Donnerstag, 11. Juli 2024

Spiegelbriefe

 


Die beiden Künstlerinnen Eva Wal und Laurence Courdier verbindet die Fähigkeit, natürlicherweise in Spiegelschrift zu schreiben.

So trafen sie sich in Courdiers Wohnort Sanary sur Mer an der Côte d’Azur, als Wal dort bei einer Residenzausstellung ihre grafischen Gedichte in Spiegelschrift zeigte. Sie beschlossen, sich zu schreiben, in Spiegelschrift, auf Deutsch, Französisch und Englisch.

Es entstanden einzigartige Brief-Objekte, über 30 Sendungen im Format von Postkarte bis Poster, Rolle oder Dreieck im XXL-Paket, die nun, im fünften Jahr der Korrespondenz, zum ersten Mal in einer Auswahl gezeigt werden.

Mit Virginia Woolf über Sylvia Plath und Emily Dickinson bis Hölderlin schreiben und gestalten die beiden Künstlerinnen ihre Briefpost mit verschiedenen Materialien wie Garn, Wollfäden, Holz  und in unterschiedlichen Techniken wie Grafiken, Cutouts, Collage. Auch eigene Gedichte Wals treten in den Dialog ein. Ebenso kommentieren die Künstlerinnen das Zeitgeschehen. Persönliche, politische und soziale Ereignisse vor der Haustür und global, so auch über die ganze Corona-Zeit und darüber hinaus. 

Zur Ausstellung werden Spiegel bereitgestellt, mit denen die Brief-Objekte erkundet werden können. 

 

 

 

 

Freitag, 28. Juni 2024

Pfeil und Brot

 

 

Eine Wolke aus Licht verdunkelt sich gibt den Blick frei

auf einen Kontinent 

Dort sitze ich oder stehe im dunklen Licht oder ich
gehe gerade zum Kiosk und kaufe Brot

Die Straßen liegen gleißend hell
in der Stadt wie schläfrige Schlangen

Mein Haus ist rosa meine Wolke eine Regenwolke aus Wünschen

Ich nehme das Brot und fasse hinein der Teig ist purpurn wie meine Zunge die Zähne spitz - Perlmutt mit Quecksilberkappen -

Ich fasse auch in mich hinein öffne
die Brust eine Luke bewachsen mit Laub es dampft daraus von heißem Zimt mit Milch von Bergaffen 

Nachdem die Tauben alle hinausgeflogen sind nehme ich den Pfeil und werfe ihn los

Mein Haus ist aus Stein es hat einen Hof mit Mondkies und Blumen von Traurigkeit

Ich muss sie verwandeln sie sind schön
wie mein Pfeil mein gefiederter Pfeil glänzend schwarz und rot - ein See von Blut eine Nacht aus Rabenschwärze -

Die Blumen duften nach einem Morgen
mit hellem Regen (die Schlangen sind nach Hause gegangen in das Grün - das ist ein unentdeckter Wald ein Taubendschungel voller Papageiengeschwätz und rauschendem Haar - und unten bei den Wurzelstädten träumen die Schlangen von Bergaffenmilch und Mondschwertern)

Ich trage das Gift meiner Herkunft in einer
Kapsel auf der Retina es mag schöne Farben haben
wie die Blumen wie das Brot aber es kann weder töten noch helfen meine Pfeile tränke ich darin die Federn rufen mich zur Verwandlung

Ich streife meine Haut ab eine bröckelige Rinde ein seidengewebtes Bild vom Baum mit Kondor Mücke Wolf Spinne Kolibri undsoweiter der Baum ist ja voller Leben

Rinde und Seide sind Geschwister das Bild verblasst und verrieselt mit der Rinde

Wolke bin ich nun Wolke inmitten der schwarzen Sonne über allen Ozeanen -  wie Eisschollen treiben die Kontinente darin

Ich erhebe mich als bunt gefiederter Pfeil

Mein Flug beschreibt einen Bogen und ist ein zitternder Federtanz voller Kraft und tödlich heilender Medizin


Das Sichtbare ist nun unsichtbar

 

 

Dieses Gedicht entstand inspiriert von den zärtlich intimen, kraftvollen und traurigen Fotografien der Fotografin Claudia Andujar.

Sie wecken in mir ebendiese Sehnsucht nach Ursprung, Familie, Verbindung, lösen Schmerz und Traurigkeit und schießen den Pfeil in Richtung Brasilien.

Dort werde ich im August meine Kunst zeigen und arbeiten.

Dafür ist eine Übersetzung meines Gedichts ins Brasilianische in Arbeit.

 

Ein neuer Film, die Vision der Claudia Andujar:

https://www.youtube.com/watch?v=ohmg36NvoGg 

 

Ihre Bilder in Hamburg:

https://www.deichtorhallen.de/ausstellung/claudia-andujar 

 

 



Montag, 10. Juni 2024

Eclipse Cut-up Poems

 

evawal · Eclipse_cut up poems

https://on.soundcloud.com/cp334zSpYqjhUHsTA

 

 


 

cut up poem

 

eclipse

in the morning

fills the sky

 

my chin rests

ready to fall

there are shadows

dreams

 

maximal

moon

a golden coconut

 

I won’t look back

the tie snatches

waxing and waning

crammed with beaks

 

clouds

on the silver blade

sunwinds explosions

on the other half

of my bed

 

a slice

of rustling feathers

moon muck

 

celestial activity

like a rain-soaked

piece of me

 

heavy ripe

ocean memories

 

I quit

the globe

down here

 

 

The pieces are put together by coincidence only

using the cut up technique of Dadaists and surrealists.

  


 

the poem:

 

eclipse

 

my chin rests

on the silver blade of moon

 

on the other half of the globe

a golden coconut fills the sky

ripe and ready to fall

 

sunwinds explosions

maximal celestial activity

 

waxing and waning of

dreams oceans memories clouds

 

down here in my bed there are shadows

crammed with rubbing beaks rustling feathers

 

in the morning I quit

the tie snatches

 

I let go

a piece of me

 

a slice of moon

heavy like rain-soaked muck

 

I won’t look back.

 


Donnerstag, 16. Mai 2024

Schneevogel im Mai





"Schneevogel" heißt mein Autorinnenfilm, der im Rahmen eines Stipendiums in Salzburg im Februar 2009 entstand. Ein Experiment, Bilder, Klänge und verdichtete, ge-dichtete Worte in Sprache aufeinander zu beziehen, ohne zu illustrieren. Ich ging mit Distanz zu den eigenen Texten an das Projekt heran, blieb alleine in der Atmosphäre, der Erinnerung an die "Aura" der Gedichte auf der Suche nach Filmbildern im Salzburger Land. Nur der Schnee blieb konkret, doch durfte er sich der Metamorphose in unterschiedliche Aggregatzustände unterziehen: Wasser, Eis und Wolke.

Die Disziplinen sind verwandt, wenn es um Bilder, Klänge, Worte und Sprache geht. Die technischen Arbeiten wie Kamera, Schnitt, Bild- und Tonbearbeitung erfordern ein ganz anderes Mindset, obgleich auch hier neben handwerklichem Können ebenso Kreativität und Intuition gefragt sind. 

Alles bezieht sich auf alles, folgt aber seiner eigenen Logik und seinem eigenen Gestaltungs- und Ausdruckswillen. Zum Schluss soll sich alles zu einem Ganzen fügen. 

Da ich all diese Arbeiten mit Ausnahme der Tonaufnahmen* selbst ausführte und auch ausführen wollte, ist dieser Film geprägt von Autonomie verschiedener Künstlerpersönlichkeiten in einer. Es ist sozusagen ein Kooperationsprojekt mit mir selbst.

Bisher wurde der Film im Kontext bildender Kunst gezeigt. Eine Annäherung oder Vermittlung kann von beiden Seiten erfolgen: Lyrik über Bilder und Klänge oder andersherum. Es geht nicht um die Frage, ob Bilder Gedichte oder Gedichte (Film)bilder brauchen, denn diese läßt sich ganz einfach mit "nein" beantworten.

Ob aber eine Annäherung über die Verflechtung unterschiedlicher Disziplinen, die Übersetzung, Korrespondenz, Interaktion, Harmonie und Dissonanz individuell als bereichernd und sinnvoll erfahren wird, kann nur jede/r für sich selbst beantworten.

Für mich ist es eine interessante Momentaufnahme meiner eigenen künstlerischen Entwicklung.


* Dank an Stefano de Mario


Montag, 22. April 2024

Sommerfugle, Sommervögelein

 

 

 

Auch wenn sich dieser April alles andere als sommerlich anfühlt, bei minütlich wechselnden Sonnendurchbrüchen neben dunklen Regenfronten, Graupelschauern inmitten schon maiengrün wogender Buchen, Apfelblüte und Schlammwegen im Wald, so kommen doch die Schmetterlinge hervor und flattern durch die Luft, weil es ihre Zeit ist.

Von Kindheit an begeisterten und beflügelten mich diese Wesen; so illustrierte ich meine selbstgeschriebenen Kindergeschichten mit Schmetterlingsgirlanden.

In der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhunderts widmete Maria Sibylla Merian diesen "Sommervögelein" ihr Leben von früher Jugend an. Forschend, aufmerksam, neugierig und liebevoll zeichnend beobachtete sie, wie die von ihr in Pappschachteln gefangenen Seidenspinner-Raupen eine zauberhafte Metamorphose durchliefen und als Schmetterlinge davonflogen.

Dies war eine Entdeckung für die Entomologie (Insektenforschung), da man bis zu dieser Zeit gemeinhin der Ansicht war, Insekten entstünden einfach so aus Dreck und Schlamm.

Auf ihren Bildern vereint Merian die verschiedenen Entwicklungsstadien der Raupe bis zum Schmetterling ebenso wie Insekten und Pflanzen als ganzheitliche, unhierarchische Gemeinschaft.

Kakerlaken auf einer blühenden Ananas werden nicht als hässliche oder untergeordnete Wesen, sondern mit liebevollem Blick für die Schönheit des Natürlichen detaillgetreu dargestellt. 

 

 Foto: Nelly Neukirchen
 
Derzeit ist ein Faksimile: Metamorphosis insectorum Surinamesium von Maria Sibylla Merian (1647-1717) in der Ausstellung: Maestras, Malerinnen 1500-1900 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zu sehen. Unbedingte Empfehlung! www.arpmuseum.org

Der Dänischen Dichterin Inger Christensen gelang mit ihrem berühmten Gedicht Sommerfugledalen, Deutsch: Das Schmetterlingstal, ein Meisterwerk zum Ende des 20. Jahrhunderts. 

"Ein Requiem, das zugleich ein Hymnus auf das Leben ist",  zeige, "dass es möglich ist, im selben Atemzug klassisch und gegenwärtig... magisch und analytisch" zu sein, schreibt Durs Grünbein, zitiert in einem Vorwort der 2009 im Märkischen Verlag Wilhelmshorst erschienenen Ausgabe der Reihe "Poesie Album".

Es muss doch eine Wesensverwandschaft zu Merian gegeben haben, eine Erweiterung in die Sprache hinein oder aus ihr heraus.

In die Reihe dieser bedeutenden Frauen möchte ich mich nicht stellen, wohl aber den Enthusiasmus zeichnend und malend fortschreiben, allein aus innerem Antrieb: Schmetterlinge, butterflies, papillons, borboletas, am liebsten aber: Sommervögelein oder Sommerfugle.

Dabei inspirierte mich Eine Gruppe von Schmetterlingen, chō 蝶, von Kubota Shunman, japanischem Maler und Dichter, 1757-1820. Abgebildet auf einer  Postkarte aus dem Museum für Ostasiatische Kunst, dem MOK in Köln, diente mir sein poetisches Arrangement teils als Vorlage. So sind meine Bilder ebenso eine Verbeugung vor dem Meister Kubo (窪) or Kubota (窪田) .

Unsere Schmetterlingsreise trudelt nun schon durch gut drei Jahrhunderte und über Länder und Kontinente hinweg.

Meine aus dem Reich der Phantasie gestiegenen geflügelten Wesen scheinen sich beim freien, keineswegs naturalistischen Zeichnen und Aquarellieren wie von selbst in ein Gleichgewicht aus Symmetrie und Asymmetrie, Harmonie und Dissonanz zu setzen. In melodischen Etüden ziehen sie ihre Schleifen zwischen Himmel und Erde, von Blüte zu Wolke, hin und her.

Ja, ich habe das Gefühl, meine Sommervögel sind Vertreterinnen eines kosmischen Gleichgewichts, das mich mitnehmen, einsaugen, emportragen mag zu Licht und Freude.

 

















 






Sonntag, 14. April 2024

Wolkenwurzeln


WOLKEN

 

Wie Wolken fließen die Gestalten der

Welt ineinander. Je inniger sie sich

vereinigen, um so näher sind sie dem

Wesen der Welt.

 

Hans Arp, Elemente

 

 

WOLKLENWURZELN

 

Oh, die Wolken!

 

 Die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein Kind und reiste mit ihnen. Ich war Nils Holgersson, an den Hals einer Wolkengans geschmiegt, die so kraftvoll war wie ein Himmelherrgottsgewitter und so zart wie ein Pusteblumenkristall. Ich sah die Welt von oben, die Flüsse als Venen, quecksilberfunkelnd, juwelenbesetzt oder weit und blau wie der Himmel, der unser Zuhause war. Alles war ein Sehen und Sehnen, die ganze Reise, doch auch ein Nachhausekommen. Denn wo wir waren, war alles. Die Wolken verwandelten sich in Elefanten und Schafe, sie spielten mit mir, zeigten sich, nur um sich gleich weiter zu verwandeln. Ich war ein Kind mit einer Wolkenfamilie, und es war mir, als brauchte ich nichts weiter zu verstehen, als dass das Leben eine Reise war und immer sein würde, ein Ankommen im Unterwegssein. Meine Wolkengans war alles, was ein wenig Schwere besaß, ihr vertraute ich mein kleines Kindergewicht an. Sie flog, fuhr und glitt durch den Himmel mit mir. Alles um uns herum war leicht, auch wenn sich die Wolken aufbauschten, ballten mit drohenden Gesichtern. Wenn Wind und Wetter diese Bevölkerung des Himmels zusammentrieb und formte zu unbestimmten Gebilden, aus denen sich wieder Konturen und Gestalten bildeten: Raubtiere, enorme Vögel oder gigantische Kaninchen, gehüllt in bleigraue, ja schwarze Gewänder mit Rändern aus Purpur, Gold und Schwefelgelb. Die Wolkengans war aus diesem Stoff, sie flog in ihrem Element, und ich war ihr zugeordnet von himmlischem Willen und Kraft. Wenn Blitze um uns herum zuckten und Donner krachten, ihre Gewaltigkeit blieb - leicht. Wir waren in ihnen und sie in uns, wir waren eine Einheit.

Meine Füße suchten keinen Grund, meine Hände ruhten auf dem Federhals der Gans. Meine Haut schimmerte wolkenweiß, glänzte wettergegerbt, regengenässt, hier oben, wohin alles Wasser aufstieg, um zu reisen und dann wiederum abzuregnen, in die Venen und Vasen der Welt weit unter uns.

 

Doch ich war ein Erdkind. Trieb Wurzeln, wurzelte in meine Himmelsgans hinein. Langsam, allmählich durchdrangen die Wurzeln meine Wirtin. Sie war meine Erde, ich war ihre Pflanze. Und eines Tages auf unserem immerwährenden Flug war die Wolkengans ganz durchwurzelt. Meine Wurzeln hatten sie in Besitz genommen.  In diesen meinen winzigen, kitzligen Fingerchen rauschte ein tiefer, dunkler Saft.

Kaum merklich war die Wolkengans schwerer geworden und immer ein wenig tiefer geflogen. Auch meine Füße hatten Wurzeln gebildet. Wie Lianen hingen sie herab und strebten immer weiter nach unten: hinab, hinab, hinab.

 

Die Erde kam näher und näher. Wir spürten ihren Sog; begannen sie zu riechen mit Staub und Gras, all ihre sanften und gewaltigen, herrlichen, warmen Explosionen. Eines Tages dann landeten wir. Nun gehörten wir der Erdwelt. Waren umfangen, gefangen. Wurden, waren - schwer. Meine Wurzeln glichen Fangarmen, die sich in die Erde hakten und uns an sie banden, unsere Körper, unsere Sinne. Wir wussten nicht, was geschah. So wie die Weite des Himmels uns gelassen beheimatet hatte, waren wir nun umschlossen von einer uns unbekannten Kraft. Es gab kein Zurück. Wir waren in einer unumkehrbaren Wandlung.

 

Die Wolkengans wurde ein Fels, ich wurde ein Baum. Der Fels blieb auf der Erde, ich aber wuchs in die Erde hinein, durchstieß die Grenze ins Erdreich, das dunkle, kühle, das zum Feuer im Mittelpunkt der Erde führt. Unerbittlich rief mich die Erde in ihren Schoß.

Ich wuchs aber in zwei Richtungen. Mit meinem Körper, der ein Stamm mit Mark, Holz und Rinde geworden war, trieb ich wieder hinauf himmelwärts, bildete Äste und Zweige mit Blättern, wo Arme und Finger gewesen waren, und oben eine Krone.

Gleichzeitig und genau entgegengesetzt wuchsen Beine und Füße als Wurzeln hinab, ein Gegenpart des Baumes. Unten, erdverbunden, war unsichtbar, was oben, luftumgeben, sichtbar war. Die eine Hälfte meines neuen Seins war fest, geschlossen, und bot der anderen Hälfte, die mit ihren Zweigen und Blättern mit dem Himmel spielte, Halt.

Ich, der Baum, sog die Kraft nach oben, von den Wurzeln hinauf, durch Adern und Holz hinein in die Blätter, wo sie sich mit der Sonne vereinigten und Saft und Farbe bildeten.

Ich wuchs und wurde erwachsen. Hielt einen Fels in meinen starken Wurzelarmen. Tiere kamen, Vögel, Eichhörnchen, Käfer und Wild. Sie wohnten in und an uns, kamen zu Besuch auf ihren Wegen durch Tage, Nächte und Wetter. Und manchmal senkte sich eine Wolke zur Erde hinab und berührte den Baum, der mit seinem Fels eine Einheit war.

 

Oh, die Wolken! Die schönen, schwebenden, rastlosen… kamen, um zu rasten. Und gemeinsam träumten wir voneinander.

 


 

 

Oh, die Wolken! Die schönen, schwebenden, rastlosen!

Ich war ein unwissendes Kind und liebte sie. Schaute sie an und wusste nicht, dass auch ich als eine Wolke durchs Leben gehen würde. Wandernd, überall fremd, schwebend zwischen Zeit und Ewigkeit. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug‘ in Auge.

 

Hermann Hesse, aus: Peter Camenzind

 

 


Donnerstag, 28. März 2024

Væsener


ist dänisch. Englisch: creature, deutsch: Wesen.

Sichtbar und unsichtbar, fanden wir Væsener, Wesen, auf der Insel Fanø in Dänemark.


Ist das Meeresrauschen ein Wesen?

Ist ein Pool aus Regenwasser, der sich in den Dünen sammelt, ein Wesen?

Sind Muscheln, Farne, Moose, Flechten - Wesen?

Ist etwa die ganze Dünenwelt ein großes Wesen, das kleinere Wesen umhüllt?


Eine Woche lang streiften wir täglich stundenlang durch die Dünen, ohne anderen Menschen zu begegnen. Nach kurzer Zeit fiel mir das kaum mehr auf, es kam mir so selbstverständlich vor, dass ich nicht darüber nachdachte. Jedoch mag die Abwesenheit von Menschen die Anwesenheit anderer Dinge oder Wesen verstärken, die vielleicht erst dadurch als Wesenhaft wahrgenommen werden.

Eine zapfengeschmückte, reich verzweigte Kiefer in einem Teich aus Regenwasser, silbern glitzernd, das Blau des Himmels vielfach verstärkend.

Ein Fuchs, der aufspringt, wenn Menschenfüße jenen Pfad entlangstapfen, auf dem er sich gerade sonnt.
Es musste ein Fuchs sein, welchen ich in den Sekunden, in denen er aus meinem Blickfeld verschwand, nur als Fragment wahrnehmen konnte: dicker Schwanz, Hinterläufe, dichtes, helles, rötliches Fell.

Sind diese Fragmente ein Wesen? 

Über uns kreisen Seeadler, auf der Suche nach Kaninchen, die hier in Hülle und Fülle leben. Sichtbar meistens nur die Eingänge zu ihren Baus, ein jeder ein dunkler, strudelnder, die Phantasie befeuernder Eingang in ein Wunderland, von hier aus unsichtbar.

Rehe gehen in der Dämmerung, morgens stehen abgeknabberte Triebe am Weg.

Hinter uns, vor uns und zu allen Inselseiten liegt das Meer. Kegelrobben lagern auf Sandbänken vor dem Strand. Mit auf nassen Speckbäuchen gekreuzten Flossen, glänzenden Rücken, Schnauzen mit zitternden Barthaaren, darüber schwarzen Kugelaugen in runden Köpfen, sind sie den Blicken vorübergehender Wesensucher preisgegeben.
Doch im Wasser, da unten, da draußen, ist alles voll verborgener Væsener. Im Anschlagen der Brandung, im Rauschen des Windes, der durch das Dünengras streift wie ein Wolf, dessen Fell abgestreift über einem in einer Senke halbverborgenen Wald aus Gestrüpp liegt. Violetter Schimmer darüber. Eine Wolke schwebt heran in drängendem Schleiertanz. Das Dünengras flirrt falb und schüttelt sein Silber. Es hat sich wohl vom Meer hierhin versplittert.

Silber wird zu Gold, zu Rot-Rosa und Orange, zu Dunkelheit. Und taucht wieder auf...

Der Mond, ein Wesen? 

Reisend, vielbesungen in seinem (ihrem) An- und Abschwellen, Erscheinen und Verschwinden. In leuchtender Sichtbarkeit an einem klaren, sternenbevölkerten Nachthimmel wie heute. Voll, also (fast) rund, wie eine Vollendung.

Ist Frieden ein Wesen? 



















Fotos: (c) Eva Wal, VG Bild


Zum Thema Wesen, "creature", der Podcast "Poetry Worth Hearing" von Kathleen Mc Philemy, in deren Folge Episode 21 mein Gedicht "The Whale in the Void" vertreten ist:






Montag, 12. Februar 2024

Tagauge Nachtauge

 



 Gouache auf Papier, ca 300 x 74 cm, Oktober 2023 

 

Tagauge Nachtauge

Eine Geschichte zum Winterschlaf

 

So sehr hatte ich es mir gewünscht, seit der Kater gestorben war: ein Wesen, das zu mir käme, sein Leben lebe nach seiner Art und bei mir bliebe, mit mir zusammen in solitärer Eintracht. Ein Rabe hätte es sein können; auf meiner Schulter sitzend, mein Treiben beobachtend. Manchmal gäbe er mir einen Rat, würde zu meiner inneren Stimme. Oder ein Bär, eine Bärin; sanft, groß und stark. Ein Krafttier.

Nun war ein Schmetterling da, ein Tagpfauenauge. Wochenlang schon flatterte es immer wieder hinter meinen Blumentöpfen auf, kreuzte den Raum taumelnd von einem Dachfenster zum anderen, ließ sich schließlich auf dem Fensterrahmen nieder, faltete sich zusammen und blieb dort auch dann regelrecht kleben, wenn ich das Fenster öffnete, um ihm die Möglichkeit zu geben, doch noch hinauszutrudeln in die frische Oktoberluft.

Doch mein Schmetterling blieb bei mir. Er mochte es wohl warm und behaglich. Hatte er sich mein Dachatelier als Winterquartier ausgesucht, oder wollte er hier sterben?

Ich schaute nicht im Internet nach, wo das auf einen Blick herauszufinden wäre. Nicht einmal das Haus müsste ich für eine Recherche verlassen. Wollte es wohl durch Betrachtung und Beobachtung herausbekommen oder am besten durch dieses feine Band zwischen unserer gemeinsamen Existenz in einem Raum erspüren.

„Schmetterlinge sterben im Winter“, sagte mein Mann, und ich hinterfragte es nicht. Erst als ich ein Foto meines Gefährten auf Whatsapp teilte und eine Freundin etwas von „Winterschlaf“ schrieb, entschloss ich mich zu wahrer Freundschaft durch Vernunft und Aufklärung. Der erste Blick in den Artikel, der mir bei meiner Google Suche entgegensprang, zerstörte das mystische Band: „Wärme“, so stand es da „ist der Tod von Schmetterlingen im Winterschlaf“ wie Tagpfauenaugen. Schmetterlinge, die nicht gleich Zugvögeln in wärmere Gefilde flattern wie der Distelfalter oder der Admiral, brauchen Kälte und Feuchtigkeit. Sie verdursten auf Dachböden und können nicht zur Ruhe kommen, wenn es zu warm ist. Sie lieben Efeu, Verstecke zwischen Steinen, im Dickicht.

Immerhin hatte ich meinem Freund eine flache Schale mit Honigwasser zwischen die Blumentöpfe gestellt. Einmal war es mir sogar gelungen, ihn zu füttern. Da saß er auf meinem Handteller, klebte sich an meine rillige Haut, fuhr seinen Rüssel aus und sog das Wasser von einem kleinen Plastiklöffel. Irgendwann rollte er seinen Rüssel wieder ein wie einen Farn. Vielleicht hatte ich ihn so vorm Verdursten gerettet.

Streicheln konnte ich ihn freilich nicht. Mein biologisches Wissen reichte doch noch so weit zu erinnern, dass die delikaten wie prachtvollen Flügel dieser Wunderwesen mit Farbpigmenten besetzt sind und eine Schicht bilden, die bei jeder Berührung durch überdimensionierte Menschenfinger zerstört würde.

Wie melancholisch und weise mich die Augen auf den Flügeln meines schutzsuchenden Tagpfauenauges anzusehen schienen! Fast hätte ich ihm oder ihr einen Namen übergestülpt. Hermann oder Hermine, das Tagpfauenauge.

Es war Zeit, meine Freundschaft zu beweisen und Abschied zu nehmen. Die Aufklärung hatte über romantische Verklärung gesiegt. Doch ich konnte weiter Gutes tun. Baute ein Schmetterlingsnest in meinem Garten. Legte Steine in einen Kübel mit Efeu, fügte Moos hinzu und fand eine Emailleschüssel, die ich als schützenden, aber luftdurchlässigen Deckel verwenden konnte. Immer noch würde das Tagpfauenauge also bei mir sein, draußen im Garten, auf den ich durch mein Dachfenster hinunterschauen kann.

Ich ging wieder in mein Dach, nahm den Schmetterling in meine Hand, und wieder saugte er sich in meinen Handteller hinein. Die andere Hand schloss ich darüber, bildete eine kleine Höhle, in der ich meinen Mitbewohner nach draußen brachte und in das Winternest setzte. Dann ging ich, um nach einiger Zeit nachzusehen, wie er sich verhalten habe.

Ich fand ihn nicht. Ging wieder, kam zurück und schaute noch einmal nach. Schaute und schaute. Dann entdeckte ich ihn. Zusammengefaltet und perfekt getarnt in grau-schwarzem Nachtkleid hing er wie eine Fledermaus an einem Efeublatt. Wie sehr ihm das Blatt glich in Form und Farbe! Zufrieden und etwas wehmütig hob ich die Schüssel wieder auf das Nest und schloss das Winterquartier.

Wie vielen Schmetterlingen und Faltern hatte ich schon bei ihrem Tanz im Frühjahr und Sommer zugeschaut; hatte gefilmt, fotografiert, gezeichnet und gemalt ohne ein annähernd grundlegendes Wissen über ihre Biologie. Hatte nur ihre trudelnde Erscheinung betrachtet und bewundert. Wie gehört beides zusammen? Das fragte ich mich nun wieder.

Zurück in meinem Dachatelier, es war Nacht geworden. Ich war beschäftigt mit meinem Bild an der Wand, mit Pinsel und Farben. Plötzlich, ohne die leiseste Absicht, kam das Tagpfauenauge zurück. Es erschien auf dem Papier, zusammen mit einem ganzen Schwarm Artgenossen, die sich zum Winterschlaf an Efeu hängten. Für immer mein, für immer frei.

 

 






(c) Eva Wal, VG Bild