Dienstag, 1. Mai 2018
Freitag, 13. April 2018
Nestwärme-Alchemie
Nestwärme-Alchemie
In ein Nest gerollt unterm Bett
Das Licht schweigt
Wieder hervorgerollt
In ein Nest geflohen hoch auf dem Baum
Mit gestohlenem Schmuck und einer
Armbanduhr aus Blei erwischt worden und
abermals geflohen
Gekrochen in ein Nest aus dem Gewöll der Eule
Mäuseknochen darin und spitze Zähne
Schlaflos gelegen die ganze Nacht
Hineingefallen in ein Nest aus Moos
Tief, tief im Wald
Nicht wieder herausgefunden
Ich mache mir ein Mäuseknochenkleid
Das Nest wird warm und wohnlich
Ich trage den gestohlenen Schmuck und die
Armbanduhr aus Blei
Weich wird die Zeit und zerfließt unters Bett
Versickert in die Rillen zwischen den Holzbohlen
Ich klappere mit den Mäuseknochen hoch oben im
Baum und schmelze das Licht von den schaukelnden
Zweigen
Hell wird es und heller
Nichts ist so weich und warm wie das Moos
aus der Mitte des Waldes.
Eva Wal, 2018
Mittwoch, 4. April 2018
Collage-Workshop am Arp Museum
Mit einer wunderbaren, kreativen Gruppe fand am Ostersamstag der erste Schreibtag im Arp Museum 2018 zum Thema Collage statt. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung im Künstlerbahnhof "Collagen - Die Sammlung Meerwein - Zweiter Ausschnitt" gestaltete jede Teilnehmerin ihr eigenes Kästchen als Wort-Bild-Collage.
Wie immer entstanden auch eigene Texte.
Es war ein inspirierender und äußerst produktiver Nachmittag!
Wie immer entstanden auch eigene Texte.
Es war ein inspirierender und äußerst produktiver Nachmittag!
Fotos (c) Eva Wal
Arbeiten der Teilnehmerinnen des Workshops am 31. März 2018
Informationen und Termine zu den Schreibtagen im Arp Museum
unter projekte/ künstlerworkshops auf diesem Blog.
Sonntag, 18. März 2018
Rotes Sofa und Roter Faden
Was auf der Leipziger Buchmesse das Blaue Sofa, ist in Hennef das Rote Sofa.
Es geht, zum Besipiel, um den roten Faden in meiner Kunst.
www.nrwision.de/programm/sendungen/ansehen/hennef-meine-stadt-eva-wal-kuenstlerin-und-journalistin-im-interview.html
"Romane" habe ich nur als Kind geschrieben. Sie hatten Kapitel und waren endlos lang...
Es geht, zum Besipiel, um den roten Faden in meiner Kunst.
www.nrwision.de/programm/sendungen/ansehen/hennef-meine-stadt-eva-wal-kuenstlerin-und-journalistin-im-interview.html
"Romane" habe ich nur als Kind geschrieben. Sie hatten Kapitel und waren endlos lang...
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| (c) Eva Wal VG Bild |
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| (c) Eva Wal VG Bild |
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| (c) Eva Wal VG Bild |
Donnerstag, 8. März 2018
The Rocking Tree
Auch wenn der Schnee nun endlich schmilzt und der Frühling langsam erwacht, ist die Zeit immer noch kühl, und die Atmosphäre dieses Bildes, das zum Jahresbeginn entstand, passend. Mag dieses Bild den Abschied vom Winter begleiten mit dem wunderbaren Gedicht von Pat Winslow, das sie dazu schrieb.
The Rocking Tree
The world is scratchy
and branch-whipped.
Hard berries
like clots of blood
jounce against
a green sky.
Crack of twig
underfoot
snow-patches
on crisp turf
and a snarly wind
to tangle hair.
Crouched and listening
she is waiting
for a thought to rise
like a magical horse
that will carve itself
into the bole of a tree
her hand
on its gnarled flank
each twist and groan
a labour of concentration.
The tree begins rocking.
The dream unspools like birth water.
A cry splits day
from night
and a fall of sparrows
shocks the ground.
The world is scratchy
and branch-whipped.
Hard berries
like clots of blood
jounce against
a green sky.
Crack of twig
underfoot
snow-patches
on crisp turf
and a snarly wind
to tangle hair.
Crouched and listening
she is waiting
for a thought to rise
like a magical horse
that will carve itself
into the bole of a tree
her hand
on its gnarled flank
each twist and groan
a labour of concentration.
The tree begins rocking.
The dream unspools like birth water.
A cry splits day
from night
and a fall of sparrows
shocks the ground.
Der Schaukelnde Baum
Die Welt ist kratzig
und von Zweigen gepeitscht.
Harte Beeren
wie Klumpen aus Blut
rütteln gegen
einen grünen Himmel.
Knacksen von dürren Zweigen
unter den Füßen
Schneeflecken
auf gefrorener Grasnarbe
und ein konfuser Wind,
der Haare durcheinander bringt.
Zusammengekauert und lauschend
wartet sie, dass ein
Gedanke sich erhebt
wie ein magisches Pferd,
das sich in einen Baumstamm
eingravieren wird
ihre Hand
an seiner rauen Seite
jede Drehung und jedes Knarzen
eine Wehe der Konzentration.
Der Baum beginnt zu schaukeln.
Der Traum ergießt sich wie Geburtswasser.
Ein Schrei zerteilt Tag
und Nacht
und ein Spatzen-Sturz
erschüttert den Grund.
Die Welt ist kratzig
und von Zweigen gepeitscht.
Harte Beeren
wie Klumpen aus Blut
rütteln gegen
einen grünen Himmel.
Knacksen von dürren Zweigen
unter den Füßen
Schneeflecken
auf gefrorener Grasnarbe
und ein konfuser Wind,
der Haare durcheinander bringt.
Zusammengekauert und lauschend
wartet sie, dass ein
Gedanke sich erhebt
wie ein magisches Pferd,
das sich in einen Baumstamm
eingravieren wird
ihre Hand
an seiner rauen Seite
jede Drehung und jedes Knarzen
eine Wehe der Konzentration.
Der Baum beginnt zu schaukeln.
Der Traum ergießt sich wie Geburtswasser.
Ein Schrei zerteilt Tag
und Nacht
und ein Spatzen-Sturz
erschüttert den Grund.
Übersetzung: Eva Wal
Vielen Dank an Pat für das Gedicht und die Erlaubnis zur Veröffentlichung hier!
Mittwoch, 21. Februar 2018
Samstag, 13. Januar 2018
Montag, 1. Januar 2018
Erster Tag
Mit diesem kleinen Film wünsche ich allen ein wunderbares neues Jahr 2018!
With this film I wish all a wonderful new year 2018!
Samstag, 30. Dezember 2017
passage
Mit dieser Passage über den Tejo wünsche ich allen einen guten Übergang in ein friedliches und frohes neues Jahr 2018!
With this passage over the river Tejo I wish you all a good passage into the new year 2018. May it be peaceful and happy!
Dienstag, 26. Dezember 2017
Schnee
Schnee
Wir haben an einer Blüte gerochen,
die Du zwischen Deinen Fingern
zerrieben hast
Zum ersten Mal brannte Licht in unserem Haus
Draußen auf der Brücke lag Schnee
Es gab Dich und mich
und eine Schale voller
Hoffnung

Neige
Nous avons senti l'odeur d'une fleur
que tu avais écrasée entre tes doigts
Pour la première fois la lumière
brillait dans notre maison
Dehors, le pont
était couvert de neige
Il y avait toi et moi
et une coupe remplie d’espoir
Übersetzung/ traduction: Martine Metzing-Peyre
Wir haben an einer Blüte gerochen,
die Du zwischen Deinen Fingern
zerrieben hast
Zum ersten Mal brannte Licht in unserem Haus
Draußen auf der Brücke lag Schnee
Es gab Dich und mich
und eine Schale voller
Hoffnung

Neige
Nous avons senti l'odeur d'une fleur
que tu avais écrasée entre tes doigts
Pour la première fois la lumière
brillait dans notre maison
Dehors, le pont
était couvert de neige
Il y avait toi et moi
et une coupe remplie d’espoir
Übersetzung/ traduction: Martine Metzing-Peyre
Montag, 25. Dezember 2017
Freitag, 22. Dezember 2017
Donnerstag, 21. Dezember 2017
Winterwende
Eine helle, weiche Schicht hat die Welt überzogen
Zugedeckt die Welt vor meiner Tür
Weiße Räume in einer weißen Zeit
Die Stille dröhnt in meinen Ohren - hier draußen ist sie lebendig
Eine gezuckerte, gezauberte Weißwelt ruht sanft in meinem Handteller für einen Moment.
Zittern und Wiegen und sanftes Schaukeln der Bäume, der Äste, Zweige und Blätter
im schneeblauen Himmel.
im schneeblauen Himmel.
Vogelfutter ausstreuen, Pflanzen abdecken,
den letzten Endiviensalat unter der Schneedecke
ausgraben, ernten und essen.
den letzten Endiviensalat unter der Schneedecke
ausgraben, ernten und essen.
Singen möchte ich, schneesüß singen
Der Duft eines Morgens aus Schnee
Vögel fallen durch die Luft
Singen möchte ich, schneesüß singen.
Die Statue am Teich trägt eine Schneeschlangenmuff und eine hohe-Priesterinmütze.
Die kleine, alte Saalweide konnte der Schneelast nicht länger standhalten.
Eine Rosenblüte leuchtet rot aus dem Schnee,
ich hebe den Blick:
ich hebe den Blick:
Bäume, Zweige, Himmel, Flockengewimmel kreuz und quer... und ich darin.
Winterwende.
Sonntag, 17. Dezember 2017
Alice und der Gärtner VII
Alice
7 Episoden
7. Episode
Früher Nachmittag im späten Frühjahr
Alice und der Gärtner
Alice hat den Gärtner beklaut. Die Sorge um Löwenmäulchen und Tomaten, das Wissen um den Schnitt von Bäumen, Sträuchern und Beeren, die Pflege von Blumenrabatten, Gemüsebeeten, Kieswegen und Rasen - das alles gehört nun ihr.
Alice hat den Gärtner belauscht, alles aus ihm herausgezogen und
-gesogen. Nun ist er nur noch eine leere Hülle. Ein Phantom, weiß Alice.
Und Doktor Grau ist wieder außen vor. Er ruft, weil er ahnt, weil er weiß, dass er nichts weiß: “A-lice!”
Das Glas vibriert in den Fensterrahmen des Herrenhauses, der Kater huscht schreckhaft davon und bleibt verschwunden.
Wenn jemand stirbt, dann legt man ihm einen Samen unter die Zunge. Das hat Alice irgendwo, irgendwann gehört, und sie trägt dieses Bild nun als Wissen in sich.
Sie sieht die Portraits der Ahnengalerie in den Fluren des Herrenhauses vor sich. Hohe Herren und ihre Frauen: Morsche Bäume wachsen unter ihren Zungen hervor und heraus aus den gold gerahmten Ölbildern, an den mit dunklem Holz vertäfelten Wänden im Haus des Doktor Grau entlang. Zottelige Wurzeln quellen aus den Rändern der Bilderrahmen und krallen sich an den Holztäfelungen fest.
Was ist mit dem Gärtner?
Ein Phantom ist kein Toter…
Doch Alice sieht das Gesicht des Gärtners dicht vor sich, bleich und hinübergegangen schwebt er seiner Ahnengalerie entgegen. Seine Augen sind geöffnet, der wasserblaue Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet. Welchen Samen soll sie ihm unter die Zunge legen?
Laubbaum oder Nadelbaum? Tanne, Linde oder Kernobst? Apfel, Birne, Quitte?
All die Ausdrücke, die Namen und Wörter, die Alice dem Gärtner abgelauscht hat, nutzt sie nun, um ihre Gedanken in einem großen Garten mit Wegen aus Begriffen und Wort-Anlagen spazieren zu führen. Gedankenbotanik.
Sie denkt an Palmen. An ferne Länder. An das Meer, das sie nur von Bildern kennt. Dort, im unheimlichen Herrenhaus hängt eines über dem Kaminsims. Aus dem finsteren, bleigrau-grünen, sich aufbäumenden Meer mit schäumenden Wellen ragen sinkende Schiffe und Ungeheuer hervor. Alice spürt das Bleigrau und das Salz des Wassers aus diesem Bild gelöst in sich selbst.
Händeschütteln. Da steht Doktor Grau und schüttelt dem Gärtner die Hand. Merkt nicht, dass der nur eine Hülle ist! Er hängt an Doktor Graus Hand wie ein leerer Handschuh.
Alices Augen sind benetzt mit dem Wasser ihres Brunnens. Ein Wind hat ihr gerade einen Sprühregen des Wassers aus ihrem Brunnen dort vor der Auffahrt herübergeweht. Die Tropfen leuchten hellblau auf ihrer Haut und in ihren Augen.
Sie sieht nicht nur den Gärtner als Hüllenwesen und Phantom, sie sieht nun auch noch Doktor Graus Skelett aus seinem Körper heraus leuchten.
Unter seiner Zunge liegt schon ein Samen.
Der Samen eines knorrigen Baumes aus einer Gruselgeschichte liegt unter der sich wie Wurzelwerk wölbenden Zunge, die sich nun ächzend bewegt und verschiebt, um ein Wort zu formen und durch die Kehle wie aus der Unterwelt heraus zu rufen: “Alice!”.
Der Gärtner hat wohl etwas über sie gesagt, und nun soll sie kommen. Sie folgt, gehorcht, geht zu den beiden. Tanzt, im Rausch des magischen Wassers, das sie benetzt und kühlt an diesem schon heißen Tag im späten Frühjahr.
Das Gärtnerphantom schwankt hin und her, Doktor Graus Knochen klappern hart aneinander.
Sie beide beschuldigen Alice. Sie behaupten, Alice habe alle Narzissen in der Rabatte direkt vor der Terrasse, dem Eingang zum Herrenhaus, geköpft.
Alice formt ihren Mund zu einem: “o”. Sie schnalzt mit der Zunge: “ge - köpft?”
Narzissenköpfe, schwebende, gelborangene Lichter… sie weiß nicht wohin damit - - - könnte eine Weide zum Gärtner passen?
Der Baumsamen einer Weide und Narzissenköpfe liegen weit auseinander. Das heißt nicht, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Weiden und Narzissen könnten sich verstehen.
Narzissenzungen trällern hübsche Liedchen, sie haben ein Vibrato, ein Tremolo, einen Sporan; die Weiden aber summen, klagend und tief; sie bilden weiche, schwere Klangteppiche, die sich auf dem Wasser niederlassen und davonschwimmen wie zarte Flügel. Orpheus und Ophelia.
Das alles aber, und das weiß Alice, ist absolut keine Erklärung für ihr Vergehen. Sie kann dazu nichts sagen. Geköpft?
Sie tänzelt auf der Stelle, sie erstarrt. Da liegen die Narzissenköpfe auf dem herrschaftlich gepflasterten Terrassenplatz und verdrehen die Augen.
Doktor Grau schaut kalt und böse auf das Kind. “Schon wieder!”, hört sie ihn mit klirrender Stimme sagen, und: “nicht noch einmal!” Dass es nun endgültig reiche, sagt Doktor Grau.
Von einer Strafe ist dann die Rede, von der erzieherischen Notwendigkeit einer dieses Mal harten Strafe.
Alices Gesicht verfinstert sich.
“Zu Hilfe!”, ruft sie den Geköpften zu, und die leeren Stängel vorm Herrenhaus wiegen sich wie ein Chor grüner Schlangenleiber im Mezzosopran.
“Einsperren!”, hört Alice, “dunkel”.
“Stockdunkel”.
“Zu Hilfe!”, ruft sie nun plötzlich in großer Not.
Stockdunkel, das bedeutet große Not!
Seenot.
Ungeheuer steigen aus der Tiefe auf, Masten eines Herrenhausschiffes bersten auf hoher See.
“Zu Hilfe!”
Blitzschnell lösen sich nun die Schlangenleiber von ihrer Rabatte und stürzen auf Doktor Grau zu. Sie winden sich um seine Gelenke und fesseln ihn. Gleichzeitig rollen die Narzissenköpfe heran; wie Kanonenkugeln auf Schiffsplanken donnern und grollen sie, springen auf einmal in die Höhe und treffen mit voller Wucht Doktor Graus Schädel, so dass es kracht und splittert. Im selben Moment, noch bevor man Blut sehen kann, stülpt sich die Hülle des Gärtners als Sack über Doktor Graus gefesseltes Skelett und schleppt sich mit seiner Beute zu einer Öffnung am Herrenhaus, ganz an der hintersten Ecke der Terrasse. Dort ist ein Fensterloch, das in den tiefen, dunklen Keller führt. Das Gärtnerphantom mit dem nun unsichtbaren Doktor verschwindet im Stockdunkel unter dem Herrenhaus, die Flotte der exekutierten Narzissenköpfe rollt hinterher wie eine Schar Lemminge.
“Halleluja”, singen sie im Chor. Man hört ihr Echo im Unterleib des Herrenhauses widerhallen, bis es sich dort verloren hat.
Alice legt einen Baumsamen in die Erde. An einer schattigen Stelle in der Nähe ihres Brunnens soll eine Weide wachsen.
Doktor Grau öffnet die Flügeltür des Herrenhauses und tritt auf die Terrasse. Er sieht das Mädchen Alice im Garten spielen. Dort am Brunnen hält sie sich am liebsten auf, besonders, wenn es so warm ist.
Es ist ein herrlicher Frühlingstag.
Eva Wal
1. Episode auf diesem Blog im Post 11. September 2017
2. Episode auf diesem Blog im Post 24. Oktober 2017
3. Episode auf diesem Blog im Post 11. November 2017
4. Episode auf diesem Blog im Post 21. November 2017
5. Episode auf diesem Blog im Post 03. Dezember 2017
6. Episode auf diesem Blog im Post 10. Dezember 2017
7 Episoden
7. Episode
Früher Nachmittag im späten Frühjahr
Alice und der Gärtner
Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017
und illustriert von der Autorin im August 2017
“Alice!”, es tönt und schallt aus dem Herrenhaus, das groß und einsam auf seinem Hügel in der klaren Frühlingsluft liegt.
Alice hat den Gärtner beklaut. Die Sorge um Löwenmäulchen und Tomaten, das Wissen um den Schnitt von Bäumen, Sträuchern und Beeren, die Pflege von Blumenrabatten, Gemüsebeeten, Kieswegen und Rasen - das alles gehört nun ihr.
Alice hat den Gärtner belauscht, alles aus ihm herausgezogen und
-gesogen. Nun ist er nur noch eine leere Hülle. Ein Phantom, weiß Alice.
Und Doktor Grau ist wieder außen vor. Er ruft, weil er ahnt, weil er weiß, dass er nichts weiß: “A-lice!”
Das Glas vibriert in den Fensterrahmen des Herrenhauses, der Kater huscht schreckhaft davon und bleibt verschwunden.
Wenn jemand stirbt, dann legt man ihm einen Samen unter die Zunge. Das hat Alice irgendwo, irgendwann gehört, und sie trägt dieses Bild nun als Wissen in sich.
Sie sieht die Portraits der Ahnengalerie in den Fluren des Herrenhauses vor sich. Hohe Herren und ihre Frauen: Morsche Bäume wachsen unter ihren Zungen hervor und heraus aus den gold gerahmten Ölbildern, an den mit dunklem Holz vertäfelten Wänden im Haus des Doktor Grau entlang. Zottelige Wurzeln quellen aus den Rändern der Bilderrahmen und krallen sich an den Holztäfelungen fest.
Was ist mit dem Gärtner?
Ein Phantom ist kein Toter…
Doch Alice sieht das Gesicht des Gärtners dicht vor sich, bleich und hinübergegangen schwebt er seiner Ahnengalerie entgegen. Seine Augen sind geöffnet, der wasserblaue Blick sehnsuchtsvoll in die Ferne gerichtet. Welchen Samen soll sie ihm unter die Zunge legen?
Laubbaum oder Nadelbaum? Tanne, Linde oder Kernobst? Apfel, Birne, Quitte?
All die Ausdrücke, die Namen und Wörter, die Alice dem Gärtner abgelauscht hat, nutzt sie nun, um ihre Gedanken in einem großen Garten mit Wegen aus Begriffen und Wort-Anlagen spazieren zu führen. Gedankenbotanik.
Sie denkt an Palmen. An ferne Länder. An das Meer, das sie nur von Bildern kennt. Dort, im unheimlichen Herrenhaus hängt eines über dem Kaminsims. Aus dem finsteren, bleigrau-grünen, sich aufbäumenden Meer mit schäumenden Wellen ragen sinkende Schiffe und Ungeheuer hervor. Alice spürt das Bleigrau und das Salz des Wassers aus diesem Bild gelöst in sich selbst.
Händeschütteln. Da steht Doktor Grau und schüttelt dem Gärtner die Hand. Merkt nicht, dass der nur eine Hülle ist! Er hängt an Doktor Graus Hand wie ein leerer Handschuh.
Alices Augen sind benetzt mit dem Wasser ihres Brunnens. Ein Wind hat ihr gerade einen Sprühregen des Wassers aus ihrem Brunnen dort vor der Auffahrt herübergeweht. Die Tropfen leuchten hellblau auf ihrer Haut und in ihren Augen.
Sie sieht nicht nur den Gärtner als Hüllenwesen und Phantom, sie sieht nun auch noch Doktor Graus Skelett aus seinem Körper heraus leuchten.
Unter seiner Zunge liegt schon ein Samen.
Der Samen eines knorrigen Baumes aus einer Gruselgeschichte liegt unter der sich wie Wurzelwerk wölbenden Zunge, die sich nun ächzend bewegt und verschiebt, um ein Wort zu formen und durch die Kehle wie aus der Unterwelt heraus zu rufen: “Alice!”.
Der Gärtner hat wohl etwas über sie gesagt, und nun soll sie kommen. Sie folgt, gehorcht, geht zu den beiden. Tanzt, im Rausch des magischen Wassers, das sie benetzt und kühlt an diesem schon heißen Tag im späten Frühjahr.
Das Gärtnerphantom schwankt hin und her, Doktor Graus Knochen klappern hart aneinander.
Sie beide beschuldigen Alice. Sie behaupten, Alice habe alle Narzissen in der Rabatte direkt vor der Terrasse, dem Eingang zum Herrenhaus, geköpft.
Alice formt ihren Mund zu einem: “o”. Sie schnalzt mit der Zunge: “ge - köpft?”
Narzissenköpfe, schwebende, gelborangene Lichter… sie weiß nicht wohin damit - - - könnte eine Weide zum Gärtner passen?
Der Baumsamen einer Weide und Narzissenköpfe liegen weit auseinander. Das heißt nicht, dass sie nichts miteinander zu tun haben. Weiden und Narzissen könnten sich verstehen.
Narzissenzungen trällern hübsche Liedchen, sie haben ein Vibrato, ein Tremolo, einen Sporan; die Weiden aber summen, klagend und tief; sie bilden weiche, schwere Klangteppiche, die sich auf dem Wasser niederlassen und davonschwimmen wie zarte Flügel. Orpheus und Ophelia.
Das alles aber, und das weiß Alice, ist absolut keine Erklärung für ihr Vergehen. Sie kann dazu nichts sagen. Geköpft?
Sie tänzelt auf der Stelle, sie erstarrt. Da liegen die Narzissenköpfe auf dem herrschaftlich gepflasterten Terrassenplatz und verdrehen die Augen.
Doktor Grau schaut kalt und böse auf das Kind. “Schon wieder!”, hört sie ihn mit klirrender Stimme sagen, und: “nicht noch einmal!” Dass es nun endgültig reiche, sagt Doktor Grau.
Von einer Strafe ist dann die Rede, von der erzieherischen Notwendigkeit einer dieses Mal harten Strafe.
Alices Gesicht verfinstert sich.
“Zu Hilfe!”, ruft sie den Geköpften zu, und die leeren Stängel vorm Herrenhaus wiegen sich wie ein Chor grüner Schlangenleiber im Mezzosopran.
“Einsperren!”, hört Alice, “dunkel”.
“Stockdunkel”.
“Zu Hilfe!”, ruft sie nun plötzlich in großer Not.
Stockdunkel, das bedeutet große Not!
Seenot.
Ungeheuer steigen aus der Tiefe auf, Masten eines Herrenhausschiffes bersten auf hoher See.
“Zu Hilfe!”
Blitzschnell lösen sich nun die Schlangenleiber von ihrer Rabatte und stürzen auf Doktor Grau zu. Sie winden sich um seine Gelenke und fesseln ihn. Gleichzeitig rollen die Narzissenköpfe heran; wie Kanonenkugeln auf Schiffsplanken donnern und grollen sie, springen auf einmal in die Höhe und treffen mit voller Wucht Doktor Graus Schädel, so dass es kracht und splittert. Im selben Moment, noch bevor man Blut sehen kann, stülpt sich die Hülle des Gärtners als Sack über Doktor Graus gefesseltes Skelett und schleppt sich mit seiner Beute zu einer Öffnung am Herrenhaus, ganz an der hintersten Ecke der Terrasse. Dort ist ein Fensterloch, das in den tiefen, dunklen Keller führt. Das Gärtnerphantom mit dem nun unsichtbaren Doktor verschwindet im Stockdunkel unter dem Herrenhaus, die Flotte der exekutierten Narzissenköpfe rollt hinterher wie eine Schar Lemminge.
“Halleluja”, singen sie im Chor. Man hört ihr Echo im Unterleib des Herrenhauses widerhallen, bis es sich dort verloren hat.
Alice legt einen Baumsamen in die Erde. An einer schattigen Stelle in der Nähe ihres Brunnens soll eine Weide wachsen.
Doktor Grau öffnet die Flügeltür des Herrenhauses und tritt auf die Terrasse. Er sieht das Mädchen Alice im Garten spielen. Dort am Brunnen hält sie sich am liebsten auf, besonders, wenn es so warm ist.
Es ist ein herrlicher Frühlingstag.
Eva Wal
1. Episode auf diesem Blog im Post 11. September 2017
2. Episode auf diesem Blog im Post 24. Oktober 2017
3. Episode auf diesem Blog im Post 11. November 2017
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5. Episode auf diesem Blog im Post 03. Dezember 2017
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Sonntag, 10. Dezember 2017
Alice: Labyrinth oder Schnee im Dorf VI
Alice
7 Episoden
6. Episode
Mittag im Winter
Labyrinth oder Schnee im Dorf
“Jeder Gedanke ist multidimensional”, haucht Alice in die Luft, die vor ihrem Mund steht wie eine weiße Wand. Gefroren die Luft, der Himmel, die Welt. Weiß das Gras. Knisternd, brechend, wenn Alice darüber geht, läuft, rennt, barfuß.
Sie hört das Gras krachen.
Mit Mütze und Schal steht Alice inmitten ihres gerade erst Gedachten.
Die Schuhe hat sie vergessen oder verloren.
Es wird schneien.
Schnee kommt vom Himmel herab, Durcheinanderflocken.
Das Haus, in dem sie eben noch stand, ist zu einem wahren Labyrinth geworden. In einem Moment nur sind die Flure zusammengewachsen, ist der Grundriss explodiert, haben sich die Räume aufgefächert, die Zimmer aufgespalten - wie auch immer das passiert ist.
Alices Gedanken haben sich festgeheddert, wie Strickmaschen verfangen, sind durcheinander geraten, eins rechts, zwei links, zwei rechts, eins links… links, rechts, rechts, links herum und plumps… Wie schade!
Alices Gedankenkäfige, ihre Vogelbauer, sind Durcheinandergezwitscher und -gezwatscher, einfach un-er-träg-lich!
Niemand weiß von ihrer Existenz.
Niemand von ihrer Gegenwart, ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft.
Sie ist das Mädchen Alice.
Reibt sich die Hände aneinander. Die Hände stecken in roten Handschuhen. Es schneit.
Alice hat Doktor Grau umgelegt. Ein rauchender Colt liegt im Schnee.
Ein Röcheln dringt aus dem gefrorenen Weiß.
Wer war er, dieser Doktor Grau?
Ein Mensch? Ein Untier? Ein Wolf?
Alice hat sich im Spiegel angeschaut, gerade eben noch, als sie in diesem Haus war, das jetzt plötzlich zu einem Labyrinth geworden ist. Es gibt keinen Beweis für ihr Zusammenleben mit Doktor Grau in einem Haus.
“Lange genug”, zischt Alice und bringt sich selbst auf. Sie schreit, dann brüllt sie diese zwei Worte, harmlose Aneinanderreihungen unschuldiger Worte, in den harten Frost: “Lange genug!”
Glas bricht, springt, Labyrinthsplitter überall; blindes, weißes Schneeglas.
Blendend helle Gedanken und gleißende Bilder verlassen Alice.
In einem leeren Dorf stehen sie mit ihr zusammen herum wie Silhouetten. Gärtner, Kutscher, eine alte Bäuerin, Kinder passieren die Dorfstraße an ihr vorbei, dann verschwinden sie in Alices Pupillen. Werden verschluckt vom Augendunkel. Alices Pupillen sind große Tore, die das Dunkel hüten.
Bedeutungslose Bilder, denkt Alice, Hüllen, Unterhaltung.
Es fällt ihr nichts besseres ein.
“Mord!” Das Wort stolpert aus Alices Mund wie ein Gefangener, der den Häschern entkommen will.
Wieder hinein in den Kerker! Rumms, das Kerkergitter fällt herab. Alice beißt die Zähne aufeinander. Nun geschieht das Ungeheure: der Gefangene entkommt! Der Kerker öffnet sich. Eine Welle schäumt. Auf ihrer Zunge fährt er wie auf einem Boot aus ihrer Mundhöhle hinaus.
“Lauf!”, ruft Alice zum Mörder, zum Dieb, der mit Doktor Graus Leben wie mit einem Bündel unterm Arm davonrennt so schnell er kann.
“Lauf!”, ruft Alice abermals hinter ihm her. Behände und flink springen die Worte über Stock und Stein: “Lauf, lauf, Dieb, lauf, lauf, lauf!”
“Sehnsucht und Wahrheit”, seufzt Alice. Manche Worte sind Tänzer. Solche lässt sie auf ihren Handtellern tanzen. Alice streut die schönsten Worte und Gedanken - Sehnsucht - und - Wahrheit - wie Vogelfutter auf die unberührte Schneedecke. Mögen Vögel kommen! Rotkehlchen, Meise, Rabe, Fink, Amsel, Specht, Adler, Kormoran, Geier, Phönix.
Wieder ein Durcheinander, wieder zurück: Solche Worte, die schöne, kostbare Gedanken zeigen wie klares Glas, glitzerndes Kristall, in dem sich Kerzenlicht spiegelt und bricht, nimmt Alice in ihre zarten Hände und betrachtet sie bewundernd. Andere schöne Worte, von warmen, liebevollen Gedanken geboren, hebt sie aus ihrem Schoß wie Keimlinge, die sie einpflanzen mag in den unberührten Schnee.
Doch der Schnee ist kalt.
Eine Silhouette nähert sich, kommt auf der Dorfstraße heran; ein scharfer, schwarzer Schatten im Mittagslicht. Der Kater?
Auf den Vorgärten, den Gärten hinter den Häusern und auf den Dächern liegt eine dicke Schneedecke. Die Häuserwände stehen unverschneit aus den Gärten hervor. Dorfzähne. Zu beiden Seiten der Dorfstraße sind dreckige Schneewälle aufgetürmt.
Schreiben findet Alice mühsam. Sie schreibt niemals etwas auf. Ihre Hände stecken in bleiernen Handschuhen. Denken ist schon eine Anstrengung, die ihr alles abverlangt. Mag es an den Gedanken liegen. Brennende Achillesverse.
Wider die Erschöpfung!, Alice jagt die Gedanken fort.
Doch ein unscheinbares Wort schält sich aus allen Gedanken, bleibt. Das Mädchen Alice sagt zum Dieb:
“L A U F”.
Etwas ist durcheinander gekommen mit den Bildern. Das Labyrinth und das Dorf passen nicht zusammen, sie sind zu unterschiedlich. Sie sind auch keine Gegensätze, die sich anziehen könnten. Dennoch sind sie hier zusammengeraten. Der Gärtner, der Kutscher, die Bäuerin; sie haben sich hineingestreut wie Salz und Pfeffer. Der Dieb, ein Lebkuchenmann.
Die Figuren bilden eine Gemeinschaft mit unbestimmter Bedeutung für Alice. Sie haben eine unbekannte Aufgabe.
Alice zieht den Handschuh von ihrer rechten Hand. Sie bückt sich und hebt den Revolver auf. Sie richtet ihn auf den Dieb, der noch immer davonrennt und Spuren hinterlässt im Schnee.
“Lauf“, sagt sie ruhig.
Ihre Füße sind kalt.
Eva Wal
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2. Episode auf diesem Blog im Post 24. Oktober 2017
3. Episode auf diesem Blog im Post 11. November 2017
4. Episode auf diesem Blog im Post 21. November 2017
5. Episode auf diesem Blog im Post 03. Dezember 2017
7 Episoden
6. Episode
Mittag im Winter
Labyrinth oder Schnee im Dorf
Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017
und illustriert von der Autorin im August 2017
“Jeder Gedanke ist multidimensional”, haucht Alice in die Luft, die vor ihrem Mund steht wie eine weiße Wand. Gefroren die Luft, der Himmel, die Welt. Weiß das Gras. Knisternd, brechend, wenn Alice darüber geht, läuft, rennt, barfuß.
Sie hört das Gras krachen.
Mit Mütze und Schal steht Alice inmitten ihres gerade erst Gedachten.
Die Schuhe hat sie vergessen oder verloren.
Es wird schneien.
Schnee kommt vom Himmel herab, Durcheinanderflocken.
Das Haus, in dem sie eben noch stand, ist zu einem wahren Labyrinth geworden. In einem Moment nur sind die Flure zusammengewachsen, ist der Grundriss explodiert, haben sich die Räume aufgefächert, die Zimmer aufgespalten - wie auch immer das passiert ist.
Alices Gedanken haben sich festgeheddert, wie Strickmaschen verfangen, sind durcheinander geraten, eins rechts, zwei links, zwei rechts, eins links… links, rechts, rechts, links herum und plumps… Wie schade!
Alices Gedankenkäfige, ihre Vogelbauer, sind Durcheinandergezwitscher und -gezwatscher, einfach un-er-träg-lich!
Niemand weiß von ihrer Existenz.
Niemand von ihrer Gegenwart, ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft.
Sie ist das Mädchen Alice.
Reibt sich die Hände aneinander. Die Hände stecken in roten Handschuhen. Es schneit.
Alice hat Doktor Grau umgelegt. Ein rauchender Colt liegt im Schnee.
Ein Röcheln dringt aus dem gefrorenen Weiß.
Wer war er, dieser Doktor Grau?
Ein Mensch? Ein Untier? Ein Wolf?
Alice hat sich im Spiegel angeschaut, gerade eben noch, als sie in diesem Haus war, das jetzt plötzlich zu einem Labyrinth geworden ist. Es gibt keinen Beweis für ihr Zusammenleben mit Doktor Grau in einem Haus.
“Lange genug”, zischt Alice und bringt sich selbst auf. Sie schreit, dann brüllt sie diese zwei Worte, harmlose Aneinanderreihungen unschuldiger Worte, in den harten Frost: “Lange genug!”
Glas bricht, springt, Labyrinthsplitter überall; blindes, weißes Schneeglas.
Blendend helle Gedanken und gleißende Bilder verlassen Alice.
In einem leeren Dorf stehen sie mit ihr zusammen herum wie Silhouetten. Gärtner, Kutscher, eine alte Bäuerin, Kinder passieren die Dorfstraße an ihr vorbei, dann verschwinden sie in Alices Pupillen. Werden verschluckt vom Augendunkel. Alices Pupillen sind große Tore, die das Dunkel hüten.
Bedeutungslose Bilder, denkt Alice, Hüllen, Unterhaltung.
Es fällt ihr nichts besseres ein.
“Mord!” Das Wort stolpert aus Alices Mund wie ein Gefangener, der den Häschern entkommen will.
Wieder hinein in den Kerker! Rumms, das Kerkergitter fällt herab. Alice beißt die Zähne aufeinander. Nun geschieht das Ungeheure: der Gefangene entkommt! Der Kerker öffnet sich. Eine Welle schäumt. Auf ihrer Zunge fährt er wie auf einem Boot aus ihrer Mundhöhle hinaus.
“Lauf!”, ruft Alice zum Mörder, zum Dieb, der mit Doktor Graus Leben wie mit einem Bündel unterm Arm davonrennt so schnell er kann.
“Lauf!”, ruft Alice abermals hinter ihm her. Behände und flink springen die Worte über Stock und Stein: “Lauf, lauf, Dieb, lauf, lauf, lauf!”
“Sehnsucht und Wahrheit”, seufzt Alice. Manche Worte sind Tänzer. Solche lässt sie auf ihren Handtellern tanzen. Alice streut die schönsten Worte und Gedanken - Sehnsucht - und - Wahrheit - wie Vogelfutter auf die unberührte Schneedecke. Mögen Vögel kommen! Rotkehlchen, Meise, Rabe, Fink, Amsel, Specht, Adler, Kormoran, Geier, Phönix.
Wieder ein Durcheinander, wieder zurück: Solche Worte, die schöne, kostbare Gedanken zeigen wie klares Glas, glitzerndes Kristall, in dem sich Kerzenlicht spiegelt und bricht, nimmt Alice in ihre zarten Hände und betrachtet sie bewundernd. Andere schöne Worte, von warmen, liebevollen Gedanken geboren, hebt sie aus ihrem Schoß wie Keimlinge, die sie einpflanzen mag in den unberührten Schnee.
Doch der Schnee ist kalt.
Eine Silhouette nähert sich, kommt auf der Dorfstraße heran; ein scharfer, schwarzer Schatten im Mittagslicht. Der Kater?
Auf den Vorgärten, den Gärten hinter den Häusern und auf den Dächern liegt eine dicke Schneedecke. Die Häuserwände stehen unverschneit aus den Gärten hervor. Dorfzähne. Zu beiden Seiten der Dorfstraße sind dreckige Schneewälle aufgetürmt.
Schreiben findet Alice mühsam. Sie schreibt niemals etwas auf. Ihre Hände stecken in bleiernen Handschuhen. Denken ist schon eine Anstrengung, die ihr alles abverlangt. Mag es an den Gedanken liegen. Brennende Achillesverse.
Wider die Erschöpfung!, Alice jagt die Gedanken fort.
Doch ein unscheinbares Wort schält sich aus allen Gedanken, bleibt. Das Mädchen Alice sagt zum Dieb:
“L A U F”.
Etwas ist durcheinander gekommen mit den Bildern. Das Labyrinth und das Dorf passen nicht zusammen, sie sind zu unterschiedlich. Sie sind auch keine Gegensätze, die sich anziehen könnten. Dennoch sind sie hier zusammengeraten. Der Gärtner, der Kutscher, die Bäuerin; sie haben sich hineingestreut wie Salz und Pfeffer. Der Dieb, ein Lebkuchenmann.
Die Figuren bilden eine Gemeinschaft mit unbestimmter Bedeutung für Alice. Sie haben eine unbekannte Aufgabe.
Alice zieht den Handschuh von ihrer rechten Hand. Sie bückt sich und hebt den Revolver auf. Sie richtet ihn auf den Dieb, der noch immer davonrennt und Spuren hinterlässt im Schnee.
“Lauf“, sagt sie ruhig.
Ihre Füße sind kalt.
Eva Wal
1. Episode auf diesem Blog im Post 11. September 2017
2. Episode auf diesem Blog im Post 24. Oktober 2017
3. Episode auf diesem Blog im Post 11. November 2017
4. Episode auf diesem Blog im Post 21. November 2017
5. Episode auf diesem Blog im Post 03. Dezember 2017
Sonntag, 3. Dezember 2017
Alice: Wunderworte V
Alice
7 Episoden
5. Episode
Wunderworte
Bedrohung, Auslöschung, Geheimnis
Verweben: das Geschehene, das Seltene, das Geräuschhafte, die Stille, ist Aufgabe von Alices Silberzunge.
Doktor Grau hat ihr gedroht. Nichts hat er gesagt, aber Alice hat es ihm angemerkt. Seine Augen wurden kalt und kälter; gebirgiger, steinerner und immer zerklüfteter sein Blick, während Alice farbige Sachen dachte.
Sie kann sich nicht mehr erinnern.
Doktor Graus Drohung erreichte sie in diesem Augenblick, als sie Bedeutendes, Entscheidendes verwob in ihrem Geist, in ihrem Sinn – so war es ausgelöscht.
Die Tür war zugefallen, diese schwere, alte Holztür, und Alice war plötzlich der Weg versperrt zu ihrem Brunnen.
Sie fand keine List, keine rettende Idee, keine Inspiration. Armes Mädchen!
Wie konnte sie auch nur ausgerechnet dieses kostbare, grüne Glas fallen lassen, aus dem Doktor Grau immer trank!
Deshalb hatte er sie so bedrohlich angesehen und den kostbarsten Denkmoment in ihrem Kopf zunichte gemacht, ohne es freilich zu wissen.
Er hatte sich selbst bedroht gefühlt. Was fiel ihr ein? Was hatte dieses dumme Ding schon wieder ausgeheckt?
Es blieb ein Geheimnis für sie beide.
Eva Wal
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7 Episoden
5. Episode
Wunderworte
Bedrohung, Auslöschung, Geheimnis
Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017
und illustriert von der Autorin im August 2017
Verweben: das Geschehene, das Seltene, das Geräuschhafte, die Stille, ist Aufgabe von Alices Silberzunge.
Doktor Grau hat ihr gedroht. Nichts hat er gesagt, aber Alice hat es ihm angemerkt. Seine Augen wurden kalt und kälter; gebirgiger, steinerner und immer zerklüfteter sein Blick, während Alice farbige Sachen dachte.
Sie kann sich nicht mehr erinnern.
Doktor Graus Drohung erreichte sie in diesem Augenblick, als sie Bedeutendes, Entscheidendes verwob in ihrem Geist, in ihrem Sinn – so war es ausgelöscht.
Die Tür war zugefallen, diese schwere, alte Holztür, und Alice war plötzlich der Weg versperrt zu ihrem Brunnen.
Sie fand keine List, keine rettende Idee, keine Inspiration. Armes Mädchen!
Wie konnte sie auch nur ausgerechnet dieses kostbare, grüne Glas fallen lassen, aus dem Doktor Grau immer trank!
Deshalb hatte er sie so bedrohlich angesehen und den kostbarsten Denkmoment in ihrem Kopf zunichte gemacht, ohne es freilich zu wissen.
Er hatte sich selbst bedroht gefühlt. Was fiel ihr ein? Was hatte dieses dumme Ding schon wieder ausgeheckt?
Es blieb ein Geheimnis für sie beide.
Eva Wal
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Dienstag, 21. November 2017
Alice: A-na-kon-da IV
Alice
7 Episoden
4. Episode
Morgen im Spätherbst
A-na-kon-da

Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
Alice tritt vor die Tür und lauscht. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief; ein Katzenfell, flauschig, aber kühl.
Der schwarze Kater ist schon seit einiger Zeit verschwunden. Wochen? Tage? Stunden?
Alice ist die Zeit wieder einmal entglitten. Sie hat sich aufgerippelt und um sie geschlungen wie der lange Faden eines Jäckchens, das nur aus einem einzigen Faden gehäkelt wurde.
Alice ist es, als habe sie lange Herbststunden in Doktor Graus Haus gesessen und gehäkelt, während sich draußen das Laub verfärbte, die Kastanien rund und braun wurden und mit lautem Klacken von ihren Bäumen fielen. Sie hat an ihrer Zeitjacke gewerkelt.
Nun tippelt sie im Freien herum; ist aus der Tür getreten nach langer Zeit. Dort, wo die Blätter nicht zu braun-gelb-roten Haufen zusammengerecht wurden, bedecken sie den Boden mit einer glitschignassen Schicht.
Die Luft strömt um Alice in einer festen, klaren Bewegung. Eine Luft mit Muskeln. Eine Schlange. Groß und muskulös legt sie sich um Alices Schultern.
Alice atmet laut. Ein verspäteter Schmetterling wird durch die Luft getragen, schlägt mit rotsilbrigen Flügeln.
Alice schnauft. Die Luft ist kalt.
Doktor Grau ist tot, wünscht sich Alice.
Sie weiß nicht mehr, sie hat vergessen, was sie so gegen ihn aufbringt. In dem Moment, in dem es ihr gelungen ist, die schwere Tür aus massivem Holz mit einer mächtigen Türklinke aus Messing zu öffnen - die Klinke herunterzudrücken, die in sehr ungeeigneter Höhe für Kraftausübung durch eine zarte Mädchenhand angebracht ist, und die Tür mit aller Kraft nach vorne zu dabei wegzudrücken - in diesem Moment hört sie sich mit einem gewaltigen Brausen im Kopf denken: Möge er sterben, jetzt, sofort!
Alice sehnlichster Wunsch schwillt an zu Schlangenstärke.
Inmitten des Wunsches tönt ein Rauschen, ja Musik, wie von tausend Pfeilen. Schlangengift in den Pfeilspitzen. Die Luftschlange aber ist eine Würgeschlange.
Alice bewegt ihre schmalen Schultern. Zarte Knochen, knarzend wie Schiffsplanken. Alice in ihren Gedanken auf hoher, schäumender See.
Auf ihren Schultern hebt und senkt sich die große Schlange Luft.
Alice flüstert: Schschschhhhh...
Ich fühle mich wohl im Haus, und die Katze hat Telleraugen
So etwas dichtete Alice in den frühen Morgenstunden.
Der Schmetterling schlägt mit betäubten Schwindelflügeln, silberrotsilbern im Nebelgrau
Undsoweiter.
Tigerregen,
klangvoller Stillregen
Das Haus Grau ist groß und ungemütlich
Es kann ewig so weitergehen mit ihrer Dichtkunst.
Doktor Grau hat irgendeine fiese, scheußliche Krankheit erwischt. Alice hört ihn husten durch die offen gebliebene Tür, da drinnen im dunklen Haus.
Meine Zähne knirschen, mein Kiefer: Ich bin ein großes Tier
Alices Dichtkunst versus Doktor Graus Existenz. Wie konnte er, der Pillendoktor, nur krank werden - so krank?
Doktor Graus Pillen kaputt.
A-na-kon-da,
stottert Alice, als würde sie diese Lautfolgen das erste Mal sprechen.
Ana- kon- da
An- akond- a
--- egal. Satzzeichen versus Lebenszeichen.
Doktor Grau, stirbt er?
Alice steckt den Zeigefinger ihrer linken Hand in Doktor Graus Bauch. Er sinkt ein wie in Torf. Ekel steigt darauf in Alice hoch, der Torf Grau stinkt faulig.
Alice lacht über ihre Phantasien.
Aaaa – na -kooon – da,
keucht sie in die Luft.
Durch die offene Tür wälzt sich nun die Würgeschlange hinein ins Haus. Sie schiebt sich in die Türöffnung und drückt die schwere Tür weit auf mit ihrer Masse, ihrem gewaltigen Gewicht nur aus Luft.
Gefahr! Gefahr für Doktor Grau, der ohnehin schon krank danieder liegt und sich nicht rühren kann.
Doktor Grau liegt auf dem roten Ledersofa seines Wohnzimmers in der luxuriösen Jugendstilvilla. Er hat Schaum vorm Mund.
Alice hebt an zu einem lyrischen Vogelgesang. Ihre Vogelstimme schwillt an und steigt auf. Perlmuttfarbene Wölkchen schweben über ihr. Alices Gesang ist eindringlich, doch ihre Worte bleiben unverständlich, verschluckt vom Kehlklang.
Alles ist... doktorgrau.
Der Kater ist immer noch abwesend.
Doktor Grau röchelt auf seinem roten Ledersofa. Alices Hirn spuckt blutige Bilder. Rauchende, fauchende Visionen nehmen Besitz von ihrem Geist. Ein seltsames Kauderwelsch entgleitet ihr, fällt aus ihrem Mund, während die Schlange sich über das schwarzweiße Schachbrettmuster des Marmorbodens vorarbeitet zu Doktor Graus Sofa. Der erschöpfte Doktor ist nicht mehr bei Sinnen; er ist ohnmächtig geworden. Ein Diener, ein Helfer, ein Arzt wird kommen und auch nicht wissen, was zu tun ist.
Doktoooor,
erklingt es aus einer Kehle mit Hall, und es kann ja nur Alice sein.
Das Mädchen ballt nun die Fäuste, drückt und presst sie gegeneinander. Ihre Haut scheint hell zu strahlen, titanweiß.
Sie wünscht den Tod herbei, den grausamen Tod für den Tyrannen, der sie gefangen hält!
Fast, fast hat sie es geschafft!
Doktor Grau bäumt sich auf, Schaum quillt aus seinen Mundwinkeln, kleckert auf das rote Leder. Kotze pladdert auf den kostbaren, persischen Teppich unter dem teuren Sofa. Alice hört angespannt zu.
Nein! All das Gift raus! Nein!, empört, ja entsetzt sich Alice, und der Diener, der plötzlich da ist und Silberkelche aufstellt für Doktor Graus schaumiges Erbrochenes, meint, das zarte Mädchen, zu Doktor Grau gehörig, drücke seine Sorge und Verzweiflung aus und vergehe vor Angst um ihn, ihren Herren!
A – N-A-- K o...
fleht Alice die Schlange an. Doch ist sie nur eine Luftschlange. Und nun löst sie sich in Schwaden auf.
Der Diener hat die Tür geschlossen.
Nebel draußen vorm Fenster, aufsteigend aus den dunklen Wiesen vor Doktor Graus Haus.
Eva Wal
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4. Episode
Morgen im Spätherbst
A-na-kon-da

Geschrieben 2013 und 14, überarbeitet, herausgegeben
und illustriert von der Autorin im August 2017
Alice tritt vor die Tür und lauscht. Der Himmel ist grau, die Wolken hängen tief; ein Katzenfell, flauschig, aber kühl.
Der schwarze Kater ist schon seit einiger Zeit verschwunden. Wochen? Tage? Stunden?
Alice ist die Zeit wieder einmal entglitten. Sie hat sich aufgerippelt und um sie geschlungen wie der lange Faden eines Jäckchens, das nur aus einem einzigen Faden gehäkelt wurde.
Alice ist es, als habe sie lange Herbststunden in Doktor Graus Haus gesessen und gehäkelt, während sich draußen das Laub verfärbte, die Kastanien rund und braun wurden und mit lautem Klacken von ihren Bäumen fielen. Sie hat an ihrer Zeitjacke gewerkelt.
Nun tippelt sie im Freien herum; ist aus der Tür getreten nach langer Zeit. Dort, wo die Blätter nicht zu braun-gelb-roten Haufen zusammengerecht wurden, bedecken sie den Boden mit einer glitschignassen Schicht.
Die Luft strömt um Alice in einer festen, klaren Bewegung. Eine Luft mit Muskeln. Eine Schlange. Groß und muskulös legt sie sich um Alices Schultern.
Alice atmet laut. Ein verspäteter Schmetterling wird durch die Luft getragen, schlägt mit rotsilbrigen Flügeln.
Alice schnauft. Die Luft ist kalt.
Doktor Grau ist tot, wünscht sich Alice.
Sie weiß nicht mehr, sie hat vergessen, was sie so gegen ihn aufbringt. In dem Moment, in dem es ihr gelungen ist, die schwere Tür aus massivem Holz mit einer mächtigen Türklinke aus Messing zu öffnen - die Klinke herunterzudrücken, die in sehr ungeeigneter Höhe für Kraftausübung durch eine zarte Mädchenhand angebracht ist, und die Tür mit aller Kraft nach vorne zu dabei wegzudrücken - in diesem Moment hört sie sich mit einem gewaltigen Brausen im Kopf denken: Möge er sterben, jetzt, sofort!
Alice sehnlichster Wunsch schwillt an zu Schlangenstärke.
Inmitten des Wunsches tönt ein Rauschen, ja Musik, wie von tausend Pfeilen. Schlangengift in den Pfeilspitzen. Die Luftschlange aber ist eine Würgeschlange.
Alice bewegt ihre schmalen Schultern. Zarte Knochen, knarzend wie Schiffsplanken. Alice in ihren Gedanken auf hoher, schäumender See.
Auf ihren Schultern hebt und senkt sich die große Schlange Luft.
Alice flüstert: Schschschhhhh...
Ich fühle mich wohl im Haus, und die Katze hat Telleraugen
So etwas dichtete Alice in den frühen Morgenstunden.
Der Schmetterling schlägt mit betäubten Schwindelflügeln, silberrotsilbern im Nebelgrau
Undsoweiter.
Tigerregen,
klangvoller Stillregen
Das Haus Grau ist groß und ungemütlich
Es kann ewig so weitergehen mit ihrer Dichtkunst.
Doktor Grau hat irgendeine fiese, scheußliche Krankheit erwischt. Alice hört ihn husten durch die offen gebliebene Tür, da drinnen im dunklen Haus.
Meine Zähne knirschen, mein Kiefer: Ich bin ein großes Tier
Alices Dichtkunst versus Doktor Graus Existenz. Wie konnte er, der Pillendoktor, nur krank werden - so krank?
Doktor Graus Pillen kaputt.
A-na-kon-da,
stottert Alice, als würde sie diese Lautfolgen das erste Mal sprechen.
Ana- kon- da
An- akond- a
--- egal. Satzzeichen versus Lebenszeichen.
Doktor Grau, stirbt er?
Alice steckt den Zeigefinger ihrer linken Hand in Doktor Graus Bauch. Er sinkt ein wie in Torf. Ekel steigt darauf in Alice hoch, der Torf Grau stinkt faulig.
Alice lacht über ihre Phantasien.
Aaaa – na -kooon – da,
keucht sie in die Luft.
Durch die offene Tür wälzt sich nun die Würgeschlange hinein ins Haus. Sie schiebt sich in die Türöffnung und drückt die schwere Tür weit auf mit ihrer Masse, ihrem gewaltigen Gewicht nur aus Luft.
Gefahr! Gefahr für Doktor Grau, der ohnehin schon krank danieder liegt und sich nicht rühren kann.
Doktor Grau liegt auf dem roten Ledersofa seines Wohnzimmers in der luxuriösen Jugendstilvilla. Er hat Schaum vorm Mund.
Alice hebt an zu einem lyrischen Vogelgesang. Ihre Vogelstimme schwillt an und steigt auf. Perlmuttfarbene Wölkchen schweben über ihr. Alices Gesang ist eindringlich, doch ihre Worte bleiben unverständlich, verschluckt vom Kehlklang.
Alles ist... doktorgrau.
Der Kater ist immer noch abwesend.
Doktor Grau röchelt auf seinem roten Ledersofa. Alices Hirn spuckt blutige Bilder. Rauchende, fauchende Visionen nehmen Besitz von ihrem Geist. Ein seltsames Kauderwelsch entgleitet ihr, fällt aus ihrem Mund, während die Schlange sich über das schwarzweiße Schachbrettmuster des Marmorbodens vorarbeitet zu Doktor Graus Sofa. Der erschöpfte Doktor ist nicht mehr bei Sinnen; er ist ohnmächtig geworden. Ein Diener, ein Helfer, ein Arzt wird kommen und auch nicht wissen, was zu tun ist.
Doktoooor,
erklingt es aus einer Kehle mit Hall, und es kann ja nur Alice sein.
Das Mädchen ballt nun die Fäuste, drückt und presst sie gegeneinander. Ihre Haut scheint hell zu strahlen, titanweiß.
Sie wünscht den Tod herbei, den grausamen Tod für den Tyrannen, der sie gefangen hält!
Fast, fast hat sie es geschafft!
Doktor Grau bäumt sich auf, Schaum quillt aus seinen Mundwinkeln, kleckert auf das rote Leder. Kotze pladdert auf den kostbaren, persischen Teppich unter dem teuren Sofa. Alice hört angespannt zu.
Nein! All das Gift raus! Nein!, empört, ja entsetzt sich Alice, und der Diener, der plötzlich da ist und Silberkelche aufstellt für Doktor Graus schaumiges Erbrochenes, meint, das zarte Mädchen, zu Doktor Grau gehörig, drücke seine Sorge und Verzweiflung aus und vergehe vor Angst um ihn, ihren Herren!
A – N-A-- K o...
fleht Alice die Schlange an. Doch ist sie nur eine Luftschlange. Und nun löst sie sich in Schwaden auf.
Der Diener hat die Tür geschlossen.
Nebel draußen vorm Fenster, aufsteigend aus den dunklen Wiesen vor Doktor Graus Haus.
Eva Wal
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