Montag, 16. Oktober 2023

Forest Power

 Ein Jahr, nachdem Allen Ginsberg den Begriff Flower Power in die Welt gedichtet hatte, blumiges Symbol für friedlichen Protest gegen den Vietnam-Krieg, landete auch ich in eben dieser Welt und begann mein Menschenleben an einem goldenen Herbsttag, dem 11. Oktober 1966.

 


By S.Sgt. Albert R. Simpson. Department of Defense. Department of the Army. Office of the Deputy Chief of Staff for Operations. U.S. Army Audiovisual Center. - This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing.

 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vietnamdem.jpg?uselang=en#Licensing   

 

Zur Flower Power Bewegung fühlte ich mich hingezogen, sobald ich die dazu notwendigen kognitiven und intuitiven Werkzeuge zur Erfassung des Weltgeschehens entwickelt hatte. 

Wenn auch mein Eintrittsdatum in diese Welt für eine aktive Teilnahme verspätet war, um Wut und das Gefühl der Machtlosigkeit im Angesicht wahnsinniger kriegerischer Zerstörung umzuwandeln in friedlichen Protest, die Aufmerksamkeit auf den Schrecken umzulenken, Stagnation in Bewegung zu verwandeln, war und ist es nie zu früh oder zu spät auf diesem Planeten.

Der Beat Poet Ginsberg hat einen Beitrag zum Frieden geleistet, der nichts mit kitschiger Verklärung zu tun hat, denn Ginsberg's Gedichte schäumen, brodeln, heulen vor Wut und Direktheit.

 

Forest Power

Seit meiner Kindheit fühle ich mich im Wald zuhause. Doch auch die Entfremdung von der Natur als menschliches Produkt von Konsum-Gesellschaft und Kultur prägen meine Erfahrungen und meine Suche.

Diese Suche führte mich in viele Wälder der Welt: nach Bulgarien, Ecuador, Finnland, Canada, Wales, in den nun heimischen Wald im Bergischen Land und immer wieder - in der Erinnerung - in den Wald meiner Kindheit am Bodensee, der mich erstmals das Gefühl eines Zuhauses spüren ließ. Schmerzlich und glücklich zugleich.

Heute sind Kunst und Kontemplation meine Vehikel zurück zur Natur. Die Rückwärtsbewegung, die Sehnsucht nach einem Zustand naiver Unschuld am Ursprung natürlichen Seins ist verbunden mit einer Vorwärtsbewegung in der (Lebens)zeit, ob in Tagen, Minuten, Sekunden oder in kosmischen Flügen, Schleifen und Spiralen:

Kunst ist Transformation, ist ein Medium, ist Magie, ist Alchemie.

Weniger als der Protest spielt für mich persönlich der Gedanke der Heilung eine Rolle. In der Kunst und im Leben.

Ein erneutes Spiel und Zusammenwirken verschiedener Arbeiten aus den Schichten meiner Lebenszeit, die gerade einmal ein gutes halbes Jahrhundert überschritten hat, findet in meiner aktuellen Ausstellung WALD KLANG ZEIT an der Waldau in Bonn statt (s. Kalender auf diesem Blog) (Detaillierte Schau folgt später ebenfalls auf diesem Blog).

 


 

Zur Eröffnung brachte ich Zweige und Blätter ins Haus und legte sie in den Ausstellungsraum vor die Planetenmaschine (s. voriger Post). Der Raum füllte sich mit dem Duft von Buche, Linde, Ahorn, Efeu, Eiche, Weide, Haselnuss, Tuja, Farn und wildem Wein (letztere aus meinem Garten im Bergischen Land).

Aus den Zweigen machte ich einen Kranz, setzte ihn mir auf und führte das Publikum in den Nebenraum zu meiner Klanginstallation Der Wald ist das Zuhause meiner Kindheit. Aus dem Inneren einer aus alten, teils von Motten zerfressenen und vom Wetter gefleckten Decken und Filz gebauten Zelt-Behausung dringen Sprache, Klang, Geräusch: distopisch, heimelig, unheimlich, ambivalent.

Dort legte ich den Kranz nieder.

 









Die Inspiration dazu bekam ich diesen Sommer auf einem nature, arts & music, poetry, science & dance Festival in Südwales, Between The Trees, wo sich viele Menschen, ob groß oder klein, flippig, exzentrisch oder ganz normal gekleidet, mit selbstgemachten Kränzen schmückten.

In einem besonders frohen, launischen "Waldmoment" tat ich das auch, und ich fühlte mich beglückt und nebenbei herrlich waldig duftend; verschmolzen mit meinem Gastgeber, dem Wald in Merthyr Mawr. Tage später noch meinte ich, eine kleine Wolke aus Efeu und Buchenlaub in meinem Haar zu tragen.


Geht in den Wald und macht Euch Kränze oder Sträuße aus liegengebliebenen oder herabgefallenen Zweigen und Laub!

 

Tragt die Kränze oder Sträuße zu Ehren der Natur, des Waldes, der Bäume, für die Schönheit, die Freude, den Frieden und die Welt, den Planeten, auf dem wir leben!

Für Versöhnung und Heilung!

Für Euch und uns, für alle!

 

 

 Wald im Naturschutzgebiet Merthyr Mawr, Südwales

Festival Between the Trees 

My space






https://betweenthetrees.co.uk/

 Zum Schluss möchte ich noch zwei besondere Begegnungen erwähnen:

Der magischen Harfenspielerin Cerys Hafana war ich schon vor dem Festival ins weltenweite Netz gegangen und regelrecht eingesogen von Liedern wie Comed (Komet) oder Tragwyddoldeb, auf Deutsch: Ewigkeit.


Cerys singt und spielt Walisischen Folk, doch bringt sie diesen durch ihre natürliche, hohe, etwas raue Stimme und die Walisische Triple-Harp, vor allem aber durch ihre eigenen Kompositionen in eine andere Dimension:

https://www.youtube.com/watch?v=RqI_76nRxR0

 Cerys zweites Album EDYF (Faden) wurde zu den zehn besten Walisischen Folkalben 2023 gewählt. Das brachte ihr eine Besprechung im Guardian, Radiofeatures und dadurch wiederum eine Einladung zum Düsseldorf-Festival ein, wo ich sie nach meiner Reise gleich wiedersah und hörte.

Dieses Mal im schicken Skydeck im SIGN, ein gläsernes Auge im 19. Stock am Düsseldorfer Hafen.


Naz aka Ziba Creative UK macht Kunst im öffentlichen Raum und community work mit Pom Poms.

Auf dem Festival war sie mit ihrem wunderbaren, farbenfrohen Team und der Aktion Radikal Kindness unentwegt und überall unterwegs, verteilte Pom Poms und machte Workshops, in denen groß und klein eigene Pom Poms herstellten.


Ziba, persisch für schön

 

"Radical kindness is rooted in nature and humanity and brought to life by creativity, craftivism and gentle acts of kindness."

Ziba Creative UK #radical_kindness 


 Radikal kommt von radix, lateinisch für Wurzel. Freundlichkeit kann nicht radikal genug sein, verwurzelt in uns.

Ganz im Gegensatz zum radikal Bösen: https://de.wikipedia.org/wiki/Das_radikal_B%C3%B6se

„Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbar Extreme entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.“

Hannah Arendt 

http://philocast.net/hannah-arendts-theorie-des-boesen 

 

Naz verbreitet Gutes. Durch ihre Aktionen ermutigt sie die Menschen, Freundlichkeit anzunehmen, ihre eigene Freundlichkeit zu öffnen und ebenfalls zu verbreiten. Ich wünsche ihr den größten Erfolg!


Mich inspirierte unsere Begegnung zu Pom Pom Zeichnungen und Malerei am kleinen Bach, der am Rande des Waldes den Eingang zur Dünenlandschaft bis zum Meer markiert. 


Natürlich machte ich auch eine Zeichnung für Naz als besonderes Dankeschön.






 

 

Auf meiner Reise von Wales an der Küste entlang über die Irische See nach Irland, und von dort entlang der Küste nach Dublin und dann quer durchs Land in den Nordwesten nach Sligo, entstanden Travel Drawings mit Kohle, blauer und grüner Tinte aus dem Artshop in Cardiff. Anstelle eines Pinsels benutzte ich alles, was ich dazu geeignet fand: Schilf, Schachtelhalm, Tang, Schafswolle, Brombeere.

 

 

Doch davon mehr in späteren Postings.