Mittwoch, 4. März 2026

Kafka, Walser, Wal

 

Gerade ist der Mond hinter dem Hügel gesunken, der volle, der magische Mond. Ich wache auf um vier Uhr von schweren, kreisenden Gedanken, die sich wie ein Strudel Kiesel in die Tiefe drehen. Die Tiefe des Waldes etwa. Der Wald ist ein Schatten, eine Unterwelt.


Gestern Abend, als ich telefonierte, meinen Gesprächspartner und mich aus dem Kopfhörer hörte, nahm ich das Fernglas und schaute auf die mir gegenüberliegende Wand aus Wald; vor ihr stiegen Mückenschwärme auf und ab, schwebten wie Plankton, bildeten Schwärme, Blüten, einen losen Pollentanz, auf und ab, und die Mücken leuchteten, trugen Sonne wie ein Fieber, ein Waldfieber, und der Wald, diese Wand, war wie eine Kulisse, dicht gebaut, Baum an Baum; aber in Wirklichkeit gewachsen, nicht aufgestellt, ein jeder Baum für sich allein. Der Wald ist begehbar, scheint von hier aus undurchdringlich, aber sobald man ihn anschaut, tut er sich auf: Öffnungen, aus denen Grün leuchtet in horizontalen, fragmentierten Streifen von Wiese, Lichtungen und Laub, welche das vertikale Raster der Baumstrukturen unterbrechen. Und überall schwebt etwas dazwischen wie in einem Ozean.


Jetzt hat der Mond meine Gedanken mitgenommen, hat sie angesaugt wie ein Magnet, rund wie das Licht einer riesigen Taschenlampe, man sagt Leuchtkörper oder Lichtquelle; die Mücken trudeln zum Licht, werden verschluckt vom Mond und verschmelzen zu einem magischen Brei, der ist jetzt hinter dem Hügel verschwunden.


Und nun, befreit, denke ich frischer, wie müde ich auch bin, denke ich: das Leben hat einen Rahmen, eine Form, findet statt in Systemen, es kann das System wechseln (wenn auch nicht so ohne weiteres), die Form verändern, den Rahmen - was tut es schon zur Sache.

So melden sich die ersten Vögel mit einzelnem Schnalzen und Schnarren vor dem Rauschen des unsichtbaren Baches, der alles durchzieht wie eine Lebensader, ewig geschäftig, Tag und Nacht, kein Klang, sondern Geräusch, eine Frequenz für meine Gedanken – das Leben war schon immer da, hier, dort, es treibt, es rauscht. Es gab schon solche wie dich, denke ich, die verzweifelt waren, weil sie nicht passten und kämpften, um ihr Leben schrieben und dann verglühten – wie ich, die ich nicht berühmt bin, wie andere, die auch in dieser Frequenz aufgehen, -gingen, -gehen werden: Kafka, Walser, Wal, was tut es schon zur Sache.


Es beruhigt mich, dass das Leben vergeht, Gedanken verglühen, Mücken aufsteigen, taumelnd verglühen und der Wald, der dichte, undurchdringliche Wald sich öffnet – denn ich sehe und rieche Liebe darin; Liebe, die das Leben enthält und den Tod, und so gehe ich hinein.

 

Todtmoos, Schwarzwald, 9. August 2025, 5:20 am

 

Hove, Bergisches Land, Februar 2026 

 


























VG Bild, Eva Wal