Donnerstag, 3. Oktober 2019

Morgenspaziergang in Sanary






 Sanary ist ein idyllisches Fischerdorf in Südfrankreich an der Côte d'Azur. Bekannt ist der kleine Ort zwischen Marseille im Westen und Toulon im Osten durch die deutschen und österreichischen Emigranten, eine künstlerisch-literarische Elite, die im zweiten Weltkrieg hier Zuflucht vor den Nazis suchte. Eine Gedenktafel an der Touristeninformation nennt 36 Namen von Schriftstellern wie Bert Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, fünf Mitglieder der Familie Mann und Ludwig Marcuse, der Sanary in seinen Erinnerungen Mein zwanzigstes Jahrhundert  "Hauptstadt der deutschen Literatur im Exil" nennt. 1939 nach New York geflüchtet, wurde er dort vom FBI nach der "german colony" in Sanary befragt.
Über 400 Deutsche und Österreicher sollen in der Zeit von 1933 und 1942 ins Département Var geflohen sein, 80 Prozent davon haben sich in Sanary, Bandol und Lavandou aufgehalten.
Berühmte Werke entstanden in diesem Dorf abseits der glänzenden Anziehungspunkte an der Küste wie etwa Nizza. Thomas Mann schrieb hier Josef und seine Brüder und Aldous Huxley Brave New World.
Der jüdisch-böhmische Schriftsteller, Dramatiker, Dichter und Übersetzer Franz Werfel kam 1938 mit seiner Frau Alma Mahler-Werfel nach Sanary. Nach Einrichtung des Vichy Regimes versuchte das Paar wiederholt in die USA zu fliehen. Ihr Fluchtweg führte sie auch nach Lourdes. Tief ergriffen von der Geschichte der Bernadette Soubirou gelobte Werfel, sollte er überleben, deren Geschichte in einem Buch niederzuschreiben. Das Lied der Bernadette ist die Einlösung dieses Versprechens. Franz Werfel verstarb 1945 in Beverly Hills, Kalifornien.
Er ist einer meiner meistgeschätzten expressionistischen Lyriker. In Sanary lebte er mit seiner Frau in der Moulin Gris, der Grauen Mühle, auf dem Hügel zwischen der Bucht von Sanary und Portissol.

 Im September hatte ich eine Ausstellung  im städtischen Atelier des Artistes in Sanary. Ich wohnte in einem kleinen Appartement am Hafen, das die Stadt mir zur Verfügung stellte. Am liebsten waren mir die frühen Morgenstunden, in denen ich am Leuchtturm saß und wartete, bis die Sonne über den Hügel hinter dem langen Strand von Six-Fours kletterte, sich über das Wasser ergoß und den gegenüberliegenden Hügel mit der grauen Mühle in goldenens Licht tauchte. Fischerboote fahren aufs Meer, manchmal ein Segelboot. Ich schaue und atme und mache Yogaübungen. Dann geht es über den Hügel wieder an den Hafen, durch die Gassen, zum Boulanger und ins Café.

 Meine Ausstellung zeigt Arbeiten auf Papier; Schriftgrafiken, Collagen und Gouachemalerei, die in Zusammenhang mit ausgewählten Gedichten stehen. Es ist eigene Poesie, die in Frankreich während vergangener Aufenthalte in der Normandie oder an der Drôme entstand, Naturerleben spiegelt und ins Französische übersetzt wurde. Manches habe ich mit Musik verwoben oder als Video mit Stimme und Klang produziert. Meine Schriftbilder, wie immer vorwärts und rückwärts geschrieben und ständig die Richtung wechselnd, um mit der Form zu gehen, in die sie gebettet sind, zeigen dieses Mal französische Wortfolgen. Sie sind autonom, weniger lesbar als visuell und assoziativ erfahrbar.
Die poèmes dazu lagen in der Ausstellung aus. Auf den vorigen Posts sind diese Arbeiten zu sehen und Beispiele zu lesen. 

 Ich bin dankbar, an diesem Ort einen künstlerischen Beitrag geleistet haben zu dürfen. Ich bin dankbar für anregende und manchmal berührende Gespräche mit Besucher*innen der Ausstellung an einem Ort, der heute mehr touristisch ist, doch in dem Kunst und Kultur geschätzt und hochgehalten werden. Dankbar und froh für neue Freund*innen und jene Freund*innen, die zu Besuch kamen und die ebenfalls beigetragen haben, einen Dialog fortzuspinnen und die Kunst mit Leben zu füllen.
Ich bin glücklich, ein willkommener Gast aus Deutschland gewesen zu sein, nicht auf der Flucht vor einem verbrecherischen System, wie es heute wieder so viele Menschen sind, und das darf nicht vergessen werden bei aller Naturpoesie. In Bewusstsein der heutigen katastrophalen Situation in der Welt, die das wunderschöne, samtene Mittelmeer zu einem Massengrab für so viele macht, und in Gedenken an die Geschichte, aus der wir doch lernen können sollten, habe ich den Luxus erlebt, einen Monat in Sanary zu leben und ein wenig zu wirken, ganz und gar nicht Wider willen im Paradies, so der Titel des empfehlenswerten Buches von Manfred Flügge über Deutsche Schriftsteller im Exil Sanary-sur-Mer (Aufbau Taschenbuch Verlag, ISBN 3-7466-8024-7).

 Der Freiraum, im Hier und Jetzt zu sein, ist ein Geschenk, das ich, wie gesagt, besonders in den frühen Morgenstunden erlebt habe und hiermit in einigen Bildern teilen möchte.





















Gedenktafel in Sanary



Sanary, September 2019