Montag, 12. August 2019

Vier Schwestern

Ob es die Maya, die Inka oder die Irokesen erfunden haben: die Drei Schwestern Kürbis, Mais und Bohnen sind eine bewährte Dreiheit auf dem Hochbeet, die sich gegenseitig stützen, ranken lassen und beschatten. Eine perfekte Symbiose. Zu meinen drei Schwestern hat sich noch eine Gurke gesellt, die fleißig mitrankt und schlingt.
Ich kann es immer wieder kaum fassen, wie aus den kleinen Samenkörnen diese Wachstums-Explosionen entstehen. Und das alles ist auch in uns Menschen enthalten, diese Kraft, zu wachsen, zu streben, zu reifen? Spüren wir sie noch? Und was machen wir mit dieser Kraft?


Der Maya*-Schwestern-Dschungel unterirdisch, sozusagen:







Und überirdisch:







* Das Saatgut von bingenheimer nennt sich Maya-Mix, die "Inkagurke" kommt von den Nachbarn


Sonntag, 28. Juli 2019

Aggie, the Cat

Paris, im Juli 2019

Aggie, the Cat

Give what you can, take what you need.

Zehn Uhr, elf Uhr, dazwischen eine Stunde mit einer Gottheit auf meinem Schoß.
In Ancient Times Cats Were Worshipped As Gods; They May Have Not Forgotten This, sagt Terry Pratchett.
Der oberste Raum von Shakespeare & Company ist auf einmal mein Wohnzimmer, ich ein Teil des Inventars mit dem Privileg dieser Hoheit auf dem Schoß, mitten im Paris der Touristen und Sensationen.
Hier oben eine Insel, überflutet und durchströmt zwar, doch der literarische und internationale Schlamm gehört zu den fruchtbarsten und kostbarsten Böden, die man wohl finden kann.
Be not inhospitable to strangers/ let them be angels in disguise, steht über einem Durchgang in diesem alten, verwinkelten Gebäude.
Auf dieser Oasen-Insel kommen überall weitere kleine Inseln und Oasen zum Vorschein. Holzstühle, mit Stoff bezogene Lager, auf die man sich niederlassen kann zum Lesen, Eckbänke, eine Nische mit Piano sogar und hier, im ersten Stock, der Ledersessel neben dem Tisch am offenen Fenster. Auf dem Tisch eine Vase mit violetten und weißen Blumen. Irgendjemand sagt: oh look, a cat on the table, lavender, open window - how French can it get? Nun, das ist wohl der Blick durch die violette Frankophilen-Brille, der aus den strohartigen lila Blumen Lavendel macht und alles in betörenden Duft hüllt.
Zehn Uhr zehn.
Im Café neben dem weltberühmten Buchladen wollte man mich nicht bedienen, we are not open yet, obwohl es schon neun Uhr dreißig war, was genau der angezeigten Öffnungszeit entsprach, und obwohl schon mehrere Menschen an den Tischen ihr Croissant und den Kaffee genossen. Meine Antwort wurde ignoriert, und ich ging, wollte mir den Morgen nicht verderben.
Durch den Park nebenan rollt eine Touristenführung nach der anderen, Schläuche voller Menschen aller Kontinente werden hier ausgepresst. Zwischen den Handyfotos schnappt man ein paar Informationen auf. Da rein, da raus, wie die Fotos, wie die Menschen, welche Menschen?
Lächelnd verklärte oder gelangweilte Statisten vor steinernen Pendants, pardon, geht es doch hier allerorts um Denker, Herrscher, Heilige, in pathetische Posen gehauen, derer man gedenkt. Und ich gehöre nun einmal auch dazu, bislang auf der Seite der Statisten.
Das Croissant von Odette, dem Café hinter der nächsten Ecke des Parks, nur ein paar Schritte von Shakespeare & Company, ist köstlich und wurde mir mit einem echten Lavendellächeln verkauft.
Zehn Uhr zwölf.
Mein alter Sessel ist an der Oberseite einer Lehne schon so abgewetzt, dass er Einblick in seine Innereien gewährt. Doch selbst das wirkt gepflegt antik & how French can it get on this English speaking island. Ich kann nur ahnen, wer sich hier schon bequem angelehnt hat, den einen oder anderen Furz ließ und jenen oder welchen geistigen Erguss hervorbrachte. Über mir prangt eine Tafel mit einem Bild und Informationen zur Hauspatronin Sylvia Beach, die mich ob solcher despektierlicher Gedanken nur tadeln kann. Oder lächelt sie milde und humorvoll intellektuell?
Neben mir geht die tapezierte Tür auf, und jemand vom Staff kommt heraus. Immer wieder wird sich diese Tür öffnen und schließen, und meistens bekommt meine Schoßfreundin dann ein paar freundliche Worte mit einem Lächeln und eine Streicheleinheit en passent.
Ich frage nach ihrem Namen, den ich später auf einigen Zetteln im Nebenraum über dem Piano geschrieben sehe, und der sogar auf Wikipedia zu finden ist. Doch die freundliche Frau verrät ihn mir auch so: Aggie. Aggie, the Cat, chose my lap! Auf meiner schwarzen Parisbluse hinterläßt sie ihre Haare. Sie schnurrt und lässt sich von mir ihr prächtiges, grau-oranges, von dunkeln Streifen durchzogenes Fell streicheln, ihre langen, kräftigen, schneeweißen Schnurrbarthaare und Wimpern bewundern und überhaupt, ihre eigenwilligen Zeichnungen im geheimnisvollen Katzengesicht, weiß ums Maul, grüne Augen, distinct and mysterious. Ich streichele sie behutsam und fest, hoffe, mir ihre Gunst zu erkraueln, zu erhalten, und ich jubele mit Charles Dickens: What Greater Gift Than The Love Of A Cat? Ich zitiere gleichfalls Ernest Hemingway, der solches vielleicht sogar hier, in diesem Sessel, gedacht, gesagt, geschrieben haben mag: A Cat Has Absolute Emotional Honesty: Human Beings May Hide Their Feelings, But A Cat Does Not.
Mit der Katze auf dem Schoß werde ich angesehen wie eine Instanz, automatisch sehe ich mich selbst als eine solche und beginne, die Menschen auf das Fotoverbot hinzuweisen, sobald sie ihre Kameras zücken. Es funktioniert. Sie entschuldigen sich bei mir, oh sorry, yes, of course, nur die verwegenste Touristin sagt zu ihrer Verteidigung I did not know it’s for the cat, bevor sie das Handy zögernd zurücksteckt. Aber dann mache ich eine Ausnahme, als ein junger Vater seine kleine Tochter am Fenster fotografiert, und damit verliere ich die Lust an meinem selbsternannten Job. Was fällt mir ein? Und was bürde ich mir auf? Genug gespielt.
Zehn Uhr dreißig.
Ich habe Muße gefunden, bin mein Kopfweh losgeworden, meinen leichten Missmut. C’est moi et le chat. Zücke meine Schreibkladde und kritzele die Seiten voll mit Notizen für eben diese Geschichte. Aggie lässt sich davon natürlich mitnichten verstören oder gar vertreiben. Das hat sie mit meinem Kater zuhause auf dem Land gemeinsam. Katzen lieben Papier. Es geht mir wie Ray Bradbury: I Have My Favorite Cat, Who Is Also My Paperweight, On My Desk While I am Writing. Nur habe ich heute statt eines desks einen ganz besonderern fauteuil mit einer Favorite Cat und einem Zuhause auf Zeit, das mich für eine Stunde von meinem Touristendasein erlöst. Sehr d’accord mit dem von mir sehr verehrten Jean Cocteau, lasse ich diesen für mich sprechen: I Love Cats Because I Enjoy My Home; And Little By Little They Become Its Visible Soul.
All diese Zitate habe ich übrigens aus einem Buch, das ich vor knapp einem halben Jahr bei einem vorigen Paris-Besuch hier erstand und meinem mari zum anniversaire cinquante schenkte, zusammen mit eben dieser Paris-Reise. Voilà.
Zehn Uhr vierzig.
Ich sehe keinen Anlass, diesen Platz zu verlassen, vor allem, weil auch mon mari sich in ein Buch vertieft hat und nicht zum Gehen drängt.
Im Februar diesen Jahres, als ich zum ersten Mal Shakespeare & Company besuchte, war ich auch schon Aggie begegnet. Sie saß auf dem Schoß einer Frau wie mir, und auch ich dachte damals, die Dame sei Personal oder eine Schriftstellerin, gehöre zum geistig-intellektuellen Mobilar.
Jeder bewundert dieses außerordentlich schöne, geschmeidige und zutrauliche Tier, das sich neben seiner auratischen Katzen-Präsenz durch samtenes Schnurren und eine hohe, feine, schmeichelnde Miau-Stimme bemerkbar machen kann. Viele wollen sie streicheln, und sie lässt es geschehen. Eine Frau, Deutsche wie ich, ist sogar so übergriffig, Aggie zu streicheln, während sie auf meinem Schoß von mir gestreichelt wird. Fast berühren sich unsere Hände, kreuzen sich im Revier des Katzenfells.
Nachdem die Frau diese Grenze überschritten hat und ihrem Partner dabei von ihren Gefühlen berichtet und dass sie an ihre Katze zuhause denkt (Luder!), trauen sich auch zwei umstehende Kinder, die ihre vor Verlangen zuckenden kleinen Händchen bis dahin nur schwer zurückhalten konnten, die Katze wenigstens zu berühren. Aggie läßt es zu, und ich lasse es geschehen mit ihr in meinem Schoß. Große Güte! Einige Minuten sehe ich durch ihre grünen Augen, die mir fast gläsern, hell, aber undurchsichtig erscheinen. Höre die Sprachen, spüre das Drängen, den Vorstoß der unbekannten Energien, die Fremdheit der angels in disguise. Mein Schwanz schlägt heftig hin und her, während ich auf dem Schoß dieser Frau liege. Von der Schnauze bis zur Schwanzwurzel bin ich ruhig, zutraulich, zahm, doch hier hinten äußert sich meine Unruhe und mein Misstrauen, meine Vorsicht.
Was ist sie für eine Frau, die es sich heute auf meinem Sessel bequem gemacht hat und denkt, dass ich mir sie ausgesucht habe, dabei habe ich mir meinen Sessel erobert! Was also ist sie für eine? Nicht groß, nicht jung, hellhäutig wie die meisten Frauen, die hierher kommen. Ihr eigener Duft ist vermischt mit Creme und Parfum, wie bei allen Frauen hier. Europäerin, eher aus dem Süden als aus dem Norden, vielleicht sogar Französin. Warm und bedürftig ist ihr Schoß. Schwarze, leichte und schwerere Kleidung liegt über ihrer Haut und ihrem Duft. Ihre Schenkel sind weich und fest genug, mir als fauteuil zu dienen. Sie ist ein gepolstertes Möbel aus massivem Holz, Obstholz mit Drehwuchs, würde ich sagen, Pflaume oder die etwas sanftere Birne. Da sind Türen überall an ihr. Die dort am Knie ist geschlossen. Hier, diese mit dem Messinggriff steht am weitesten auf. Ich schlüpfe hinein... Doch das ist eine andere Geschichte. Vielleicht sogar ein Krimi?
Da ich hier in dieser edlen Company in der Kriminalbuchabteilung gefunden wurde, hat man mich in Anlehnung an Agatha Christi Aggie genannt. Das war das große Los, dass ich hier bleiben konnte! Und ich wusste wie’s geht, habe lange genug auf der Straße gelebt (aber das ist wieder eine andere Geschichte).
George Whitman, der ehemalige Besitzer, der seinen prominenten Buchladen Mistral nach dem eigentlichen Shakespeare & Company der tapferen Sylvia Beach umbennante und auch seiner Tochter den Namen der Ulysses-Verlegerin verpasste, war natürlich Katzenliebhaber. Ich bin die Nachfolgerin seiner Kitty. George hatte nach dem Motto gelebt: Give what you can, take what you need. Ich lebe es auf Katzenart: Take what you can, give what you need.
Dazu gehört auch eine Eigenart von mir, nämlich, dass ich meine Schöße protokolliere; also die, auf denen ich Platz genommen habe. Ich schreibe  sie alle auf, übertrage meine Eindrücke auf imaginiertes Papier, papier imaginé, kratze, ritze, zeichne mit Geheimtinte sozusagen, ganz und gar immateriell, versteht sich.
Ich, Aggie, protokolliere nun mein Schoß-fauteuil, de 10 au 11 heurs, mercredi, le 17ième Juillet 2019. Meine Protokolle stecke ich in die Bücher, unter denen sich die Regale biegen. Doch meine Aufzeichnungen fügen ihnen kein physisches Gewicht hinzu. Überall schiebe ich sie hinein. Da war zum Beispiel die Japanerin im Blumenkleid, gestern Abend, kurz vor Ladenschluss. Tom Wolfe, page 147/ 148, glaube ich. Weiter kann ich mich nicht erinnern.
Ich lebe im Moment, mein Gedächtnis ist ein Archiv, das hier zwischen den Zeilen raschelt. Unsichtbar und undurchsichtig wie mein grüner Katzenblick.
Während ich durchs Haus streife oder irgendwo einnicke, egal, ob am Tag, während der Touristenschwemme, oder nachts, wenn ich hier alleine bin (mit den Ratten und Mäusen, by the way), flüstert es mir entgegen von den Buchrücken, den Regalen, den Stühlen, aus den Ecken und von den Fotos: Irving Stone, Viginia Woolf, Robert Hargreaves, Simone de Beauvoir, Ernest Hemingway, Allen Ginsberg, Djuna Barnes, William S. Burroughs, James Joyce, George Orwell, F. Scott Fitzgerald, Anne Carson: Float, Rumi Love Poems, Poems by Elizabeth Bishop, Montaigne (When I Am Playing With My Cat, How Do I Know She Is Not Playing With Me?), Donald Maclean: British Foreign Policy since Suez, Paradise Lost, Ezra Pound, Rimbaud: Season in Hell, Mary Oliver: Devotions, Bilingual Classical Poems By Arab Women, John Muir: Wilderness Essays, Jack Kerouac: Desolation Angels, Chinua Achebe: Africas Tarnished Names, D.H. Lawrence ...
Ach ja, bevor der Moment verstrichen ist, un moment s’il vous plaît, hier stecke ich das neuste Protokoll hinein: of Cats and Men von Sam Kalda, page 26/ 27, quotes Mark Twain: A Home Without A Cat - And a Well-Fed, Well-Petted, And Properly Revered Cat - May Be A Perfect Home, perhaps, But How Can It Prove Title?

Take what you can, give what you need.

Bye for now, Aggie



Dienstag, 18. Juni 2019

BOXford Poetry

Rückblick auf den Austausch der befreundeten Dichtergruppen Dada war alles gut (Bonn und Umgebung) und Oxford Stanza 2 im Juni 2019.

Workshop im Arp Museum zur Ausstellung Otto Piene, Alchemist und Himmelsstürmer, Alchemist and Stormer of the Skies und Vortrag von Inge Milfull über Translating Poetry.



Treffpunkt seit Beginn unseres Austauschs 2017:
Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen.

 v.l.n.r.: Sharon D. Cohagan, Maria Müller, Louise Larchbourne, Eva Wal,
Heike Vennemann-Bundschuh (h), Pat Winslow, Nelly Neukirchen (h),
Bill Jenkinson, Inge Milfull, Elisabeth Sofia Schlief



Auf dem Aussichtsbalkon im Richard Meyer Bau des Arp Museums


 Schreibzeit und Vortrag in der Bibliothek des Arp Museums


Lesung im Anno Tubac, Bonn, am Pfingstmontag, 10. Juni


 Unser Thema ist ein Zitat von Toni Morrison:

 "I refuse the prison of ‘I’ and choose the open spaces of ‘we’."

Im Zusammenhang:

"Our past is bleak. Our future dim. But I am not reasonable.
A reasonable man adjusts to his environment. An unreasonable man does not.
All progress, therefore, depends on the unreasonable man.
I prefer not to adjust to my environment.
I refuse the prison of ‘I’ and choose the open spaces of ‘we’." 

Aus: "Mouth Full of Blood"


Ende dada war alles gut


  Moderation: Eva Wal


Duo Tinnitus lockert das Programm auf:
Thomas Eberhard Müller und Franz Kiefer


Elisabeth Sofia Schlief

 Sharon D. Cohagan

 Maria Müller

 Einfühlsame Musik von Rüdiger Zahnow an Piano und Caisa

 Inge Milfull

 Pat Winslow

 Louise Larchbourne


Kreativtag im Garten bei uns im Bergischen Land

mit Singen, Maskenbau und einer Einführung in das Maskenspiel
von Louise Larchbourne

Fotogalerie























Freitag, 12. April 2019

Bonn-Oxford poetry

Unsere Lesung zur Oxfordwoche in Bonn war ein schöner Erfolg.

Wir haben uns über ein aufmerksames Publikum und einen voll besetzten Saal in den wunderbaren Räumen des Bonn-Oxford Club gefreut.

Wir feiern poetry & friendship.



 Deutsch-englische Dichtergruppe Oxford Stanza 2 & Dada war alles gut und Musiker
mit Lord Mayor Colin Cook und Bezirksbürgermeisterin Brigitta Poppe-Reiners





 Lesung/ reading Donnerstag, 11. April, 19:30 h, Oxford-Club Bonn

Oxford Stanza 2 & Dada war alles gut

Deutsch-englische Dichterlesung
der befreundeten Gruppen

English-German poetry reading
of the two befriended groups


Dorothy Mc Carthy/ Sharon D. Cohagan/ Louise Larchbourne/
Maria Müller/ Elisabeth Sofia Schlief/ Eva Wal

Music by Arne Richards, harpsichord & accordion  & Isabel Knowland, violin


Moderation: Eva Wal

Der Austausch der beiden Gruppen besteht seit 2017,
anläßlich einer Begegnung zur 70 jährigen Städtepartnerschaft zwischen Bonn und Oxford.

 The exchange of the two groups exists since 2017,
they met on occasion of the 70th year of the twinning between Bonn and Oxford.




Empfang im Bonn-Oxford Club am10. April:
Louise Larchbourne und Dorothy Mc Carthy,
Oxford poets, mit Lord Mayor Colin Cook und Eva Wal

Mittwoch, 3. April 2019

Vincent van Gogh schreibt einen Brief an Arno Stern


Lieber Herr Stern,

auch hier im Jenseits spricht man von Ihnen, Sie haben es zu einiger Berühmtheit gebracht. Das mag nicht verwundern, weile ich doch hier bei den Gestirnen und Sternen, zu denen Sie offensichtlich nicht nur dem Namen nach gehören.
Sie leuchten in fast absolutistischem Glanz, Herrscher und Verwalter der Formulation, deren Zeuge sie wurden. Ihr Auftrag ist groß; von hier aus dem Jenseits sehe ich die Dimension, welche zu sehen den noch nicht Jenseitigen verwehrt ist.
Meine Sterne drehen und vibrieren noch immer. Ihnen natürlich ist klar, dass das ihre Aufgabe ist und in keiner Abhängigkeit oder Begrenzung steht zu einem Einzelnen wie mir, der dies zu zeigen vermochte, bannen konnte mit Ölfarbe auf den profanen Grund einer Leinwand im hölzernen Rahmen.
Wir drehen uns, wir, die Erddiamanten und Kartoffelesser. Die Strahlenden, die Dunklen, von den Fürsten zu den Bauern, den Außenseitern und Verlorenen.
Wir alle tragen dieses Wissen in uns noch als Spur oder Gespür. Bei manchen verursacht es einen regelrechten Schwindel im Leben.
Hier oben aber, das darf ich Ihnen verraten, gibt es keinen Schwindel. Höchstens befällt mich ein Gefühl der Ohnmacht, das dem Schwindel im Suff, im Absinthrausch, gleicht, wenn ich in das mir gewidmete Museum in Amsterdam blicke und mich dort im Shop und von täglich tausenden Selfie-Jägern geschändet sehe. Ich wende mich ab, denn ich weiß, das Drehen und Vibrieren kann zwar verraten werden oder ignoriert, doch es kann niemals verlöschen. Nichts kann dem kosmischen Drängen und Treiben wirklich schaden. Die Menschen, diese Schädlinge, schaden nur sich selbst und, leider, diesem Planeten, der ihnen als Lebensraum geschenkt wurde.
Ach, es ist kalt hier, und ich möchte gerne mit Ihnen sprechen.
Es gibt einige, mit denen ich gerne spreche. Allermeistens sind es Kinder. Manchmal klettere ich nachts in ein Schlafzimmer und lasse die Sterne an den Wänden des Kinderzimmers kreisen.
Auch bei Ihnen im Malort war ich schon oft, Sie ahnten es. Ich kreise und treibe mit den Kindern und sie mit mir.
Machen Sie sich also keine Sorgen, Herr Stern. Sie meinen, der Malort hätte mich vor dem Selbstmord gerettet und mein Leid verhindert. Mag sein, aber es ist müßig, darüber nachzudenken.
Ihr Malspiel in allen Ehren, ich aber will nicht verzichten auf meinen Perspektivrahmen, das Versinken in Betrachtung japanischer Holzschnitte, das Malen von Angesicht zu Angesicht mit meinen Modellen, ihren Körpern und Gesichtern, und auf das völlige Eintauchen in die Landschaft mit Staffelei, Farbe und Pinsel. Ich möchte das Wetter spüren, Sonne, Wind, Hitze und Kälte, will die Felder riechen, spüren, wie das Schwarz der Zypressen nach mir greift, das Gelb der Weizenfelder sich meiner Seele bemächtigt und das Blau sich ins Unendliche dehnt über mir oder zu meinen Füßen in einem Fluss in die Ferne zieht, verstrudelt mit Grün und Orange. Unmittelbar möchte ich auf die Leinwand werfen, was mich befällt.
Ich habe meine Bilder der Welt zugeeignet, denn das entspringt meinem Wunsch und Bedürfnis, meiner Liebe. Dass die Nichterfüllung dieses Wunsches, dieser Sehnsucht, zu meinen Lebzeiten die Ursache für mein Leiden war, ist Ihnen bekannt.
Manche Menschen glauben, dass ein großer Künstler leiden muss. Mag sein, dass es großen Künstlern nicht vergönnt ist, verstanden zu werden, aber ich bezweifle, dass daraus die Größe und das Schaffen erwächst. Das eigentliche Schaffen kommt nicht aus dem Leid, sondern aus dem lebendigen Kosmos, selbst wenn das Werk eingekleidet ist in Äußerungen des Leidens. Und unverstanden zu sein, ist das Los aller Menschen, egal, als wie bedeutend oder unbedeutend sie gelten. Die Bedeutsamkeit des Leids schreibt man auch nur jenen zu, die vermeintlich etwas daraus erschaffen. Man verehrt es hier, um dort die Masse der Leidenden unbekümmert vergessen zu können. Es ist eine religiöse Erhöhung, die wiederum für die Vergessenen nutzbar gemacht wird als Projektionsraum für ihre Bedürfnisse. Das alles sind Komplexe und Konstrukte, die hier oben keine Rolle spielen. Hier oben, ich sage es laut, gibt es keinen Herrgott und auch keine Heiligen. Es gibt nur das Rauschen, Dröhnen, Vibrieren und Kreisen der kalten Gestirne. Nennen sie es kosmischen Gesang, wenn Sie wollen.
Zurück auf die Erde, zu Ihnen, zum Malort. Für mich wäre er eine Erholung gewesen, eine Enklave zur Regeneration, Trost und Erleichterung. Und es ist möglich, dass ich ganz zur Abstraktion vorgedrungen wäre, den Perspektivrahmen und die Porträts überwunden hätte.
Ich bin froh, dass es nicht so war. Denn mein Werk sollte so geschaffen sein, wie es ist. Dieses und kein anderes war meine Aufgabe im Leben. Mein Werk ist in der Welt und lebendig. Es steht denen zur Verfügung, die sich berühren lassen vom Strudeln der Sterne, da etwas Berührbares in ihnen ist wie ein Kern, der nur einen Tropfen Wasser benötigt, um aufzuspringen, zu keimen und ins Leben zu drängen. Selbst, dass die Farben meiner Bilder nicht mehr so sind wie zu meinen Lebzeiten, tut dieser Sache keinen Abbruch, denn das unauslöschliche Kreisen der Gestirne ist in ihnen enthalten.
Wäre ich in den Malort gekommen zu meiner Zeit, ja, dann hätte ich vielleicht länger und glücklicher gelebt, doch heute, verehrter Herr Stern, wäre ich auch schon lange tot. Und das Leid und alle Eitelkeit, das kann ich Ihnen versichern, sind hier oben vergessen. Die Nacht, das edle Dunkel, befreit uns Gestorbene von allen Widrigkeiten des Erdendaseins. Glauben Sie mir und freuen Sie sich darauf. Wenn Sie ihre Aufgabe erfüllt haben, und sie haben sie bereits fast erfüllt, sehen wir uns hier oben.

Von Stern zu Stern,

                        Ihr Vincent


Im Februar habe ich die zehntägige Intensiv-Ausbildung bei Arno Stern in Paris durchlaufen.
Dieser Text ist eine Hommage an die beiden Protagonisten und eine persönliche Reflexion im Nachgang zu diesen erkenntnisreichen zehn Tagen bei Herrn Stern.
Eva Wal

Paris, Februar 2019