Freitag, 12. April 2019

Bonn-Oxford poetry

Unsere Lesung zur Oxfordwoche in Bonn war ein schöner Erfolg.

Wir haben uns über ein aufmerksames Publikum und einen voll besetzten Saal in den wunderbaren Räumen des Bonn-Oxford Club gefreut.

Wir feiern poetry & friendship.



 Deutsch-englische Dichtergruppe Oxford Stanza 2 & Dada war alles gut und Musiker
mit Lord Mayor Colin Cook und Bezirksbürgermeisterin Brigitta Poppe-Reiners





 Lesung/ reading Donnerstag, 11. April, 19:30 h, Oxford-Club Bonn

Oxford Stanza 2 & Dada war alles gut

Deutsch-englische Dichterlesung
der befreundeten Gruppen

English-German poetry reading
of the two befriended groups


Dorothy Mc Carthy/ Sharon D. Cohagan/ Louise Larchbourne/
Maria Müller/ Elisabeth Sofia Schlief/ Eva Wal

Music by Arne Richards, harpsichord & accordion  & Isabel Knowland, violin


Moderation: Eva Wal

Der Austausch der beiden Gruppen besteht seit 2017,
anläßlich einer Begegnung zur 70 jährigen Städtepartnerschaft zwischen Bonn und Oxford.

 The exchange of the two groups exists since 2017,
they met on occasion of the 70th year of the twinning between Bonn and Oxford.




Empfang im Bonn-Oxford Club am10. April:
Louise Larchbourne und Dorothy Mc Carthy,
Oxford poets, mit Lord Mayor Colin Cook und Eva Wal

Mittwoch, 3. April 2019

Vincent van Gogh schreibt einen Brief an Arno Stern


Lieber Herr Stern,

auch hier im Jenseits spricht man von Ihnen, Sie haben es zu einiger Berühmtheit gebracht. Das mag nicht verwundern, weile ich doch hier bei den Gestirnen und Sternen, zu denen Sie offensichtlich nicht nur dem Namen nach gehören.
Sie leuchten in fast absolutistischem Glanz, Herrscher und Verwalter der Formulation, deren Zeuge sie wurden. Ihr Auftrag ist groß; von hier aus dem Jenseits sehe ich die Dimension, welche zu sehen den noch nicht Jenseitigen verwehrt ist.
Meine Sterne drehen und vibrieren noch immer. Ihnen natürlich ist klar, dass das ihre Aufgabe ist und in keiner Abhängigkeit oder Begrenzung steht zu einem Einzelnen wie mir, der dies zu zeigen vermochte, bannen konnte mit Ölfarbe auf den profanen Grund einer Leinwand im hölzernen Rahmen.
Wir drehen uns, wir, die Erddiamanten und Kartoffelesser. Die Strahlenden, die Dunklen, von den Fürsten zu den Bauern, den Außenseitern und Verlorenen.
Wir alle tragen dieses Wissen in uns noch als Spur oder Gespür. Bei manchen verursacht es einen regelrechten Schwindel im Leben.
Hier oben aber, das darf ich Ihnen verraten, gibt es keinen Schwindel. Höchstens befällt mich ein Gefühl der Ohnmacht, das dem Schwindel im Suff, im Absinthrausch, gleicht, wenn ich in das mir gewidmete Museum in Amsterdam blicke und mich dort im Shop und von täglich tausenden Selfie-Jägern geschändet sehe. Ich wende mich ab, denn ich weiß, das Drehen und Vibrieren kann zwar verraten werden oder ignoriert, doch es kann niemals verlöschen. Nichts kann dem kosmischen Drängen und Treiben wirklich schaden. Die Menschen, diese Schädlinge, schaden nur sich selbst und, leider, diesem Planeten, der ihnen als Lebensraum geschenkt wurde.
Ach, es ist kalt hier, und ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.
Es gibt einige, mit denen ich gerne spreche. Allermeistens sind es Kinder. Manchmal klettere ich nachts in ein Schlafzimmer und lasse die Sterne an den Wänden des Kinderzimmers kreisen.
Auch bei Ihnen im Malort war ich schon oft, Sie ahnten es. Ich kreise und treibe mit den Kindern und sie mit mir.
Machen Sie sich also keine Sorgen, Herr Stern. Sie meinen, der Malort hätte mich vor dem Selbstmord gerettet und mein Leid verhindert. Mag sein, aber es ist müßig, darüber nachzudenken.
Ihr Malspiel in allen Ehren, ich aber will nicht verzichten auf meinen Perspektivrahmen, das Versinken in Betrachtung japanischer Holzschnitte, das Malen von Angesicht zu Angesicht mit meinen Modellen, ihren Körpern und Gesichtern, und auf das völlige Eintauchen in die Landschaft mit Staffelei, Farbe und Pinsel. Ich möchte das Wetter spüren, Sonne, Wind, Hitze und Kälte, will die Felder riechen, spüren, wie das Schwarz der Zypressen nach mir greift, das Gelb der Weizenfelder sich meiner Seele bemächtigt und das Blau sich ins Unendliche dehnt über mir oder zu meinen Füßen in einem Fluss in die Ferne zieht, verstrudelt mit Grün und Orange. Unmittelbar möchte ich auf die Leinwand werfen, was mich befällt.
Ich habe meine Bilder der Welt zugeeignet, denn das entspringt meinem Wunsch und Bedürfnis, meiner Liebe. Dass die Nichterfüllung dieses Wunsches, dieser Sehnsucht, zu meinen Lebzeiten die Ursache für mein Leiden war, ist Ihnen bekannt.
Manche Menschen glauben, dass ein großer Künstler leiden muss. Mag sein, dass es großen Künstlern nicht vergönnt ist, verstanden zu werden, aber ich bezweifle, dass daraus die Größe und das Schaffen erwächst. Das eigentliche Schaffen kommt nicht aus dem Leid, sondern aus dem lebendigen Kosmos, selbst wenn das Werk eingekleidet ist in Äußerungen des Leidens. Und unverstanden zu sein, ist das Los aller Menschen, egal, als wie bedeutend oder unbedeutend sie gelten. Die Bedeutsamkeit des Leids schreibt man auch nur jenen zu, die vermeintlich etwas daraus erschaffen. Man verehrt es hier, um dort die Masse der Leidenden unbekümmert vergessen zu können. Es ist eine religiöse Erhöhung, die wiederum für die Vergessenen nutzbar gemacht wird als Projektionsraum für ihre Bedürfnisse. Das alles sind Komplexe und Konstrukte, die hier oben keine Rolle spielen. Hier oben, ich sage es laut, gibt es keinen Herrgott und auch keine Heiligen. Es gibt nur das Rauschen, Dröhnen, Vibrieren und Kreisen der kalten Gestirne. Nennen sie es kosmischen Gesang, wenn Sie wollen.
Zurück auf die Erde, zu Ihnen, zum Malort. Für mich wäre er eine Erholung gewesen, eine Enklave zur Regeneration, Trost und Erleichterung. Und es ist möglich, dass ich ganz zur Abstraktion vorgedrungen wäre, den Perspektivrahmen und die Porträts überwunden hätte.
Ich bin froh, dass es nicht so war. Denn mein Werk sollte so geschaffen sein, wie es ist. Dieses und kein anderes war meine Aufgabe im Leben. Mein Werk ist in der Welt und lebendig. Es steht denen zur Verfügung, die sich berühren lassen vom Strudeln der Sterne, da etwas Berührbares in ihnen ist wie ein Kern, der nur einen Tropfen Wasser benötigt, um aufzuspringen, zu keimen und ins Leben zu drängen. Selbst, dass die Farben meiner Bilder nicht mehr so sind wie zu meinen Lebzeiten, tut dieser Sache keinen Abbruch, denn das unauslöschliche Kreisen der Gestirne ist in ihnen enthalten.
Wäre ich in den Malort gekommen zu meiner Zeit, ja, dann hätte ich vielleicht länger und glücklicher gelebt, doch heute, verehrter Herr Stern, wäre ich auch schon lange tot. Und das Leid und alle Eitelkeit, das kann ich Ihnen versichern, sind hier oben vergessen. Die Nacht, das edle Dunkel, befreit uns Gestorbene von allen Widrigkeiten des Erdendaseins. Glauben Sie mir und freuen Sie sich darauf. Wenn Sie ihre Aufgabe erfüllt haben, und sie haben sie bereits fast erfüllt, sehen wir uns hier oben.

Von Stern zu Stern,

                        Ihr Vincent


Im Februar habe ich die zehntägige Intensiv-Ausbildung bei Arno Stern in Paris durchlaufen.
Dieser Text ist eine Hommage an die beiden Protagonisten und eine persönliche Reflexion im Nachgang zu diesen erkenntnisreichen zehn Tagen bei Herrn Stern.
Eva Wal

Paris, Februar 2019


Freitag, 29. März 2019

Fantôme


Fantôme


Astlöcher, fest verschlossen
meine dunklen Augen

Barfuß, pieds nu, stehe ich auf der Wiese
La pelouse säuselt sie, denn sie weiß,
dass ich süße Worte liebe wie
süßen Kuchen.

Auch, wenn pelouse nicht Wiese,
sondern Rasen heißt;
das Licht liegt auf ihrem Rücken und
knipst sich aus.

Pré humide, Feuchtwiese, sagt sie nun,
dreht sich um, neu erwacht, den Leib nach oben
gedreht zum Himmel.

Sie spricht Blumen mir, weiß, rosa, blau
Ein zartes Farbenspiel schwebt über den Spitzen
ihrer Halme, trudelnde Schmetterlinge, leicht
beschwipst vom Frühling.

Aus ihrer Mitte ragt das Nichts auf.

Arbre, ein Baum, hoch und grau,
von seiner Schale steigt heller Nebel
und die Wiese flüstert: la brume.

Aus dem Inneren des Baumes
dringt eine Gestalt hervor,
wächst heran, erscheint, Licht und Schatten
schneiden Konturen aus dem Mark.
Runzeln trägt sie wie Risse in der Haut.

Am ausgestreckten Arm hält sie
ein Feuer vor sich, die Stimme meines fantôme,
die Zunge, la langue, die Sprache, ein Tönen und
Rauschen über der pré humide.

Das Licht erhellt meine Augen,
die nun Wolken sind, nuages, hell und blau
wie eine Vorstellung vom Wind, les yeux bleu-mistral.

Mein fantôme ist ein schöner, schlanker Wolf
Grau mit weißen Haarspitzen und leuchtend
roten Augen.

Im Blumenrauschen auf der feuchten Wiese
vereinigen wir uns
vor dem großen Nichts,
                                    rien.



Donnerstag, 7. März 2019

Le Petit-Déjeuner

Le Petit-Déjeuner


Die Straßen, die zum Eiffelturm führen, sind gerade. Die Platanen, die zu seinen Füßen auf dem Champ du Mars im Spalier stehen, haben quadratisch frisierte Baumkronen. Kästen sind es nun, Kästen mit Ästen, auf gefleckte Baumstämme gesetzt, Affen turnen und schreien darin.
Vögel wandern unermüdlich auf den geraden Straßen und tragen Bettelschalen. Vogelstrauße, Krähen und Amseln. Kleine Sperber hüpfen auf der Mittellinie entlang oder reiten auf den Straußen mit ihren mächtigen Federn. Manche haben orange leuchtende Löwenmähnen, was überhaupt nicht passt.
So wird es dem Eiffelturm schwindlig, wie sie alle auf ihn zu kommen wie Gestöber, und er entsendet Segelboote aus seinem Haupt, das eine Spitze ist. Monsieur Eiffel wohnt dort oben höchstpersönlich. Da er gerade schläft, verpasst er dieses Ereignis. Er schläft heute besonders lange, weil er eine Kommission empfangen will. Dafür will er frisch rasiert und ausgeruht sein.
Ein paar Affen sind zu ihm hochgeklettert und leisten ihm Gesellschaft beim Frühstückstee. Wenn doch nur der Turm nicht so wackeln würde! Der Tee schwappt aus der Tasse und verdirbt Gustave Eiffels Laune - fast. Nur fast zum Glück, denn so schnell läßt sich dieser große Mann nicht die Laune verderben. Seit er den Eiffelturm erdacht hat, ist er, Gustave, drei hundert Meter hoch. Wenn das kein erhebendes Gefühl ist!
Aber das war ja gar nicht der Grund, warum der Eiffelturm entstehen, sich erschaffen musste. Der wahre Grund für Monsieurs Traum, der sich zufälligerweise materialisierte, waren die Odeurs de Paris. Oui, Gustave hatte die Nase voll, im wahrsten Sinne des Wortes. Von diesem Gestank in den Straßen von Paris, dieser so herrlichen, prächtigen, eingebildeten Stadt.
Doch hier oben, das muss man unbedingt bemerken, ist die Luft ganz vortrefflich frisch. Nur, dass der Eiffelturm Höhenangst hat, damit hatte niemand gerechnet. Und wenn es ihm dann so schlecht wird, muss er sich schon einmal übergeben. Nicht schön, nicht so schön für Paris, die Stadt unter ihm, wenn sich der Kotzstrahl des Tour Eiffel über das Häuser- und Straßengewimmel ergießt.  Nur, woraus besteht denn dieser Kotzstrahl? Was isst denn Monsieur Eiffelturm so? Was, zum Beispiel, nimmt er zum Frühstück ein? Vögel! Vögel aus feinster Schokolade, das ist alles, was er zum petit-déjeunieren liebt. Etwas anderes kommt für ihn nicht in Frage. Die Affen bringen ihm immer den feinsten Konfekt und einen Strauß Mimosen, denn das ist der einzige Duft, den Gustave hier oben vermisst. Wenn ihm doch nur nicht so schwindlig wäre.
Der Konfekt kommt aus den kastenförmig geschnittenen Bäumen, Platanen sind es natürlich, und ist so natürlich wie die Bäume. So wie der Perserkönig Xerxes den Schatten der Platane besang, deren Nutzlosigkeit für Luxus stand, so besingt Gustave Eiffel den Konfekt, der ihm, pardon, dem Turm, zum Früchstück gebracht wird mit einem Strauß leuchtend gelber Mimosen aus dem Blumenladen.
Ihr habt bemerkt, die beiden, Gustave und sein Turm sind verschmolzen, und dieser Text ist nicht mehr rein. Nicht das gelegentliche Übergeben des Eiffelturms hat ihn verunreinigt. Nein, König Xerxes, der hier nichts verloren hat mit seiner albernen Arie ombra mai fu.
Gefährlich, gefährlich schwankt nun der Eiffelturm, und wir verabschieden uns mit den wunderbaren Vögeln. Mit Schnee in den Augen und Strahlen in der Kehle fliegen wir davon. 



 Paris, 2. März 2019

(c) Eva Wal

Dienstag, 5. Februar 2019

Madame Hiver

Madame Hiver à Sanary


Heute führt sie Schoßhündchen mit Häkeldecken aus, fünf oder mehr an der Leine. Ihr grüngelbes Haar fällt in sanften Wogen und struppigen Strähnen unter der Wollmütze hervor.
Die weichen Mimosen leuchten im klarsten Gelb, der Rosmarin trägt zarte, blaue Blüten zwischen seinen Nadelbüscheln. Ihr helles Gesicht wirkt etwas müde und erschöpft, doch ihre lächelnden Augen verströmen Übermut und Wonne. Wie aus Versehen steigt rose in ihre Wangen und verleiht ihnen Frische. Oben auf ihrer Mütze wippt eine Kunstschnee-Kugel. Eissterne haften an ihren Wimpern und Augenbrauen. Sie zucken, leuchten, blinken. Madame Hiver ist zur Hälfte Kunst, zur Hälfte Natur. Sie ist ein unterkühlter Sommer, glacial, sagen manche, für andere ist sie die geheime Königin der Jahreszeiten. Hier, an der blausten aller Küsten gehen die Geschwister Jahreszeiten Hand in Hand. Freundlich lassen sie einander los, wenn es Zeit ist, zu kommen oder zu gehen.

Madame Hivers Atem ist ein Klima für Orangen, Zitronen, Blumen und Blüten. Manche danken ihr die Kühle, die Milde, die sanft wärmende Liebe, die dem Sommer entgegengesetzt ist. Um ihn, den Bruder Été, dreht sich heutzutage alles. Sexhungrig und selbstsüchtig ist er, doch er liebt sie und sie liebt ihn. Été-Hiver, Hiver-Été, sind wie Yin und Yang, zwei Prinzipien des Wetters, der Welt. Ebenso Schwesterchen und Brüderchen Printemps-Automne, Automne-Printemps, die Ankunft und Abschied ihres Geschwisterpaars feiern. Sie sind die Favoriten des Küstenvolks, das nun ein Wintervolk ist, herausgeputzt wie immer, doch heute wird weniger Fleisch und sonnengebräunte Haut gezeigt, sondern Fellmäntel, Flausch, Plüsch und Puschel, Schals und Jacken mit Kapuzen und Pelzbesatz. Unter Kunst versteht man Kunstfell oder Glitzer-Arrangements.
Nach Einbruch der Dunkelheit funkelt sogar der Kirchturm in einem Lichterketten-negligé, gelbweiß und blauviolett.
Schnee ist eine Utopie, eine Illusion in Plastik. Doch Madame Hiver hat eine exklusiv weiße, weiche Kaninchenfellhaut, und über diesem natürlichen Flausch hängen in Büscheln die seidigen, gelb leuchtenden Mimosen und grüne Rosmarinnadeln, übersät von blauer Januar-Blüte. Mimosenparfum schwebt um Madame Hiver. Der  Duft des öligen Rosmarins aber tritt nur aus, wenn man ihn zwischen seinen Fingern oder den Zähnen zerreibt. Er braucht Reibung wie die Liebe.

Madame Hivers Amt ist dasselbe wie das ihrer Geschwister, Sommer, Herbst und Frühling. Der Betrieb in dem kleinen Küstenorten geht immer weiter, dreht sich um sich selbst, immer à la rond, im Kreis herum. An jeder Promenade steht ein Karussell. Sommers wie winters dreht es sich mit denselben Figuren, Esel, Pferd, Tiger, Panther, Löwe, Motorrad, Heißluft-Ballon und Taucherglocke zur selben quäkenden, orgelnden Musik. Auch das Eis wird das ganze Jahr zum selben Preis verkauft. Eine Kugel Erdbeer, Vanille, Schokolade, Veilchen oder Karamell für zwei Euro fünfzig. Nur wenige Läden sind geschlossen, viele Appartements stehen leer. Die Hotels haben die stolzen Preise ein wenig herabgesenkt. Die Parkplätze und Strände sind halb verlassen. Das Meer ist kalt. Wenige Menschen in Surfer-Anzügen sind als dunkle Bojen im Wasser zu erkennen neben weißen Segeln, die dann und wann vorüberziehen.
In der aufdringlichen, unausweichlichen Nötigung der Sommerhitze ist das nasse Element erfischend kühl und lädt die Menschen ein. Sie kommen in Scharen. Den Sommer lieben sie hier, weil sie ihm im Meer entkommen können.
Nur die Kränkelnden kommen noch viel lieber in Madame Hivers Schoß, wo sie härteren Wintern mit Schnee und Eis entfliehen. Sie kosten die herben und lieblichen Gerüche, liebkosen die lichte Gestalt und umarmen ihre Natur.

Sie kehrt wieder aus ihrem Element in ihrem Rhythmus, steigt aus dem gelassenen Wasserspiegel mit gelegentlichem Missmut, einer wolkigen, verhangenen Laune und manchmal einer kleinen Wut.
Meiner Liebe und Treue kann sie gewiß sein. Ich brauche dabei kein falsches Fell, keinen Plüsch und Glitzer und schon gar keine Schoßhunde.
Ich halte Hivers Haar zwischen meinen Fingerspitzen. Zerreibe eine Spitze und sauge den Duft von Rosmarin ein. In meinen Augen blüht ein hellblauer Stern. Das Meer liegt vor mir ausgebreitet, blau, weit und weich wie ein sanft glänzendes Fell.



Sanary-sur-Mer, Côte d'Azur  




Sonntag, 20. Januar 2019

Café Blau

Jubiläum im Café Blau

Leise und beständig rieselt Kunstschnee über den Plastiktannenbaum in der Plexiglaskiste auf der Theke. Zwei kleine, rote Kugeln blinken synchron mit dem gelben Stern auf der Spitze. Von komplementärfarbenen LED-Strahlen beschossen glänzen blaue Hirsche aufgereiht im Regal dahinter. Auf meiner Trinkschale kringelt sich Sprühsahne, eine weiße Python.
Familienurlaub mit kleinen Kindern, am Brunch-Tisch neben mir erzählt man sich von kleinen Abenteuern im Schnee.
Ich halte meine Trinkschale in beiden Händen. Auch in diesem Café wird der Kakao nur mit Wasser gekocht. Dafür wurde reichlich Kakaopulver hinein geschüttet, hat sich aufgelöst unter der Sprühsahne, die ich schon weggelöffelt habe. Zart wie Schneeflaum zerging sie auf meiner Zunge und schmeckte nach nichts, hinterließ einen leichten, fettigen Belag. Kein Geschmack, aber Schneegefühl im Mund.
Ich löffele, rühre und schlürfe das dunkel gefärbte, gerade noch warme Wasser mit trüben Schneeresten auf der Oberfläche. Das bißchen Zucker macht mich zufrieden, das Geschrei eines Kindes am Nebentisch wird sicherlich gleich aufhören. Ich halte die Zufriedenheit an wie Luft. Betrachte den Kakaorest an der Innenwand der Schale.
Ein Muster wie von Erd- und Gesteinsschichten, mit kleinen, braunen Klumpen versehen wie Felsbrocken oder Krater. Meine Gedanken reisen in die Rocky Mountains, doch das Sologeschrei ist nun ein Duett und richtig laut.
Die Phantasiereise und Zuckerzufriedenheit anzuhalten wird zur mentalen Übung - was kommt schon gegen Kinderschreien an? Gebt ihnen Zucker, Sahne und Glitzer!
Ich zähle die blauen Hirsche und es sind zwei mal zehn auf zwei weiß lackierten Regalbrettern untereinander. Aufmerksam zur Seite gerichtet stehen sie auf Silbergirlanden zum Sprung bereit, gleich, jetzt, jeden Moment. Zwanzig blau strahlende Hirsche springen durch die 0, den Papierreif der goldenen Zwanzig, die schräg über ihnen von der Decke hängt.
Nach Ablauf des Jubiläumsjahres wird die 0 verschwunden sein, also springt, Hirsche, springt! Eure Zeit ist endlich wie die des Schnees und der Sahne-Python, des Kindergeschreis und der Zuckerzufriedenheit.
Nächstes Jahr ist 2020. Ich wünsche mir zwanzig springende Fische und zwanzig tauchende Eisbären im Café Blau.


Dienstag, 1. Januar 2019