Mittwoch, 17. März 2021

Märzgedicht


Ich gehe mit Bäumen

Seite an Seite aneinander-
                            geschmiegt

Meine Füße in Lianen
                    krachend durch
                                    den Morgentau

Auf meinem Kopf Kerzen
 ein vieldochtiger Vogel mit
                                brennender Krone

Ich lache und rufe
 weit offen die Fontäne

Der Himmel blau blau blau

Schneebälle
                        fallen

Blütenwolken
                                    schweben

Dunst über der Landestelle
 die mein Bett ist -

Ich aber bin draußen im
 Schneetropfenbad

Splitternackt krabble ich in
 meinen feinen Baum

Mein Kleid mein Heim Brokat

Schneeglöckchen kitzeln Baumsohlen

Ich gehe in meinem Baum

                        wohin

                                                wohin

                                                                        wohin?


Dienstag, 2. März 2021

Was eine Gießkanne mit Freiheit zu tun hat

Es ist März, und die Schneeglöckchen haben sich aus der Erde gewühlt.

Heute war für mich ein richtiger Schneeglöckchen-Badetag, oder ein Snowdrop-, "Schneetropfen" -day.




Wir erwarten den Frühling und hoffen auf das Ende der Pandemie. 

Öffnungen, Freiheiten, Freude, wieder miteinander!

Die ersten Corona-Lockerungen gab es ja bereits.


Die neue Freiheit

Heute höre ich doch auf dem Weg zur Arbeit, früh am Morgen im Radio all die neuen Corona-Lockerungen, zu denen auch die Öffnung von Gartenabteilungen in Baumärkten gehört. Wow!
Auf dem Nachhauseweg entschließe ich mich spontan, beim Baumarkt einzukehren und die neue Freiheit zu nutzen, um eine Gießkanne für den Garten zu kaufen, da meine alte im Frost geplatzt ist.
Haben sie einen Gewerbeschein?, fragt mich die am Eingang positionierte Mitarbeiterin des Baumarkts durch ihre FFP2 Maske hindurch. Nein, antworte ich durch meine FFP2 Maske, fröhlich, denn ich will ja nur in den Gartenbereich, der schon gleich vor mir mit Primeln, Stapeln von Blumenerde und Gartengeräten in allen Farben grüßt. Ja, die gelben, grünen, roten Gießkannen laden nicht weiter als einen Gießkannenwurf von mir entfernt zum Mitnehmen ein. So unkompliziert kann das Leben also wieder sein. All die roten Markierungen auf dem Boden, medizinische Masken vor Mündern und über Nasen nimmt man ja kaum mehr wahr. Heute ist der Frühling da, mit fast 18 Grad, an diesem besonderen Tag Ende Februar. Und wenn meine Gießkanne kaputt ist, gehe ich einfach in den Baumarkt und kaufe eine neue, und dabei kann ich auch gleich noch Blumenerde und Samen mitnehmen, wenn ich will, und jede Menge Frühlingsblumen.
Die Mitarbeiterin des Baumarkts zählt auf, was ich ohne Gewerbeschein im Gartencenter kaufen darf, nämlich Blumenerde, Pflanzen und Samen - aber keine Gartengeräte oder Zubehör.
Ich zeige auf die Plastikkannen, die mich in der Sonne anlachen, doch so ist die neue Verordnung. Gießkannen gibt’s nur mit Gewerbeschein oder online. Das heißt, ich kann die Gießkanne vor mir online bestellen und dann, erklärt mir die nette Dame, dauert es vier bis fünf Stunden, bis ich eine Antwort bekomme und mich in die Autoschlange dort drüben - sie zeigt in die entgegengesetzte Richtung - einreihen darf und warten, bis ich drankomme und ein Mitarbeiter des Baumarkts mir dann die bestellte Ware persönlich ans Auto bringt. Ich sehe die Autoschlange, Blech an Blech schlängelt sie sich glänzend über den Baumarkt-Parkplatz, das Ende nicht mehr in Sichtweite, dann schaue ich wieder in die andere Richtung, hier, direkt hinter den Primeln zu meinen bonbonfarbenen Objekten der Begierde… Doch Politik ist Politik, Verordnung ist Verordnung und zu meinen Grundrechten gehört es nicht, Gießkannen im Baumarkt ohne Gewerbeschein einfach so gegen Bezahlung mitzunehmen.
Nachdem ich eine Weile dastehe, mein Blick wie eine orientierungslose Murmel zwischen Primeln, Gießkannen und Blechschlange hin und her rollt, lache ich los. Ich lache schallend in meine Maske, doch anscheinend schützt sie meine Mitmenschen zwar vor Aerosolen und hoffentlich auch vor Viren, nicht aber vor der Ansteckungsgefahr durch Gelächter. Denn nun lacht auch die Mitarbeiterin des Baumarkts, so dass ihr die Maske ordnungswidrig von der Nase hüpft.
Wir wünschen uns einen schönen Tag. Kurz drauf feiere ich meine Freiheit dann doch noch, zusammen mit meinem Grundrecht auf Speiseeis und, ach, den schönen Frühlingstag am 23. Februar mit drei Kugeln, Salzkaramel, Eierflipp und Zitrone aus der Eisdiele. Einfach so.




Wo ich dieses Prachtexemplar einer Gießkanne dann erworben habe, ganz ohne Waffen- oder Gewerbeschein, bleibt streng geheim.
Erst einmal.




Sonntag, 21. Februar 2021

Geläute


Der Künstler trägt die Zeit nicht, zwischen zwei Deckel gelegt, bei sich an einer Kette; er richtet sich nach dem Zeiger des Universums, weiß darum immer, was die Urkuckucksuhr geschlagen.


Else Lasker-Schüler





In diesen besonderen Zeiten, im Griff eines "Lockdowns", an den wir uns mehr wohl oder mehr übel gewöhnt haben, genießen viele Menschen das Privileg, im Alltag so viel wie noch nie spazierengehen zu können - und tun dies auch. 

Nichts verändert die Zeit. Wir verändern uns in ihr und verändern unsere Umwelt. Die Wahrnehmung, die Empfindung ändern sich, und wir altern. Die Zeit aber fliegt dahin, alterslos durch Rhythmen und Zyklen, den Lauf der Dinge: Tage, Nächte, Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende. Stunden und Sterne, Wolken und Wetter. Das Wachsen und Schmelzen des Mondes, Sterben und Neubeginn. Der Schlag eines Zitronenfalterflügels über einem Grashalm. Wieder Frühling.

Auch ich gehöre zu den Spaziergängerinnen in diesem Januar und Februar, ganz unabhängig von der allgemeinen Situation. Zeit-Gedanken schweben mir zu auf meinen Wegen. Säuselnd durch die Baumstämme hindurch, vom Himmel taumelnd im Schneeflockengewirr. Auf den Wegen liegen sie gefroren, dann tauend. Sie krachen durch die Zweige und rascheln davon wie Eidechsen auf heißen, trockenen Winterplaneten. Da fand ich die Zeit schwindsüchtig, konfus; gesiebt, verstreut, verstrichen. Meinte sie diebisch wie eine Elster auf den Tannenzweigen zu ertappen. Dann strahlte sie gegossen in ein goldenes Geweih am Waldrand, stand und floh ins Dunkel. In Wind und im Wasser rauscht, raunt und gurgelt sie, die zeitlose Zeit, die doch immer fließt, sich erneuert in jedem Tropfen, und nie gleicht ein Tropfen dem nächsten.

Alles fließt, πάντα ῥεῖ, so sagte schon Heraklit: man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, denn der Fluss ist nicht derselbe, und ebenso ist der Mensch niemals derselbe im nächsten Moment ... ein ewiges Werden und Vergehen.






In einem Zettelkasten meines Vaters fand ich gesammelte Zitate, einige über die Zeit, hier zum Beispiel von Gottfried Keller, der er so sieht:



Ob gehend oder stehend, stampfend, rollend oder auf leisen Sohlen,
unsere Zeit wird symbolisch sichtbar durch einen Zeiger, hörbar durch Glockenschläge, und in der Musik gibt ein tickendes Pendel das Zeitmaß, den Takt, an. Innerhalb dieses Gleichmaßes bewegt und fließt die Musik.

In diesen Zeiten mussten wir in vielen Dingen ein paar Gänge zurückschalten, vom Presto oder Allegro zum Andante oder Largo.
Hier entspricht ein Pendelausschlag einer Sekunde: Tick-tack-tick-tack.
Doch was geschieht darinnen, in den Zwischenräumen, den Parallelwelten? 

Hier ein Largo aus meinem Archiv zum Pendel des Universums:




Montag, 25. Januar 2021

Mirror of Language



The picture in a mirror is not an exact effigy of what is reflected. It is always distorted and a bit mysterious. The mirror is a powerful tool, symbol and metaphor. What, if you look out of it? If you decide to even go through the looking glass like Alice did once, it can lead you into a wonderland.
Writing in another language is an adventure, reflecting your mother tongue but transforming your mind with new rhythm and melody.
Since collaborating with Bill Jenkinson and Oxford Stanza 2 in 2017 a process has started of translating and revising English-German or German-English poems. Suddenly I found myself writing poems in English and then translating them into German.
Bill and I will perform our way of collaboration, joggling the mirror of language.
I also will give examples of my practice to connect poetry with visual arts, especially my poems in mirror writing.


 

mirrored mirrorwriting, (c) Eva Wal





Der Mond

Der Mond hängt im Himmel

wie eine fleischfressende Pflanze

Grün, gefräßig und gelb

Ob nur für heute Nacht oder für alle Zeit:

Er ist ein grausam gewaltig zartes Blatt

aus mimosenhaftem Grün

Er hängt da für die Liebe

und sonst nichts.



The Moon 

The moon hangs in the sky

like a carnivorous plant

Green, greedy and yellow

Whether for this night or for all time

It is a daunting, cruel leaf tender

like mimosa

It hangs in the sky for love

nothing else.



Translation: Pat Winslow and Eva Wal



Under The Bell Jar, Hommage to Sylvia Plath


extract

insomnia

blood on my calf/ razor blue carpet/ the sea breathes through diaphanous curtains/ twenty birthday roses electrocuted/ waste paper basket/ your prying/ mother/ is vain/ I have no secrets/ succumbed to shadows/ I wince/ surreptitiously inside my belly/ I race/ downhill/ wind raking through my hair/ snowfall/ contraction of neon/ a pole a point/ I conceit/ I proceed/ sturdy vigilant/ a tunnel/ a light. 


Schlaflos

Blut auf meiner Wade/ rasierklingenblauer Teppich/ das Meer atmet durch Vorhänge/ durchsichtiger Stoff/ zwanzig Rosen zum Geburtstag mit Stromschlag hingerichtet/ Papierkorb/ dein Herumschnüffeln/ Mutter/ ist umsonst/ ich bin den Schatten erlegen/ zucke zusammen/ plötzlich in meinem Bauch/ ein Rennen/ bergab/ der Wind kämmt durch mein Haar/ Schneefall/ Neon-Kontraktion/ ein Pol ein Punkt/ ich begreife/ gehe voran/ beständig wachsam/ ein Tunnel/ ein Licht.


German version, own translation into German.


Three miniatures written after the reading of “The Bell Jar” by Sylvia Plath. They are made of words, expressions and images that got caught in the nets of my memory where they have changed or transformed to a certain extend. I also used words that I had to look up in a dictionary. 






Graphic poems

My graphic poems are some of my own poems written in mirror writing and woven into a texture, a fabric. They are not meant to be read but want to be understood as autonomous creatures, effigies behind the looking glass flying off into another dimension.



Taube
Dove



Was bleibt
What remains



Nacht
Night



Wundermorgen
Wondermorning



Die letzte Menschin
The last human being (female)



Ein Land in Dunkelheit
A land in darkness



Mehr Gedichte als Textgrafiken unter grafiken auf diesem Blog. Bitte runterscrollen.

More graphic poems on this Blog, see: grafiken. Please scroll down.



If you want more: 

poetry video - video poetry

on this Blog: 

https://evawal.blogspot.com/2019/07/judgement-day-video-poem.html

https://evawal.blogspot.com/2019/07/two-swallows-video-poem-from-bulgaria.html

https://evawal.blogspot.com/2019/07/youre-never-alone-in-forest-video-poem.html



Donnerstag, 14. Januar 2021

Cosmo

Cosmo 1, Gouache auf Papier, ca 98 x 76 cm, Januar 2021
 

Cosmo 2, Gouache auf Papier, ca 180 x 99


Montag, 4. Januar 2021

Dämmerung - Dusk and Dawn




Dämmerung

Wenn der Abend fällt
ziehe ich meinen Pelz aus
und bekleide mich mit Federn.

Zur Morgendämmerung entlasse ich mein Nachtvogel-
Kleid und sehe Haar zu Fell wachsen.

Dick wie Filz im Winter,
weit und himmelsblau im Sommer
trage ich mich selbst.

Im Frühling und im Herbst überquere ich
einen Zwischenraum.

Gehe durch Bäume,
über Berge und wandere
unter Flussströmen,

ich morgengraue und abendblaue






Dusk and Dawn

When evening has fallen
I take off my fur
and put my feathers on.

At dawn I let go my nightbird’s
gown and see hair grow to fur again.

Thick as felt in winter,
wide and celestial blue in summer,
I wear myself.

In spring and autumn I cross a passage
in between.

I walk through trees,
over mountains and wander
under river streams,

I dusk and dawn








Dusk and Dawn, auf Englisch geschrieben und dann ins Deutsche übersetzt.

Veröffentlicht bei FLORA FICTION Literary Magazine, Volume 2, Issue 1, Spring 2021 https://florafiction.com/literary-magazine/


Dienstag, 29. Dezember 2020

Farn




Farn


Auf dem Feld: Blätter aus Pappe, Karton und altem Leder.

Erster Raureif, fahles Birkenlaub, Aschefarne.


Ich schreibe nicht mehr, treibe nicht mehr, arbeite.

Die Zeit ein Sieb.


In diesem Jahr ist das Gras hochgewachsen.


Wenn wir Abschied nehmen, wird die Trauer über unser Fehlen

und unsere Täuschungen aufsteigen wie Frühnebel.


Wir rollen uns ein und weinen nicht mehr.


Wir gehen in die Erde, umschlungen wie

Monde mit Lianenarmen.


Wir treten ein und steigen auf.


Eines Tages sind wir Moleküle, Sterne,

Gras, Schädel, Staub.


Sind wir Teil des Meeres und ein Feuer am Himmel.


Heute rolle ich mich ein mit Zacken

auf der Haut, der Winterhaut.






Samstag, 12. Dezember 2020

Frostmond und Morgenvögel




Mond am Morgen. Taucht so nah über der Autobahn auf wie ein Jumbojet kurz vor dem Aufsetzen auf die Landebahn. Klebt wie ein Wahnsinniger im Himmel, prangt, leuchtorange. So eng am Horizont, so nah den frostigen Feldern, als sei er betrunken zur Erde gekommen in der Nacht, habe sich kurz ausgeknipst, um nicht gesehen zu werden, unerkannt zu bleiben und es dann nicht mehr an den Himmel geschafft, um von dort aus rechtzeitig unterzugehen. Nun steht er da, eingeschweißt in den Morgen, die taubenblaue Helligkeit, kann nicht rollen oder torkeln. Sein riesiges Auge, nur Pupille, orange, vielleicht essbar oder toxisch, glotzt dem Sonnenaufgang ins Gesicht, der sogleich zartrosa zerfließt. Eins mit Aurora wollte er werden, der blass leuchtende Riesenkörper, rosa und leicht, schwebend, doch sein Orange ist gemacht zum Prangen und nicht zum Vergehen. So bleibt die Sehnsucht zwischen beiden, Sonne und Mond, am Scheideweg des Horizonts, zerschnitten die Hoffnung, durchtrennt. Doch da steigt die Sonne aus dem Rosa und der Mond ist auf einmal verschwunden, hinausgefallen aus dem Bild. Ich schreie im Auto auf dem Weg zur Arbeit, aufgeregt, als hätte ich dem sonst so unfehlbaren Planeten ertappt bei seinem Coup; in seiner Verirrung, seiner Leidenschaft, dem erstarrten Leuchten am falschen Ort, mitten auf der Autobahn als falscher Jumbojet. Ein Morgenwunder.



Ein einzelner Vogel sitzt auf der Spitze eines Baumes. Äste und Zweige Zeichensprache.


Fenster auf: Vögel über dem Hügel, in die Luft geworfen, 
feingepunktet wie Mohnkörner, sirrend in Nebelgischt, zerstäubtem Glas. Vögel unsichtbar in den Bäumen und Wipfeln überall im und um das Dorf, das Haus, das Land, die Welt. Unbekannte Vögel und Vogelarten, ihr seid meine Stimme, mein Rauschen!
 




Freitag, 4. Dezember 2020

Sonntag, 8. November 2020

meer


heute ist ein vogeltag

ein wolkentag

ein wegetag

ich schlängel mich hindurch

oben: vögel enthüllen ihr licht

unten: schalen voll schaum und salz

ich sitze im rauschen und in mir ist es still

kein gedicht keine geheimnisse

meer.




































Norden


Spiegel schießen

durch Wolken

Atem reißt auf

das Meer meine Kraft


Kopf fliegt davon

Hagebuttenampel

über den Dünen


Unter die Wellen habe ich

meinen Rücken gelegt

warm ist es dort und still


Da oben die Drachen

Geheimnisse grölend

saufen Schnaps und

schneiden sich an Wolkenfetzen


Tiefer und tiefer sinkt der

Himmel schmilzt in den Strom

gen Norden.





































Montag, 2. November 2020

#SangUndKlanglos

Seit heute gilt der "Lockdown light", der vor allem die Kultur und die Gastronomie sowie Sport- und Fitnesseinrichtungen trifft.

Für mich persönlich wird sich nicht viel ändern. Glück gehabt!

Zwar habe auch ich Ausfälle und fast das komplette Brachliegen meiner freiberuflichen Workshops zu beklagen und als nicht mehr Soloselbständige keinen Anspruch auf Kompensation, auch wenn das Einkommen dann nicht reicht - es reicht ja eben doch. Wie viele bin ich bereit, mich einzuschränken, zu verzichten, weniger zu konsumieren und zu reisen. Doch gibt es diese Bereitschaft zum Verzicht auch bei denen, die nicht sowieso schon bescheiden leben und sich unseres allgemeinen Wohlstands hierzulande bewußt sind? Zum Beispiel bei jenen, denen kein Cent ihres Gehalts wegbricht, während andere ihre Jobs und Aufträge und irgendwann auch ihre Kundschaft und Moral verlieren?

Kein Gejammer hier, es geht ums Ganze. Um Existenzen und die Kultur. Schwer vorzustellen, dass sie sich von einem solchen Schlag noch erholen kann, abgesehen davon, dass wir ja noch gar nicht wissen, wie es weitergeht nach dem November, für den die Maßnahmen erst einmal gelten. Viele meiner Kollegen und Kolleginnen landen spätestens jetzt bei Hartz 4 und werden da bleiben. Peng. Das hat nicht nur mit Geld zu tun, sondern mit der ideellen Lebensgrundlage. Das eigene Leben zu gestalten mit dem, wofür man sich berufen fühlt. Viele kleine Existenzen verlieren jetzt das, was sie sich aufgebaut haben. 

Dass Mittel zur Verfügung gestellt werden, ist die eine Sache, die andere ist, dauerhaft davon abhängig gemacht zu werden. Die Kreativen legen nicht die Hände in den Schoß, und viele sind das Improvisieren gewohnt - aber wie lange reichen die Ideen und die Motivation? Wie weit können Online-Angebote überbrücken? Alles, was hilft, macht Mut. Gut, dann fangen wir eben von vorne an oder machen woanders weiter. Doch: musste dieser Lockdown wirklich so pauschal die ganze Kultur, Gastronomie und Sporteinrichtungen treffen? Als Spaß-Branche etikettiert, in einen Sack gepackt und zugeschnürt, um die Schulen offen zu halten? Das ist keine Logik, sondern blanker Hohn und riecht nach Bauernopfer.

Bei allem Verständnis für Einschränkungen kann ich nicht nachvollziehen, warum der Verzicht auf einen Besuch in einem Museum oder Konzertsaal mit beispielhaftem Hygienekonzept und guter Lüftungsanlage die Welle brechen können soll, überfüllte Busse aber hinzunehmen sind. Warum man nicht in einem Café unter Befolgung der Regeln und angebrachten Restriktionen sitzen kann, sich aber bei Ikea oder Saturn auf den Füßen stehen darf.

Im Sommer war ich auf Lesungen, Konzerten mit strengsten Hygiene-Auflagen. Es war wie Balsam nach dem ersten Lockdown. Mir wurde so sehr bewußt, wie kostbar und nährend die erlebte Kultur ist. Das Teilen von Sprache und Klang oder dem gemeinsamen oder auch einsamen Betrachten von Bildern. Essentiell!

Andrerseits waren auch die Online-Treffen, Workshops und Lesungen eine Bereicherung und oft auch eine Möglichkeit, gerade mit Freund*innen und Kolleg*innen im Ausland im Austausch zu bleiben und ihn sogar zu intensivieren. Doch das eine kann das andere nicht ersetzen, zumindest nicht langfristig.

Im September fanden die offenen Ateliers in der Bonner Altstadt ebenfalls unter strengsten Auflagen statt. Hunderte von Menschen kamen und standen geduldig Schlange. Unter den Besucher*innen war keine einzige Person, die sich nur ansatzweise nicht daran gehalten hätte.

Und jetzt dieser Tiefschlag!

Mir persönlich fällt es im Moment schwer, daran zu glauben, dass wir mit diesen Maßnahmen aus der Krise kommen. Ist es pessimistisch, zu glauben, dass nicht nur die Infektionen, sondern auch die  Kollateralschäden durch die Decke gehen werden? Ich glaube an das verantwortungsvolle Verhalten einer/ eines jeden. Doch wird das durch diese Maßnahmen befördert?

Ich fühle mich hilflos und spüre Wut in mir aufsteigen. Doch ich möchte die Moral behalten und sagen: Kopf hoch und weiter machen. Schreiben, malen, Yoga machen. Meditieren, Bewegung an der frischen Luft, gutes Essen und nicht zu viel Schokolade. Kontakte halten, über Telefon, Chats und per Post. Das ist mein Weg. Das geht alles, und dafür bin ich dankbar!

Ich möchte aber auch kämpfen und Mitgefühl, Solidarität äußern. Vor allem sind wir nicht alleine auf der Welt. Weiterhin wandelt sich das Klima, ertrinken Flüchtlinge da draußen auf den Meeren, verhungern Menschen, sterben durch Gewalt und nicht zuletzt an den Folgen von Ungerechtigkeit, Macht-, Habgier und Vergessen. 

Daher möchte ich den aktuellen Beitrag und den Blog von Fabian Scheidler gerne empfehlen, denn er bietet den globalen Blick über den Tellerrand:

Hier eine Aktion am ersten Tag der neuen Verordnungen: 

"Um unserem Unmut über den Umgang mit Kunst und Kultur Ausdruck zu verleihen, werden wir am Montag, den 02.11.2020 um 20 Uhr Videos, Livestreams und Beiträge unter dem Hashtag #SangUndKlanglos auf allen verfügbaren Medien veröffentlichen, die individuell dargestellt Stille zeigen. Von den großen Kulturinstitutionen bis zum einzelnen Künstler sind alle herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

„Alarmstufe Rot“ wird uns dabei unterstützen.

Wir, die Münchner Philharmoniker, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die Bayrische Staatsoper und viele andere Orchester werden beispielsweise zum Konzert auftreten, aber nichts spielen. Und nach ca. 20 Minuten Stille wieder abtreten.
Seid gerne kreativ. Ob Livestream aus dem Proberaum, Wohnzimmer… oder nur ein Stillleben (Notenständer, Staffelei, Ballettschuhe…..)."


Und last not least:

Meine November-Bilder zur Stille und zum Herbst, ob grau oder golden:






Kopf hoch und weiter!

Sonntag, 1. November 2020

Das rote Haus


Ein Horizont umkreist die Welt, steht unberührt und unverrückt. Ich klettere entlang der Tropfen, das singende Grau umhüllt mich wie luzide Federn. Im roten Haus bellen meine Träume. Die leeren Räume bereit für uns, dich und mich zu umfassen, zu halten. Ich teile die Zimmer auf: Du unten, mit Werkstatt dazu, ich oben im Dach, mit der Vogelaussicht; hell und kühl, Farben, Pinsel, Papier und Tinte. Unten Holzfeuer und Dämmerlicht. Ein Bett in jedem Stockwerk und draußen ein Norweger Pferd im Stall, das durch die Dünen und Hagebutten trabt. Rote Lampen im Wächtergras; mal schneidend, mal mild streifen uns die Halme. Der Weg führt an den gekrümmten Hecken vorbei vom Haus zum Meer. Ich kann Ebbe und Flut nicht unterscheiden, nicht Tag und Nacht, meine Handschrift nicht von den Spuren des Winds auf dem Sand. Wir werden kaum Besuch haben, denn hier ist nichts, heißt es, aber das ist mir gerade recht. Der Wind ist ein Wolf, der ums Haus streicht, ein Lamm, das den Wolf schlafen legt. Die Sonne wärmt vom anderen Ende der Welt. Ich umarme die ganze Welt und dich, bleibe gerne hier, an welchem Pol auch immer. Mein Fell ist dicht gewachsen, die Haut dünn, die Zähne elfenbeingelb; klackernd, mahlend bewachen sie meine Zunge, wie sie Wellen in den Sand malt. Dort steht das rote Haus, und das Pferd trabt vom Meer über den Weg nach Hause.









Zum Novemberbeginn

Dänemark, Jütland, Herbst 2020


Freitag, 16. Oktober 2020

Begegnung

 

Im hellen Galopp rasten brennende Pferde durch das Meer in meinem Traum. 
Der Traum ist ein Reh. Ich war ihm angekündigt, ein Menschenskind mit offener Fontäne, doch der Rest einer Furcht hieß es, hinter einem Baum hervorzuschauen, bevor es seine Schnauze, ein kreisrundes Kissen, in meinen Bauch steckte. Die Augen drangen in meine Schultern wie Kugeln. Blütenmoleküle fielen aus dem Mark der Bäume ringsum. Das Rieseln war ein Wispern, das sich mit Gesang vermählte: die Wiesenblumen, die Grasspitzen, Flügel, die Luft pflügend. Die Erde, unter das Gras gezwungen, stöhnte tief. Und dort, im großen Blau, warst DU! 
Ich rief nach Dir und warf Brombeeren in Deinen Mund. Erlöst warst Du in der Offenheit des Himmels, frei Deine gebrochenen Augen in Strahlen, Schneeglänzen. 
 
Ich winkte und rief, mein eigener Geist in kindlicher Aufregung in diesem neuen Land. Noch oft werde ich hin und hergehen, Türen öffnen und schließen, sie klappern hören und versuchen, die Ströme in meinem Atem zu beruhigen. Die Turbulenzen, die aus meiner Fontäne schießen, wirbelnde Bänder.

Wir werden Gebirge aus Blumen bauen und darin eine Rast finden für die Gedanken an Dich. So ist es eben, die Hülle versenken wir, die Seele geht mit dem Wind oder mit dem Fluss. Wir bleiben hier, in unsere Körper genäht, vorläufig, endlich, die Füße auf Gras.



 
Juli/ Oktober 2020


Donnerstag, 15. Oktober 2020

Wolke


Ich mag so gerne Wolken leiden;

das ist die albernste von meinen Gaben,

und, von Natur aus unbescheiden,

muss ich, was mir gefällt, gleich haben.


Ich pflückt mir eine Wolke ab,

trug sie in beiden Händen

behutsam und sehr sanft herab,

um sie im Garten zu verwenden.


Ich konnte sie vom Liegestuhl aus sehn,

und meine Frau begoss sie oft und gerne.

Doch war sie lange nicht so schön

wie vorher aus der Ferne.


Der Himmel beugt sich schließlich nieder

mit seiner ganzen Last

und holt sich seine Wolke wieder.

Da schämte ich mich - fast.








Gedicht von meinem Vater, Rolf Göhring, August 1934 - Juli 2020