WOLKEN
Wie Wolken fließen die Gestalten der
Welt ineinander. Je inniger sie sich
vereinigen, um so näher sind sie dem
Wesen der Welt.
Hans Arp, Elemente
WOLKLENWURZELN
Oh, die Wolken!
Die schönen, schwebenden, rastlosen! Ich war ein Kind und reiste mit ihnen.
Ich war Nils Holgersson, an den Hals einer Wolkengans geschmiegt, die so
kraftvoll war wie ein Himmelherrgottsgewitter und so zart wie ein
Pusteblumenkristall. Ich sah die Welt von oben, die Flüsse als Venen,
quecksilberfunkelnd, juwelenbesetzt oder weit und blau wie der Himmel, der
unser Zuhause war. Alles war ein Sehen und Sehnen, die ganze Reise, doch auch
ein Nachhausekommen. Denn wo wir waren, war alles. Die Wolken verwandelten sich
in Elefanten und Schafe, sie spielten mit mir, zeigten sich, nur um sich gleich
weiter zu verwandeln. Ich war ein Kind mit einer Wolkenfamilie, und es war mir,
als brauchte ich nichts weiter zu verstehen, als dass das Leben eine Reise war
und immer sein würde, ein Ankommen im Unterwegssein. Meine Wolkengans war
alles, was ein wenig Schwere besaß, ihr vertraute ich mein kleines
Kindergewicht an. Sie flog, fuhr und glitt durch den Himmel mit mir. Alles um
uns herum war leicht, auch wenn sich die Wolken aufbauschten, ballten mit
drohenden Gesichtern. Wenn Wind und Wetter diese Bevölkerung des Himmels zusammentrieb
und formte zu unbestimmten Gebilden, aus denen sich wieder Konturen und
Gestalten bildeten: Raubtiere, enorme Vögel oder gigantische Kaninchen, gehüllt
in bleigraue, ja schwarze Gewänder mit Rändern aus Purpur, Gold und
Schwefelgelb. Die Wolkengans war aus diesem Stoff, sie flog in ihrem Element,
und ich war ihr zugeordnet von himmlischem Willen und Kraft. Wenn Blitze um uns
herum zuckten und Donner krachten, ihre Gewaltigkeit blieb - leicht. Wir waren
in ihnen und sie in uns, wir waren eine Einheit.
Meine Füße suchten keinen Grund, meine Hände ruhten auf dem Federhals der
Gans. Meine Haut schimmerte wolkenweiß, glänzte wettergegerbt, regengenässt,
hier oben, wohin alles Wasser aufstieg, um zu reisen und dann wiederum
abzuregnen, in die Venen und Vasen der Welt weit unter uns.
Doch ich war ein Erdkind. Trieb Wurzeln, wurzelte in meine Himmelsgans
hinein. Langsam, allmählich durchdrangen die Wurzeln meine Wirtin. Sie war
meine Erde, ich war ihre Pflanze. Und eines Tages auf unserem immerwährenden
Flug war die Wolkengans ganz durchwurzelt. Meine Wurzeln hatten sie in Besitz
genommen. In diesen meinen winzigen,
kitzligen Fingerchen rauschte ein tiefer, dunkler Saft.
Kaum merklich war die Wolkengans schwerer geworden und immer ein wenig
tiefer geflogen. Auch meine Füße hatten Wurzeln gebildet. Wie Lianen hingen sie
herab und strebten immer weiter nach unten: hinab, hinab, hinab.
Die Erde kam näher und näher. Wir spürten ihren Sog; begannen sie zu
riechen mit Staub und Gras, all ihre sanften und gewaltigen, herrlichen, warmen
Explosionen. Eines Tages dann landeten wir. Nun gehörten wir der Erdwelt. Waren
umfangen, gefangen. Wurden, waren - schwer. Meine Wurzeln glichen Fangarmen,
die sich in die Erde hakten und uns an sie banden, unsere Körper, unsere Sinne.
Wir wussten nicht, was geschah. So wie die Weite des Himmels uns gelassen
beheimatet hatte, waren wir nun umschlossen von einer uns unbekannten Kraft. Es
gab kein Zurück. Wir waren in einer unumkehrbaren Wandlung.
Die Wolkengans wurde ein Fels, ich wurde ein Baum. Der Fels blieb auf der
Erde, ich aber wuchs in die Erde hinein, durchstieß die Grenze ins Erdreich,
das dunkle, kühle, das zum Feuer im Mittelpunkt der Erde führt. Unerbittlich
rief mich die Erde in ihren Schoß.
Ich wuchs aber in zwei Richtungen. Mit meinem Körper, der ein Stamm mit
Mark, Holz und Rinde geworden war, trieb ich wieder hinauf himmelwärts, bildete
Äste und Zweige mit Blättern, wo Arme und Finger gewesen waren, und oben eine
Krone.
Gleichzeitig und genau entgegengesetzt wuchsen Beine und Füße als Wurzeln
hinab, ein Gegenpart des Baumes. Unten, erdverbunden, war unsichtbar, was oben,
luftumgeben, sichtbar war. Die eine Hälfte meines neuen Seins war fest,
geschlossen, und bot der anderen Hälfte, die mit ihren Zweigen und Blättern mit
dem Himmel spielte, Halt.
Ich, der Baum, sog die Kraft nach oben, von den Wurzeln hinauf, durch Adern
und Holz hinein in die Blätter, wo sie sich mit der Sonne vereinigten und Saft
und Farbe bildeten.
Ich wuchs und wurde erwachsen. Hielt einen Fels in meinen starken
Wurzelarmen. Tiere kamen, Vögel, Eichhörnchen, Käfer und Wild. Sie wohnten in
und an uns, kamen zu Besuch auf ihren Wegen durch Tage, Nächte und Wetter. Und
manchmal senkte sich eine Wolke zur Erde hinab und berührte den Baum, der mit
seinem Fels eine Einheit war.
Oh, die Wolken! Die schönen, schwebenden, rastlosen… kamen, um zu rasten.
Und gemeinsam träumten wir voneinander.

Oh,
die Wolken! Die schönen, schwebenden, rastlosen!
Ich
war ein unwissendes Kind und liebte sie. Schaute sie an und wusste nicht, dass
auch ich als eine Wolke durchs Leben gehen würde. Wandernd, überall fremd,
schwebend zwischen Zeit und Ewigkeit. Ich kann nicht über die Gasse gehen, so
nicken wir einander zu, grüßen uns und verweilen einen Augenblick Aug‘ in Auge.
Hermann
Hesse, aus: Peter Camenzind