Ein Horizont umkreist die Welt, steht unberührt und unverrückt.
Ich klettere entlang der Tropfen, das singende Grau umhüllt mich wie luzide Federn.
Im roten Haus bellen meine Träume. Die leeren Räume bereit für uns, dich und mich zu umfassen, zu halten. Ich teile die Zimmer auf: Du unten, mit Werkstatt dazu, ich oben im Dach, mit der Vogelaussicht; hell und kühl, Farben, Pinsel, Papier und Tinte. Unten Holzfeuer und Dämmerlicht. Ein Bett in jedem Stockwerk und draußen ein Norweger Pferd im Stall, das durch die Dünen und Hagebutten trabt. Rote Lampen im Wächtergras; mal schneidend, mal mild streifen uns die Halme. Der Weg führt an den gekrümmten Hecken vorbei vom Haus zum Meer.
Ich kann Ebbe und Flut nicht unterscheiden, nicht Tag und Nacht, meine Handschrift nicht von den Spuren des Winds auf dem Sand. Wir werden kaum Besuch haben, denn hier ist nichts, heißt es, aber das ist mir gerade recht.
Der Wind ist ein Wolf, der ums Haus streicht, ein Lamm, das den Wolf schlafen legt.
Die Sonne wärmt vom anderen Ende der Welt. Ich umarme die ganze Welt und dich, bleibe gerne hier, an welchem Pol auch immer. Mein Fell ist dicht gewachsen, die Haut dünn, die Zähne elfenbeingelb; klackernd, mahlend bewachen sie meine Zunge, wie sie Wellen in den Sand malt.
Dort steht das rote Haus, und das Pferd trabt vom Meer über den Weg nach Hause.
Im hellen Galopp rasten brennende Pferde durch das Meer in meinem Traum.
Der Traum ist ein Reh. Ich war ihm angekündigt, ein Menschenskind mit offener Fontäne, doch der Rest einer Furcht hieß es, hinter einem Baum hervorzuschauen, bevor es seine Schnauze, ein kreisrundes Kissen, in meinen Bauch steckte. Die Augen drangen in meine Schultern wie Kugeln.
Blütenmoleküle fielen aus dem Mark der Bäume ringsum. Das Rieseln war ein Wispern, das sich mit Gesang vermählte: die Wiesenblumen, die Grasspitzen, Flügel, die Luft pflügend. Die Erde, unter das Gras gezwungen, stöhnte tief.
Und dort, im großen Blau, warst DU!
Ich rief nach Dir und warf Brombeeren in Deinen Mund. Erlöst warst Du in der Offenheit des Himmels, frei Deine gebrochenen Augen in Strahlen, Schneeglänzen.
Ich winkte und rief, mein eigener Geist in kindlicher Aufregung in diesem neuen Land.
Noch oft werde ich hin und hergehen, Türen öffnen und schließen, sie klappern hören und versuchen, die Ströme in meinem Atem zu beruhigen. Die Turbulenzen, die aus meiner Fontäne schießen, wirbelnde Bänder.
Wir werden Gebirge aus Blumen bauen und darin eine Rast finden für die Gedanken an Dich. So ist es eben, die Hülle versenken wir, die Seele geht mit dem Wind oder mit dem Fluss.
Wir bleiben hier, in unsere Körper genäht, vorläufig, endlich, die Füße auf Gras.
Es war wirklich ein überwältigendes Wochenende mit offenen Ateliers und hunderten von Besucher*innen, die sich alle an die Corona bedingten Hygiene-Auflagen halten mussten, die teilweise Schlange standen und soviel Geduld und Interesse mitbrachten. Gespräche und Zeit mit so vielen Kunst-Gästen und auch Kolleg*innen, das gab es schon lange nicht mehr. Ein reichhaltiges Fest für eine ausgehungerte Künstlerschaft und ein ebensolches Publikum.
Dazu durfte ich meinen ersten !!! Schreibworkshop in diesem Jahr am Arp Museum durchführen. Ebenfalls eine Feier, ein Glück, gemeinsames Eintauchen in Kunstbetrachtung, eine Zeitreise durch Träume, Visionen und Zwischenwelten in der Kunstkammer Rau und das Erlebnis, innere Welten und Gedanken in Texte gefasst zu teilen. DANKE.
Zu sehen sind Schrift-Grafiken, Collagen, Zeichnungen, Bücher. Malerei und Illustrationen sind auf Postkarten erhältlich.
Vor allem die Bücher sind Gucklöcher in poetische Welten; Reisen durch jene Welten sowie geographische Länder wie Portugal, Island und Bulgarien.
Es gibt ebenfalls künstlerische Dokumentationen langjähriger Projekte wie die Liebesbriefe aus dem Koffer, 2004-2014, www.liebesbriefe-aus-dem-koffer.blogspot.com und eine Truhe mit handgebundenen Lyrik-Editionen aus den Jahren 2006-2017.
Die Planetenmaschine (2006-2011) ist als museales Objekt vertreten mit entsprechenden Video-Dokus und teils daraus ausgekoppelter, autonomer Videokunst in Wort, Bild und Klang.
In der Vitrine stehen neben bibliophilen Kostbarkeiten Instrumente und Schnitzereien aus der Zeit zwischen 1995 und 2013.
Eine Reise durch mein mäanderndes künstlerisches Leben, präsentiert im Bonner Atelier Neumond, das wir nun seit 10 Jahren betreiben.
26. Offene Ateliers in der Bonner Altstadt, 19. und 20. September 2020.
Hier noch ein kurzes Video von Theo, der über viele Jahre an meinen Kunstprojekten teilnahm: www.evawal-kunstprojekte.blogspot.com.
Die erste Gruppen-Ausstellung nach dem Lockdown. Wir freuen uns sehr!
Foto: Isabel Oestreich.
Foto: Christian von Grumbkow
Ausstellungsansicht meiner Installation "Päijänne":
zwei Papierbahnen, je 100 x 250 cm, beschrieben (Kohle) mit den sieben Strophen meines Gedichts "Päijänne",
benannt nach dem tiefsten, längsten und zweitgrößten See Finnlands.
In der Mitte Schnur mit Fragmenten des Gedichts (s.u.).
Auf dem Notenständer: Gedichtedition (s.u., Edition), Spiegel (die rechte Papierbahn ist spiegelbildlich geschrieben), Besucher*innen-Info mit Verweis auf das Video auf diesem Blog im folgenden Juni-Posting ("Päijänne im Wald"). Das Video zeigt die Performance zum Gedicht, das gleichzeitig zu hören ist, unterlegt mit einer eigenen Klangkomposition.
Päijänne
Gedicht-Schnur, 2020
Gedichtfragmente mit Tinte handgeschrieben
auf Himalaya Lokta Büttenpapier und
Papyrus an einer Schnur
Länge: 250 cm, Papiere jeweils ca 7 x 4 cm
Vorbereitung: Das Gedicht "Päijänne"*, aufgeteilt in zwei Schriftbahnen als Installation.
Linke Seite: geschrieben von links nach rechts.
Rechte Seite: geschrieben von rechts nach links.
"Päijänne" als Edition:
Päijänne Edition, 2010
Handgebundene Gedicht-Edition mit Originalgrafik
auf chinesischem Reispapier,
Einband kahari Naturpapier Walnuss
23 x 16 cm (quer)
Päijänne, 2020
Gedicht als Schriftgrafik, handgeschrieben vorwärts und rückwärts
mit Tinte auf
Himalaya Lokta Büttenpapier, Türkisblau
50 x 75 cm
Unikat
* Das Gedicht "Päijänne" ist zu sehen und zu hören im nächsten Posting: Päijänne im Wald.
Seltsame Zeiten bringen seltsame Bilder hervor.
Je normaler die Corona-Situation wird, desto abstrakter und surrealer erscheint mir wiederum die Normalisierung des Surrealen, was ansich ebenfalls normal ist, dauert es nur lange genug an.
So wundert es nicht, mit Lewis Carroll's Alice im Wunderland zu fragen:
Leben: bist du nicht nur Traum?
Jedenfalls schien mir das der geeignete Titel für mein neues Paper Mural, das sich in der vergangenen Woche von mir malen ließ.
Seltsamer und seltsamer, "Courioser and Curiouser!" Cried Alice.
Seit zwei Wochen zuhause. Die Schulen haben geschlossen, die Cafés, Restaurants, Geschäfte, Kultureinrichtungen. Das öffentliche Leben liegt brach, weltweit. Es ist wie aus einem Science Fiction. Man soll zuhause bleiben, im Familienverbund. Das heißt mit Katze, Hund und Ehepartner im home office oder mit der Familie, der WG, aber auch alleine in einer Hochhauswohnung oder im Altenheim.
Leere Regale in den Supermärkten. Menschen hamstern und handeln panisch, egoistisch, aggressiv, oder sie zeigen Fürsorge für andere und Dankbarkeit für jene, die jetzt an der Front die Stellung halten: Ärzt*innen und Pflegepersonal, Kassierer*innen, Polizei, Müllabfuhr und viele mehr.
Ideen sprießen aus dem Boden, wie man helfen kann, um für sich selbst eine existentielle Notlage abzuwehren oder auch nur die Langeweile. Die sozialen Medien müssen nun vielfach physische Nähe ersetzen. Humor und Hass, Gier und Gemeinschaftsgeist zeigen sich neu, nicht nur im virtuellen Kosmos der Möglichkeiten.
Das Sars-Virus Covid-19, Corona genannt, hat die Welt im Griff und zwingt zu einer Generalpause.
Die Natur atmet auf, der Frühling kommt mit Macht.
Die Pandemie ist zur weltweiten Realität geworden, die sich gleichwohl abstrakt und surreal anfühlt, und deren Auswirkungen wir noch überhaupt nicht ahnen können. Alles andere ist weit in den Hintergrund der Wahrnehmung gerückt: Rassismus, Flüchtlinge, Kriege, Klimawandel, der ganz normale, globale Wahnsinn.
Wo werden wir, wird die Welt, nach dieser Krise sein?
Gibt es Hoffnung auf grundlegende Änderungen in der Gesellschaft, hin zu mehr Gerechtigkeit und Gesundung der Natur? Hin zu mehr Achtsamkeit und Bescheidenheit jedes Einzelnen vielleicht?
Es liegt an uns!
Als Kreative kann ich dankbar sein für die Auszeit. Solitäres Arbeiten kann, kenne und mag ich. Doch warum finde ich ausgerechnet jetzt keine Worte? Warum bin ich unruhig, ungeduldig und gleichzeitig gelähmt? Ich suche nach dem gewohnten Fluss der Worte, des Ausdrucks, der Transformation. Bin ich doch gesund und dankbar, auf dem Land zu wohnen, täglich durch den Wald zu gehen, mich mit Yoga fit zu halten. Doch es ist, als ob mich eine wächserne Wand umgibt, die weich erscheint, aber fest ist und undurchdringlich.
Ich möchte gerne die Zeit aufholen, sprachlich, gedanklich die Realität greifen und fassen, in eine Form einrühren, destillieren, sie fühlbar und spürbar machen. Mich mitteilen, einen Blogbeitrag schreiben. Doch die Sprache stockt. Ich bin leer.
Da kommt mir das Video passage in den Sinn, das ich nun am Ende dieses Beitrags teile. Es entstand 2017 in Lissabon im Zug während der Überquerung des Tejo.
Ich finde nur die Brücke, das Bild der Brücke, als geeignetes Symbol für das, was ich nicht ausdrücken kann.
Und da erreicht mich dieser Satz:
"Poetry can be the bridge that connects us during these difficult times".
Die chinesisch-britische Dichterin Mary Jean Chan, geboren in Hong Kong, schrieb 2017 ein Prosagedicht mit Titel: Safe Space (II). Zur Zeit wird es weitläufig auf twitter geteilt, mich erreichte es per Mail von meinen Oxforder Dichterfreund*innen.
Erst heute, nach Ausbruch der Corona-Pandemie, realisierte Mary Jean Chan, dass es ein Sars-poem sei. Denn 2003 erlebte sie die Sars-Epidemie in Hong Kong, ihr Vater war Arzt. Heute lebt sie in England, und als Covid-19 England erreichte, fehlten auch ihr die Worte zu schreiben.
Damals, als Zwölfjährige, während der Krise in Hong Kong, waren Bücher Chans Trost und sie beschloss, Schriftstellerin zu werden. Darauf ihr Vater: “As a doctor, you can cure one person at a time; as a writer, you can heal a whole society.”
Hier ein aktueller, unbedingt lesenswerter Artikel von Mary Jean Chan im Guardian, in dem sie auch den Anfang ihres Prosagedichts Safe Space (II)* zitiert:
Und hier das Video, mein bildsprachlicher Beitrag:
*
... containing a door you are allowed
to lock. Lock the door, even tough the flat
is empty and there are no mouths, no doors
that let the wild things through: wild love,
wild beauty, wild hurt, wild fear, all those
beasts and your inner voice whispering these are the options: fight, flight or freeze
Mary Jean Chan
(Flèche, Faber & Faber , 2019)
Möge Dichtung die Brücke sein, die uns auch in guten Zeiten verbindet!