Dienstag, 5. Februar 2019

Madame Hiver

Madame Hiver à Sanary


Heute führt sie Schoßhündchen mit Häkeldecken aus, fünf oder mehr an der Leine. Ihr grüngelbes Haar fällt in sanften Wogen und struppigen Strähnen unter der Wollmütze hervor.
Die weichen Mimosen leuchten im klarsten Gelb, der Rosmarin trägt zarte, blaue Blüten zwischen seinen Nadelbüscheln. Ihr helles Gesicht wirkt etwas müde und erschöpft, doch ihre lächelnden Augen verströmen Übermut und Wonne. Wie aus Versehen steigt rose in ihre Wangen und verleiht ihnen Frische. Oben auf ihrer Mütze wippt eine Kunstschnee-Kugel. Eissterne haften an ihren Wimpern und Augenbrauen. Sie zucken, leuchten, blinken. Madame Hiver ist zur Hälfte Kunst, zur Hälfte Natur. Sie ist ein unterkühlter Sommer, glacial, sagen manche, für andere ist sie die geheime Königin der Jahreszeiten. Hier, an der blausten aller Küsten gehen die Geschwister Jahreszeiten Hand in Hand. Freundlich lassen sie einander los, wenn es Zeit ist, zu kommen oder zu gehen.

Madame Hivers Atem ist ein Klima für Orangen, Zitronen, Blumen und Blüten. Manche danken ihr die Kühle, die Milde, die sanft wärmende Liebe, die dem Sommer entgegengesetzt ist. Um ihn, den Bruder Été, dreht sich heutzutage alles. Sexhungrig und selbstsüchtig ist er, doch er liebt sie und sie liebt ihn. Été-Hiver, Hiver-Été, sind wie Yin und Yang, zwei Prinzipien des Wetters, der Welt. Ebenso Schwesterchen und Brüderchen Printemps-Automne, Automne-Printemps, die Ankunft und Abschied ihres Geschwisterpaars feiern. Sie sind die Favoriten des Küstenvolks, das nun ein Wintervolk ist, herausgeputzt wie immer, doch heute wird weniger Fleisch und sonnengebräunte Haut gezeigt, sondern Fellmäntel, Flausch, Plüsch und Puschel, Schals und Jacken mit Kapuzen und Pelzbesatz. Unter Kunst versteht man Kunstfell oder Glitzer-Arrangements.
Nach Einbruch der Dunkelheit funkelt sogar der Kirchturm in einem Lichterketten-negligé, gelbweiß und blauviolett.
Schnee ist eine Utopie, eine Illusion in Plastik. Doch Madame Hiver hat eine exklusiv weiße, weiche Kaninchenfellhaut, und über diesem natürlichen Flausch hängen in Büscheln die seidigen, gelb leuchtenden Mimosen und grüne Rosmarinnadeln, übersät von blauer Januar-Blüte. Mimosenparfum schwebt um Madame Hiver. Der  Duft des öligen Rosmarins aber tritt nur aus, wenn man ihn zwischen seinen Fingern oder den Zähnen zerreibt. Er braucht Reibung wie die Liebe.

Madame Hivers Amt ist dasselbe wie das ihrer Geschwister, Sommer, Herbst und Frühling. Der Betrieb in dem kleinen Küstenorten geht immer weiter, dreht sich um sich selbst, immer à la rond, im Kreis herum. An jeder Promenade steht ein Karussell. Sommers wie winters dreht es sich mit denselben Figuren, Esel, Pferd, Tiger, Panther, Löwe, Motorrad, Heißluft-Ballon und Taucherglocke zur selben quäkenden, orgelnden Musik. Auch das Eis wird das ganze Jahr zum selben Preis verkauft. Eine Kugel Erdbeer, Vanille, Schokolade, Veilchen oder Karamell für zwei Euro fünfzig. Nur wenige Läden sind geschlossen, viele Appartements stehen leer. Die Hotels haben die stolzen Preise ein wenig herabgesenkt. Die Parkplätze und Strände sind halb verlassen. Das Meer ist kalt. Wenige Menschen in Surfer-Anzügen sind als dunkle Bojen im Wasser zu erkennen neben weißen Segeln, die dann und wann vorüberziehen.
In der aufdringlichen, unausweichlichen Nötigung der Sommerhitze ist das nasse Element erfischend kühl und lädt die Menschen ein. Sie kommen in Scharen. Den Sommer lieben sie hier, weil sie ihm im Meer entkommen können.
Nur die Kränkelnden kommen noch viel lieber in Madame Hivers Schoß, wo sie härteren Wintern mit Schnee und Eis entfliehen. Sie kosten die herben und lieblichen Gerüche, liebkosen die lichte Gestalt und umarmen ihre Natur.

Sie kehrt wieder aus ihrem Element in ihrem Rhythmus, steigt aus dem gelassenen Wasserspiegel mit gelegentlichem Missmut, einer wolkigen, verhangenen Laune und manchmal einer kleinen Wut.
Meiner Liebe und Treue kann sie gewiß sein. Ich brauche dabei kein falsches Fell, keinen Plüsch und Glitzer und schon gar keine Schoßhunde.
Ich halte Hivers Haar zwischen meinen Fingerspitzen. Zerreibe eine Spitze und sauge den Duft von Rosmarin ein. In meinen Augen blüht ein hellblauer Stern. Das Meer liegt vor mir ausgebreitet, blau, weit und weich wie ein sanft glänzendes Fell.



Sanary-sur-Mer, Côte d'Azur  




Sonntag, 20. Januar 2019

Café Blau

Jubiläum im Café Blau

Leise und beständig rieselt Kunstschnee über den Plastiktannenbaum in der Plexiglaskiste auf der Theke. Zwei kleine, rote Kugeln blinken synchron mit dem gelben Stern auf der Spitze. Von komplementärfarbenen LED-Strahlen beschossen glänzen blaue Hirsche aufgereiht im Regal dahinter. Auf meiner Trinkschale kringelt sich Sprühsahne, eine weiße Python.
Familienurlaub mit kleinen Kindern, am Brunch-Tisch neben mir erzählt man sich von kleinen Abenteuern im Schnee.
Ich halte meine Trinkschale in beiden Händen. Auch in diesem Café wird der Kakao nur mit Wasser gekocht. Dafür wurde reichlich Kakaopulver hinein geschüttet, hat sich aufgelöst unter der Sprühsahne, die ich schon weggelöffelt habe. Zart wie Schneeflaum zerging sie auf meiner Zunge und schmeckte nach nichts, hinterließ einen leichten, fettigen Belag. Kein Geschmack, aber Schneegefühl im Mund.
Ich löffele, rühre und schlürfe das dunkel gefärbte, gerade noch warme Wasser mit trüben Schneeresten auf der Oberfläche. Das bißchen Zucker macht mich zufrieden, das Geschrei eines Kindes am Nebentisch wird sicherlich gleich aufhören. Ich halte die Zufriedenheit an wie Luft. Betrachte den Kakaorest an der Innenwand der Schale.
Ein Muster wie von Erd- und Gesteinsschichten, mit kleinen, braunen Klumpen versehen wie Felsbrocken oder Krater. Meine Gedanken reisen in die Rocky Mountains, doch das Sologeschrei ist nun ein Duett und richtig laut.
Die Phantasiereise und Zuckerzufriedenheit anzuhalten wird zur mentalen Übung - was kommt schon gegen Kinderschreien an? Gebt ihnen Zucker, Sahne und Glitzer!
Ich zähle die blauen Hirsche und es sind zwei mal zehn auf zwei weiß lackierten Regalbrettern untereinander. Aufmerksam zur Seite gerichtet stehen sie auf Silbergirlanden zum Sprung bereit, gleich, jetzt, jeden Moment. Zwanzig blau strahlende Hirsche springen durch die 0, den Papierreif der goldenen Zwanzig, die schräg über ihnen von der Decke hängt.
Nach Ablauf des Jubiläumsjahres wird die 0 verschwunden sein, also springt, Hirsche, springt! Eure Zeit ist endlich wie die des Schnees und der Sahne-Python, des Kindergeschreis und der Zuckerzufriedenheit.
Nächstes Jahr ist 2020. Ich wünsche mir zwanzig springende Fische und zwanzig tauchende Eisbären im Café Blau.


Dienstag, 1. Januar 2019

Dienstag, 25. Dezember 2018

Samstag, 22. Dezember 2018

Dorf im Schnee


Winteredition
  "Dorf im Schnee"
Linolschnitt, mehrfarbig, in verlorener Form
Auflage 20, 22 x 30 cm auf 31 x 43 cm




 



(c) Eva Wal, VG Bild


Dienstag, 4. Dezember 2018

The Wind Knows






The Wind Knows

Poem about a Poem

for a boy


In the morning
just before raven
wipe their eyes with
the tips of their wings
and a rainbow stretches
from the green horizon
towards your window -

dreams tiptoe away
a poem unfolds under
your bed, creeps out
and asks: may I reveal myself?

A daydreaming poem
a poem about friendship and
cats, for example, about bright
things and the dark
about ghosts in the chimney,
the poem whispers

A poem made of voices outside
of your window, swaying over the field
whistling, piping, rattling
where the rainbow has just faded away

You hear laughter and sobs
the poem wants to tell about longing
and joy and hope and everything that is
important and cannot be said in sentences
with words put together like a puzzle into
a picture that everyone understands
By the way, no picture is understood
by anyone in the same way

So the poem crawls back under your bed
while you go to have breakfast

The poem will never be written
only you know the words and the voices

that you will share with the wind.



Written on the ferry from Dover to Calais, 29. October 2018




(c) Eva Wal, VG Bild


 

Samstag, 17. November 2018

Poetry @ the Pitt


Reading & Performance on the balcony of the Pitt Rivers Museum, Oxford, featuring Oxford Stanza 2 & "Dada war alles gut", Germany, Bonn, on Interpid Women, Maria A. Czaplicka & Makereti Papakura, October 27th 2018








Poetry @ Oxford

Travel-Diary

on a spedizija poetica
 
 "Dada war alles gut" in Oxford

20. - 29. October 2018









Welcome Party at Bill and Sandy Jenkinsons' place, Southfield Road, Oxford

Dada war alles gut meets Oxford Stanza 2

22nd October






Reception in the Town Hall
Lord Mayor Colin Cook

23rd October







 Reading at the Old Fire Station

Dada war alles gut 
Backroom Poets
Oxford Stanza 2
The Oxford Concert Party

Poetry in a Bottle
Messages to the Outside World

Friday, 26th October




Bill Jenkinson and Eva Wal
Nelly Neukirchen
Arne Richard and Isabel Knowland
Pat Winslow
Elisabeth Sofia Schlief
Andrew Dixon
Heike Keßler
Diana Bell

Sarah Watkinson
Kathleen McPhilemy
Sharon D. Cohagan
Robert Palmer

Also reading: Carl Tomlinson, Merryn Williams, Rip Bulkley, Inge Milfull




Two Public Poetry Workshops at the Pitt Rivers Museum

25th October













Pat is an amazing storyteller!


 Reading and Performance on the balcony of the Pitt Rivers Museum
Dada war alles gut
Oxford Stanza 2

on Interpid Women
Maria A. Czaplicka and Makereti Papakura

27th October


Elisabeth Sofia Schlief, Pat Winslow, Nelly Neukirchen, Romola Parish, Heike Keßler, Susan Wood, Bill Jenkinson, Sharon D. Cohagan, Eva Wal, Inge Milfull.

The Sound-Spiral, a composition of Eva Wal, is performed by all reading poets and also by Diana Bell and Lou Hough.

Performing the Sound-Spiral, composition by Eva Wal





Way Home














Fotos: Oliver Kerth und Eva Wal