nah, mein neues Buch "Zum Greifen fern" unter dem Namen Maria Valewa. Erste Exemplare sind gebunden und schon an die ersten bibliophilen Freund*innen meiner Dicht/Kunst ausgeliefert.
Zum
Greifen fern, Gedichte 2020-21
128 Seiten, darunter 15 Farb-Bilderseiten
Handbuchbinderische
Verarbeitung:Steifbroschur,
Titelprägung, Ausstanzung im
Buchdeckel, kaschierte
Pappe, Leinenfälzel, Leseband
Wertige Papiere in creme für
Text und weiß für Bilder
Buchbinderin: Miriam Kleiner,
www.kleinergleichpapier.de
Druck: Alf Germanus Grafische
Erzeugnisse
Anläßlich unserer Auftakt-Ausstellung in Königswinter lese ichzur Eröffnung am 1. Mai, 12:30h mit Bildprojektionen und Musik.
Musikalische Lyriklesung am Sonntag, 5. Juni um 15 h,
Eva Wal (Maria Valewa) mit Sigune Schnabel und Max Kreide:
3x Lyrik, Stimme und Klang
Sigune Schnabel, Lyrik und Harfe; Max Kreide, E-Piano und Lyrik;
Jedes Jahr ist es ein besonderer Moment, wenn die Kamelie im März aufblüht. Seit kurzem scharren und picken auch zwei Hühner im Garten. Sie sind gute Gesellschaft, und jeden Morgen schenken sie mir ein wunderschön geformtes, kalkiges Gebilde mit Eiweiß und einem Eigelb darin. Sie piepen und fiepen, sind scheu und zutraulich. So anders geartet als die beiden Hähne, die Krieg führen mussten untereinander und ihre Kämpfe nicht einstellen konnten.
Das ist ihre Natur. Tiere sind unschuldig. Doch sollte unsere vernunftbegabte menschliche Natur nicht gerade dazu in der Lage sein, Krieg und zerstörerischen Wahnsinn zu überwinden und ihm Einhalt zu gebieten?
What a piece of work is man, läßt sich mit Shakespeare ewig fragen, wundern und ausrufen.
How noble in reason, how infinite in faculty!
In form and moving how express and admirable!
In action how like an Angel!
In apprehension like a god!
The beauty of the world!
The paragon of animals!
And yet to me, what is the quintessence of dust?
Nach drei Wochen schon sind wir gewöhnt an die Anwesenheit des Krieges auf unserem Kontinent. Alles ist einen kalten Schreckensschatten getaucht. Jetzt erst beginne ich zu realisieren, eine Ahnung zu entwickeln, was Krieg und das Wort „überziehen“ (mit Krieg) meint. Der Überzug geht nicht mehr weg. Die Folgen sind ein Feuer, das nicht stoppt.
So ist unser Frühling, in dem Hühner Hühner und Vögel Vögel sind, wo die Kamelie wieder zartrosa aufblüht, die Wolken ziehen, sich ballen, ausfransen, sich auflösen und wieder sammeln und wo der Mond sich rundet, um wieder abzunehmen, zu schrumpfen, sich allmählich zur Sichel zu krümmen, ein Kriegsfrühling.
Ich wünschte, ich könnte den Frühling genießen, das Leben, wie es ist, und es scheint gerade jetzt mild und freundlich hinter dem sirupartigen Schatten zu liegen wie ein sanftes Fell aus Laubwald.
Doch der Schatten, ein Ungeheuer mit schweren Füßen in noch schwereren Stiefeln, stampfte von all den Kontinenten, wo er so lange schon heimisch wütete, herüber zu uns. Er winkt mit Bildern. Die Bilder explodieren.
Aus dem zerstörerischen Beschuss steigt das Land Ukraine ins Bewusstsein: Atomkraftwerke, Celan, Maidan. Menschen. Männer an der Front, Frauen und Kinder auf der Flucht.
Was ist nah, was fern, wenn alles in Pixeln stattfindet?
Hier sind die wohlgeformten Eier am Morgen, die Kamelie, der blaue Himmel, Regen, Geigenmusik. Und dieses Gedicht von Tomas Tranströmer berührt mich genau in dieser Zeit:
Kriegsfrühling, Buntstift, Wachs, Aquarell, 30 x 43 cm
Gouache und schwarze Tusche auf Leinwand, 140 x 300 cm, 2022
Arbeitstitel dieses Bildes war "Sakrale Dystopie", denn zu dieser Zeit, im Januar und Februar, jedoch vor dem 24. Februar, als Russland die Ukraine überfiel, um sie mit Krieg zu überziehen, fand ich mich in der Welt recht isoliert und unverwurzelt. Erstaunlicherweise arbeitet sich in meinen Bildern, auch wenn sie aus recht negativen Gefühlen entstehen, immer etwas Lebensbejahendes und Vitales hervor, das alles Traurige und Trostlose zu integrieren vermag. Meine Arbeitsweise ist rein intuitiv, ich plane meine Bilder nicht, sondern lasse sie wachsen und folge dem, was ich bei der Betrachtung eines jeden Stadiums visualisiere. Wegweiser dabei sind die Farben. Habe ich die Farbe, dann fügt sich alles.
Wieder zeigte sich mein verstorbener Kater, dessen Umriss ich auf einem Blatt Papier abzeichnete, bevor wir ihn im Garten begruben. Jetzt finden schon ein paar farnige, fingrige Ranken in die himmelblaue Blase, in der er schwimmt. Das erfüllt mich mit Trost.
So suchte ich nach einem neuen Titel, denn das Bild war keine Dystopie mehr.
Das Bild wurde am 25. Februar fertig, also, als wir gerade in völligem Schock über die Ereignisse in Europa seit der Nacht auf den 24. Februar standen. Die Dystopie ist plötzlich eine Realität geworden. Ist eine Ahnung im Bild enthalten?
Spüren wir manchmal ganz irrational ein Beben, bevor etwas Schicksalshaftes geschieht?
Seit dem 24. Februar vergeht kein Tag, vergeht keine Stunde und kein Moment, an dem sich nicht über jedes friedliche, heile Bild ein Bild der Zerstörung und des Schreckens legt. Eine Brücke zwischen zwei Ufern, darüber das Bild einer bombardierten, eingerissenen Brücke ein paar hundert Kilometer von hier. Ein gesunder, mächtiger Baum, ob klein oder groß, der wieder ausschlägt, seine Natur dem Frühling entgegenreckt; davor drängt sich wie eine Schwade das Bild eines gespaltenen, verkohlten Baumes inmitten brennenden Schutts. Hier: Menschen unter blauem Himmel, Gesprächsfetzen aus einem Allerweltsalltag und darüber das Leid, die Tränen, die Angst oder der gewaltsame Tod, der das Leben so vieler Menschen zerstört.
Nicht, dass es nicht dauernd Krieg gäbe und wir vom Hin- und Wegsehen nicht ganz schwindlig wären.
Doch auf einmal sind wir in fast direkter Nachbarschaft, der Schrecken greift um so heftiger zu und bläst uns an. Niemand kann mehr wegschauen und unberührt bleiben!
Mit einem Mal sind alle unsere Probleme Luxusprobleme; doch waren sie das nicht schon vorher?
Eine Ohrfeige des Erwachens in einem Weltenwahnsinn, einem Alptraum.
Jenseits von Luxusproblemen bleiben die großen Themen der Menschheit, und diese sah ich nun in meinem Bild: Glaube, Liebe, Hoffnung. Ich entschied mich für diesen Titel nach der Tragödie Ödön von Horváths mit Untertitel „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“.
Während in Horváths Stück die Protagonistin Elisabeth Glaube, Liebe und Hoffnung verliert und zugrunde geht, bleibt das Bibelzitat aus einem Paulusbrief:
„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die Größte unter ihnen.“
Im Kunst-Kultur-Literatur Magazin, #kkl, erschien eine Veröffentlichung meines Gedichts "Dämmerung" sowie das Bild "Das große Geschehen", auch: "Rolfs Tod" oder "Father's Death".
Darauf lud mich der Redakteur Jens Faber-Neuling zu einem sehr angeregten Gespräch ein.
Im Nachgang (und auch schon während der vorausgehenden Gedanken dazu) fiel mir noch so viel Ergänzendes ein, dass ich es hier in einigen Kommentaren skizziert hinzufügen möchte.
Hier das Gespräch:
Kommentare/ Zusätze, nicht chronologisch,
sondern in eigenem Zusammenhang
Des Pudels Kern
Kindheit: Ich erzähle von meinem frühen Kinoerlebnis: "Faust" im Meersburger Kino. Meine Mutter und ich waren die einzigen Gäste in einem Kino, in dem ansonsten nur Grusel und Trash lief. Ich war tief beeindruckt, obwohl ich, noch nicht einmal zehnjährig, "nichts verstand".
Was ich verstand, war, dass die Sprache Goethes sich mit dem Klang der gesprochenen Sprache, Mimik und Körpersprache des Mephisto, gespielt von Gustav Gründgens und Faust, gespielt von Will Quadflieg, verband. Dieser Dreiklang ist nicht zu trennen, es ist ganzheitliches Sprach-Erleben.
In meinen Poesie-Performances habe ich dies später in meine eigene künstlerischer Sprache umgesetzt. Siehe Ende dieses Postings.
Paul Celan wurde mein erster, selbst entdeckter Dichter, den ich lange verehrte wie einen Heiligen.
Das Gedicht "Was geschah" eignete ich mir in meinen ersten Performances an. Ich lief barfuß über brennende Kerzen, die im Kreis um mich standen. Aus einem schwarzen, konischen Filzhut kam das Gedicht im O-Ton, gesprochen von Celan:
Was geschah? Der Stein trat aus dem Berge. Wer erwachte? Du und ich. Sprache, Sprache. Mit-Stern. Neben-Erde. Ärmer. Offen. Heimatlich.
Wohin gings? Gen Unverklungen. Mit dem Stein gings, mit uns zwein. Herz und Herz. Zu schwer befunden. Schwerer werden. Leichter sein.
Performance-Festival in der Orgelfabrik Karlsruhe, 2000
ArToll Kunstlabor, Rheinische Kliniken Bedburg Hau, 2001
"Kunst 77 bis zum Abriss", Bonn, 2006,
Performance mit Matthias Nahmmacher, Flöte,
Foto: Bernd Zöllner
Vor Celan, der im oben aufgezeichneten Gespräch mit Jens Faber-Neuling nicht vorkommt, nenne ich einige Dichter, die ich in meiner Kindheit vorgelesen bekam wie zum Beispiel Matthias Claudius. Da meine Familie aus Norddeutschland kam, genauer aus Hamburg, wuchs ich selbstverständlich mit Herrn von Ribbecks Birnbaum im Havelland auf. Meine gesamte Schulzeit aber verbrachte ich in Süddeutschland, in Meersburg am Bodensee, und so lernte ich auch den Knaben im Moor von Annette Droste-Hülshoffkennen. Dieser geographische Zufall vermittelte mir, dass auch Frauen als Dichterinnen berühmt werden können. Doch warum war sie eine Ausnahme?
So entstand ein Bewusstsein, das sich entwickelte und zur Grundlage für feministisches Denken wurde. Ebenso ermutigte es mich, an mein künstlerisches Potenzial zu glauben. Die Droste, mein erstes "role model", mein erstes Vorbild!
Noch drei Zitate zum Gespräch mit Jens Faber-Neuling.
Zum Thema des Zusammenhängens aller mit allem, dem Spüren von "Schicksalshaftigkeit" auf einem Waldspaziergang, zur Notwendigkeit, die Stimme zu erheben, etwas zu tun; dagegen das Gefühl der Machtlosigkeit, der Ohnmacht und der Gleichgültigkeit; dazu sagt Albert Schweitzer:
Bei der Schlafkrankheit der Seele besteht die Hauptgefahr, dass
man sie (ebenfalls) nicht kommen fühlt. Wenn ihr die geringste
Gleichgültigkeit an Euch merkt oder gewahr werdet, wie in Euch der
Ernst, die Sehnsucht, die Begeisterungsfähigkeit abnimmt, dann müsst ihr
wissen, dass die Schlafkrankheit der Seele im Anzug ist.
Zurück zu Celan.
Für wen schreiben wir?
Wen wollen wir erreichen - wie und wo?
Das Gedicht kann eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht.
Paul Celan
Wer und was hat uns erreicht, unser Herzland?
Last not least, zum Schreiben und Dichten:
Das Schreiben, so Frederike Mayröcker, sei eine Disposition. Das empfinde ich auch so. Man/ frau kann nicht anders, als das Erlebte, sei es äußerlich noch so banal und unbedeutend, das, was einen bewegt, in Geschriebenes zu transformieren, ersteinmal ungeachtet der literarischen Qualität.
Das Gedicht ist dabei eine besondere Form, ein Extrakt, eine Perle, ein Kondensat, ein "Parfum".
Alles andere, der "Rest", ist für mich jedoch nicht wertlos.
Ich liebe das Fragment. Ich schöpfe aus der Fülle meiner angesammelten Fragmente, und immer mehr finde ich Gefallen und Freude daran, Geschriebenes fragmentarisch belassen zu können.
Ein Fragmentariker, den ich hier wärmstens empfehlen möchte, ist Hans Jürgen von der Wense.
Eine echte Entdeckung - vielleicht auch für Dich oder für Sie!
... ich erlebe in der kunst niemals das produkt, sondern einzig das phänomen! Sie ist nur Eine welle im weltenmeer, Eine linie und riege im spiele des lebens. Wir sind verschlungen in der wahnsinnsphantasie. Alles ist mitte: licht, das alles werden kann, weil es alles schon war. Wozu wir leben? Um anzubeten - mit dem herzen zu denken.
12. August 1955
aus: Hans Jürgen von der Wense, documenta Wanderungen, blauwerke, Berlin 2015.
Poesie-Performances aus meinem Archiv
"Erde", Gedichtvortrag als Performance, Kult 41, 2005
Foto: Ralf Schuhmann
"Schneegefühl", Performance meiner Gedichte
aus der gleichnamigen Edition,
Theaternacht 2008,
KunstWerk Köln-Deutz,
zusammen mit Angelica Schubert mit Berimbao und Obertongesang
Fotos: Oliver Kerth
So weich sind meine Kissen
So zart sind meine Träume
Ich glänze dunkel
Meine Augen sind nussbraun
Schneegefühl und Flussrauschen
Sämige Fäden im Morgengras
Schaum an den Blütenkronen
Wir lieben uns in einem hohen Baum
unter einer roten Sonne
Sprache, Klang, Schrift, Körper, Inszenierung
kommen zusammen.
Auf meinem alten Blog finden sich noch viele dieser Gedicht-Performances, Installationen oder Konzerte:
Titelprägung, Ausstanzung im
Buchdeckel, kaschierte
Pappe, Leinenfälzel, Leseband
Wertige Papiere in creme für
Text und weiß für Bilder
Buchbinderin: Miriam Kleiner,
www.kleinergleichpapier.de
Druck: Alf Germanus Grafische
Erzeugnisse,
www.agermanus
Preis: 44,- EU inkl. Mwst
Bestellungen unter: evawal (a) gmx.net,
Betreff: Bestellung Maria Valewa
In Maria Valewas Lyrik findet sich oft noch die
Einheit von Mensch und Natur, Ich und Umwelt, die dem kindlichen Empfinden
nahekommt, aber später im Erwachsenenalter verloren geht. Valewa erschafft
einen Raum, in dem alles ineinanderfließt und eine traumartige, zuweilen auch
mystische Atmosphäre herrscht. Diese Grenzdurchbrechung ist kennzeichnend für
ihr Werk.
Dass die Autorin unter dem Klarnamen Eva Wal auch
als bildende Künstlerin in Erscheinung tritt, lässt sich an der Plastizität und
dem Bildreichtum, nicht zuletzt dem Spiel mit den Farben, unschwer erahnen.
Ergänzt wird der Band durch Malerei, die dem Leser viel Raum lässt und
gleichzeitig mit den Gedichten in einen Dialog tritt.