gelenk des kleinen Fingers an ihrer zarten, linken Hand. Schauspielerin, Alice, das kleine Biest: Chapeau!

Wäre sie eine Katze, würde sie nun Doktor Graus Hand lecken, wie er ihr die Wunde verbindet. Wie konnte der Gärtner nur die Sichel im Garten liegen lassen, und wie konnte das Kind so dämlich sein, sie zu nehmen!
Alice schaut so dumm drein, dass Doktor Grau nicht mehr darüber nachdenkt, was Alices Absicht gewesen sein könnte, und was sie noch alles hätte anstellen können.
Hohe Schule des dümmlichen Mädchenblicks.
Doktor Grau:
„Alice?!“

Mit gesenktem Kopf auf das Kleid blickend, muss nun Zauberlist angewendet werden.
Das blaue Wasser im Brunnen auf dem steinernen Vorgartenplatz darf Alice jetzt benutzen, um das Kleid zu reinigen.
Tonloses Jauchzen in ihrer Kathedrale. Über die Auffahrt tanzt ein Heer barfüßiger Blumenmädchen. Doktor Grau steht unbeweglich oben vorm Haus. Sein schütteres Haar weht im Wind. „Hässlich, hässlich!“, lachen und spotten die Blumenmädchen. Sie schütten sich aus vor Lachen. Blumen fliegen, taumelnd wie Mückenschwärme, die Auffahrt hinauf.
Doktor Grau hat die Sichel in sichere Verwahrung gebracht.
So geht es nicht, nicht noch einmal.
Alice!



 Eva Wal

1. Episode auf diesem Blog im Post September 2017